Zwischen Leben und Tod

von Redaktion

„Ich klopfe nach jeder Saison auf Holz, wenn nichts passiert ist.“ Elfriede Ruholl weiß, warum. Am Freitag ging es um Leben und Tod für ihren Sohn Christoph Ullmann. Der Eishockeyspieler, der aus Waldkraiburg stammt, wäre im Play-off-Spiel in Düsseldorf beinahe erstickt. Ein Teamarzt rettete ihm das Leben.

Waldkraiburg/Augsburg – Ganz Eishockey-Deutschland redet über den Schock-Moment, der sich im Viertelfinalspiel zwischen der Düsseldorfer EG und den Augsburger Panthern zugetragen hat. Nach einem harten Check des gegnerischen Spielers John Henrion knallte der 35-jährige Christoph Ullmann, Center der Gästemannschaft, mit dem Kopf in die Bande und war nicht mehr ansprechbar. Acht Minuten lag der Profi bewusstlos auf dem Eis. Seine Lippen waren schon blau angelaufen. Er drohte zu ersticken. Der Düsseldorfer Mannschaftsarzt Ulf Blecker und Panther-Physiotherapeut Oliver Rönsch reagierten geistesgegenwärtig, holten die Zunge, an der der Spieler fast erstickt wäre, wieder nach vorne und retteten ihm das Leben.

Der Eishockey-Profi habe bei dem Aufprall „seine Zunge verschluckt“, hieß es in den Medienberichten. Dabei ist dieser Ausdruck im Grunde nicht korrekt, so Dr. Michael Goebel vom Orthozentrum Rosenheim. „Ein Verschlucken der Zunge wäre nur möglich, wenn ein Teil der Zunge abgetrennt ist.“ Das war bei Ullmann nicht der Fall. Vielmehr folgte die Zunge schlicht der Schwerkraft. „Wenn man bewusstlos wird, verliert die Muskulatur ihre Spannkraft. Das betrifft auch die Zunge. Liegt der Bewusstlose auf dem Rücken, fällt sie nach hinten und legt sich vor die Luftröhre.“

Dann geht es um Sekunden. „An den blauen Lippen erkennt man schnell, dass jemand keine Luft mehr bekommt. Mit einem beherzten Handgriff in den Mund lässt sich die Zunge wieder nach vorne ziehen.“ Die Atemwege frei zu bekommen habe oberste Priorität. „Natürlich denkt der Mediziner in einem solchen Fall auch an eine mögliche Verletzung der Wirbelsäule. Aber es nützt in diesem Moment nichts, wenn man nichts unternimmt und der Patient erstickt.“

Notfälle mit einer verschluckten Zunge seien relativ selten, sagt Dr. Goebel, der als Arzt die Eishockeyspieler der Starbulls Rosenheim betreut. „Grundsätzlich kann das nicht nur Sportlern passieren, sondern jedem, der im Alltag oder nach Unfällen bewusstlos wird.“ Dann sollte jeder schnell Erste Hilfe leisten – so, wie es der Düsseldorfer Mannschaftsarzt getan hat.

Christoph Ullmann hat er damit das Leben gerettet. Wie seine Mutter Elfriede Ruholl auf Anfrage bestätigte, konnte der 35-Jährige bereits am Samstagvormittag die Uni-Klinik in Düsseldorf wieder verlassen und seine Frau Nadine und die beiden Kinder in die Arme schließen. Körperlich geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Er hat sich eine Gehirnerschütterung zugezogen und eine Platzwunde an der Schläfe, die genäht wurde. An den Check kann er sich nicht erinnern. „Er steht natürlich weiter unter ärztlicher Beobachtung, in dieser Woche folgen noch einige Untersuchungen an“, erzählt Ruholl, die erst am Samstag von allem erfuhr. „Per Zufall.“ Da war schon klar, dass es ihrem Sohn besser geht. Der müsse jetzt zusehen, wie er dieses Erlebnis verkraftet und verarbeiten kann. Den dramatischen Vorfall musste sie nicht mit anschauen. „Es ist schon schlimm genug, wenn man bei anderen Spielern sieht, wenn sie sich verletzen“, sagt die Waldkraiburgerin, und: „Ich klopfe jedes Mal auf Holz, wenn die Saison vorbei ist und ihm nichts passiert ist.“

Bislang war er von schweren Verletzungen weitgehend verschont geblieben. Seit fast 17 Jahren spielt Ullmann professionelles Eishockey. Der Sportsmann gehört mit fast 900 Spielen in der DEL, drei Meistertiteln mit Mannheim und Köln und über 150 Länderspielen zu den Ausnahmeerscheinungen in seinem Sport.

Klar hat der Vorfall auch viele Freunde und Fans in Waldkraiburg geschockt. Zum Beispiel Kurt Aupperle, der im erweiterten Vorstand des EHC mitarbeitet. „Sowas passiert im Sport, leider“, sagt er. Deshalb sei es so wichtig, dass geschulte Mediziner im Stadion sind. Für die Oberliga ist vorgeschrieben, dass ein Arzt vor Ort ist. „Sonst wird kein Spiel angepfiffen.“ Im unterklassigen Bereich, auch im Nachwuchs, wo die Wucht der Zweikämpfe nicht so groß wie bei den Profis ist, müsse eine Person anwesend sein, die einen großen Rettungsschein hat, so Aupperle.

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