„Damit würde ich mir den größten Traum erfüllen“

von Redaktion

Andreas Huber, der Mann hinter den Kulissen an einem FIM-Superstock-1000-Rennwochenende

Brünn – Es ist ein ganz normales Rennwochenende im Rahmen der FIM-Superstock-1000-Europameisterschaft gewesen: In Brünn, Tschechei, ist es sonnig und trocken, wie in den letzten drei Tagen auch. Eine Vielzahl an sommerlich bekleideten Menschen haben sich an der Rennstrecke des Automotodroms versammelt und verfolgen das Geschehen an der Startlinie. Mittendrin die beiden Obinger Superbike-Fahrer Markus Reiterberger, Erster im Qualifying und Topfavorit der EM, und sein BMW-Teamkollege Jan Bühn, auf Position sieben. Noch fünf Minuten zum Startschuss des FIM-Superstock-1000 Rennens. Doch dann wurde es dunkel.

„Und es begann in Strömen zu regnen. Alle Einstellungen und Prognosen aus den Vortagen wurden weggespült. Wieder waren wir gefragt“, erzählt Andreas Huber die Geschichte weiter und meinte mit „wir“ das Mechaniker-Team der deutschen Rennfahrer.

Der 37-jährige Obinger Andreas Huber ist von Beruf Mechaniker und schraubt unter anderem an den Motorrädern der oben genannten Fahrer im Rennstall von alpha Racing-Van Zon-BMW. Neben seiner Werkstatt in Obing tüftelt er an den Maschinen der EM-Teilnehmer und erfüllt sich mit dieser Tätigkeit einen Kindheitstraum. Auch wenn ihm das Erlebnis aus Brünn fast einen – in eigenen Worten – „halben Herzkasperl“ beibrachte, ist er Stolz ein Teil des Wettbewerbs der Fédération Internationale de Motocyclisme, kurz FIM, zu sein und seine Jungs zum Sieg zu schrauben.

Doch hat seine Karriere zuerst ganz anders begonnen. Sie begann als Arbeitnehmer im Metallbau. Hierbei verspürte der Motorradliebhaber, dass gewisse Detailarbeiten fehlten. So stillte er diesen Tätigkeitsdrang mit privaten Kfz-Arbeiten, bei denen er seine Talente und die Leidenschaft für akribisch-präzise Arbeiten auslebte. „Daraufhin habe ich schnell den Entschluss gefasst, meinen Job aufzugeben und mich als Mechaniker selbstständig zu machen“, so Huber.

Der Biker baute sich bei Obing eine Werkstatt auf und wurde zu einem gefragten Kfz-Meister. Einer seiner Kunden, sein bester Freund und Motorradrennfahrer Markus Reiterberger, schätzte dessen Fingerfertigkeiten und holte ihn in seinen Rennstall. Zu Beginn als Experte für die Bereifung kam er immer näher an die Bauteilmechanik der Superbikes. „Das war eine lehrreiche Zeit. Vor allem merkte ich neben der Arbeit, wie wichtig es ist, ein familiäres Umfeld für den Fahrer zu schaffen. Das trieb uns zu Höchstleistungen und Markus wurde deutscher Meister der IDM.“

Doch es dauerte nicht lange, bis ein Angebot des zweiten Rennstallfahrers Jan Bühn kam, der einen belastbaren, reisewilligen Mechaniker benötigte. Wochenende um Wochenende optimierte der Schrauber die Bikes in den Boxen von Portugal, Italien, Frankreich und Spanien, verbaute Carbonfaserstrukturen, schliff Schrauben zurecht und traf wichtige Entscheidungen. Endlich war er ganz nah dran. „Oft ist es schon vorgekommen, dass wir neben neuen Bauteilen auch selbst hergestellte Prototypen verbauen mussten, um das Motorrad optimal an den Fahrer und die Bedingungen anpassen zu können. Das Ergebnis der Arbeit dann auf der Rennstrecke zu sehen ist unbezahlbar“, resümiert der Obinger.

Durch die vielen Monate und Jahre eignete sich Huber viel Wissen über Material, Verarbeitung, Anwendung und Optimierung an. Somit stellte er den Fahrern eine immer bessere Maschine bereit. Dabei stehen Fahrer und Mechaniker immer im Austausch, die hin und wieder Interessenskonflikte hervorrufen, wie er berichtet: „Fahrer entwickeln oft viele gute Ideen zur Verbesserung bestimmter Parameter am Bike, jedoch müssen wir da aus verschiedenen Gründen oft intervenieren. Ich hatte einmal den Fall, dann musste ich dem Fahrer klarmachen, welche Nachteile seine Idee birgt. Ich konnte ihn nach langer Diskussion von meinem Vorschlag überzeugen. Schlussendlich fuhr er Bestzeiten.“

Huber kann weiter positiv an seiner Zukunft schrauben, denn für die kommende Saison ist er im Gespräch für die WM, um für Reiterberger beim BMW Test-Werksteam mitzuwirken. Er arbeitete schon an der neuen WM-Maschine und ließ einige seiner Ideen einfließen. „Damit würde ich mir den größten Traum erfüllen, denn im BMW-Team wäre ich richtig aufgehoben und könnte weiter erfolgreich arbeiten.“ Damit könnte Huber Recht haben, denn schon beim Rennen in Brünn trafen sein Team und er kurz vor Rennstart die richtigen Entscheidungen und passten das Fahrwerk in den verbleibenden fünf Minuten an den Regen an. Zur Freude aller, erreichten die Fahrer – auch durch die gute Arbeit des Mechanikers – trotz der Umstände den Vierten und 14. Platz und stellten somit die Weichen für den Europameistertitel von Reiterberger.

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