Zwar ist für den Langstreckenspezialisten die Zeit des Leistungssports vorbei, jetzt will er mit Mountainbike, Rennrad oder Alpin-Ski sportlich unterwegs sein. „Das alles aber ohne Stress“, meint er schmunzelnd. „Ich habe mir meinen Rücktritt vom Eisschnelllaufen genau überlegt. Auf alle Fälle hätte ich von der Form her noch weitermachen können. Aber, ich wollte erhobenen Hauptes abtreten“, erzählt er. Erste Überlegungen dem Leistungssport „Ade“ zu sagen hatte er bereits nach einer schweren Sprunggelenksverletzung vor fünf Jahren und nach den Olympischen Spielen von Sotschi 2014. Durch die Verletzung hatte er große Probleme und fiel dadurch die gesamte Saison 2014/15 aus. „Damals war mein Ziel Olympia 2018, aber nur, wenn ich wieder vollständig gesund und ein noch besserer Eisschnellläufer werde. Ich habe mich noch einmal voll motiviert und Vollgas gegeben, trotz permanenter Schmerzen“, berichtet er.
Nachdem ihm sein Comeback gelungen war, spielte er mit den Gedanken, nach den Spielen 2018 in Südkorea die Karriere zu beenden. Nach längeren Beratungen mit seiner Freundin Marie und seinem persönlichen Umfeld, beendete er jetzt seine Karriere. „Vor allem meine Freundin hat mir immer die Perspektiven nach dem Leistungssport aufgezeigt.“ So will sich Geisreiter nun verstärkt dem Sportler- und Jugendcoaching widmen. „Ich denke, da kann ich einiges aus meinen sportlichen Erfahrungen einfließen lassen.“ Der Sportler hat während seiner Karriere neben dem Bachelor im Internationalen Management auch einen Master in Wirtschaftspsychologie mit Schwerpunkt Coaching und Beratung abgeschlossen. „Ich will jungen Menschen und Sportlern Orientierung und ein Karriere-Coaching anbieten“, erklärt Geisreiter, der auch den A-Trainerschein gemacht hat, seine Pläne.
„Mia-san-Mia-Gefühl in der Inzeller Gruppe.“
Moritz Geisreiter
Begonnen hat der „Zwei-Meter-Mann“ seine sportliche Laufbahn als alpiner Skifahrer, angestoßen durch seinen Vater. Erst als 13-Jähriger ist er zum Eisschnelllaufen gekommen. „Ich habe da schon eine Reihe von Sportlern gut gekannt. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich im Ausdauerbereich immer ganz gut dabei gewesen bin“, erinnert er sich. Mit seinem Onkel Uwe Streb, einem Olympiateilnehmer im Eisschnelllaufen im Rücken, versuchte er sein Glück mit den Schlittschuhen. In dieser Zeit ist noch Anni Friesinger-Postma aktiv gewesen. Von Anfang an dabei und das bis zuletzt war Gabi Hirschbichler. „Die Inzeller Gruppe hat immer einen tollen Charakter gehabt, wir sind ein guter Haufen gewesen, oft mit einem eigenen Humor“, beschreibt er das „Mia-san-mia-Gefühl“. In der Inzeller Trainingsgruppe hat es seit jeher Sprinter, Mittelstreckler und Langstreckler gegeben. „Ich bin oft gefragt geworden, warum ich mir ausgerechnet die 10000 Meter ausgesucht habe. Wir haben oft geflachst. Die Sprinter hören da auf, wo wir erst anfangen. Ich habe es nicht bereut.“ Immerhin hat er es bis zu seiner Sprunggelenksverletzung mit großen Schritten in die Weltspitze geschafft.
Eine bittere Zeit war die Reha nach der Verletzung. Geisreiter nennt es eine zähe Phase, in der zum Beispiel das Interesse der Medien an ihm spürbar nachgelassen hat. Könnte er seine sportliche Karriere noch einmal neu beginnen, würde er alles anders machen, meint er und fügt hinzu: „Das würde wohl nichts bringen, dann würde ich halt andere Fehler machen. Es ist so gelaufen, wie es ist, manches hätte ich besser einfädeln können. Wichtig ist die Erfahrung, die ich aus dem Ganzen mitnehmen darf.“
Die aktuelle Entwicklung im Eisschnelllaufen in Deutschland findet er schade. Nach Olympia sind Sportdirektor Robert Bartko und Bundestrainer Jan van Veen zurückgetreten. „Mit Bartko ist damals ein scharfer Wind hereingekommen. Aber das ist als Sportler motivierend gewesen, auch wenn es manchmal sehr hart war.“ Frischen Wind hat auch vor zwei Jahren der neue Bundestrainer van Veen in die Mannschaft getragen. „Jan war ein sehr feinfühliger Mensch im Umgang mit uns und ein absolut guter Trainer“, bescheinigt ihm der Sportler. „Leider ist es mit den langfristigen Zielen der beiden nichts geworden. Vielleicht hat die Kommunikation im Verband gefehlt. Nach dem Erdbeben im deutschen Eisschnelllauf wird man sich wohl wieder auf alte Werte besinnen. Ich sehe das wie ein altes Paar Turnschuhe, das wieder herausgeholt wird, weil das andere Paar abgelatscht ist“, beschreibt es Geisreiter. Trotzdem sieht er ein paar Hoffnungsschimmer im Nachwuchsbereich.
Die Zukunft am Standort Inzell kann er schlecht einschätzen. „Es braucht gute Strukturen, vor allem für Roxanne und Joel Dufter. Da sind Trainer Danny Leger und DESG-Vizepräsident Hubert Graf gefordert, dass da regional etwas geboten wird“, so Geisreiter abschließend.