Der Kopf als zwölfter Mann

von Redaktion

1860 Rosenheim verliert gegen Illertissen nach der Pause komplett den Faden

Rosenheim – Wie oft fragt sich der geneigte Fußball-Fan, was denn in so manchen Spielen in der Halbzeitpause geschieht? Da kommen dann manche Teams, die zuvor die Gefährlichkeit eines zahnlosen alten Dackels hatten, mit Schaum vorm Mund aus der Kabine und drehen ein Spiel. Andere Mannschaften wiederum machen im zweiten Durchgang einen müden Eindruck, als hätten sie gerade stundenlang Gesetzestexte als Hörbuch vorgelesen bekommen. Und so wandeln sich dann manche hart erkämpften Pausenführungen in bittere Niederlagen um, oder man startet aus einem schier aussichtslosen Unterfangen eine erfolgreiche Aufholjagd. So geschehen auch in der Fußball-Regionalliga Bayern, in der der TSV 1860 Rosenheim seine Heimpartie am drittletzten Spieltag gegen den FV Illertissen nach einer 1:0-Führung zur Pause noch mit 3:4 verloren hat.

Vor allem geht es dabei um die 25 Minuten nach Wiederbeginn, in der das Spiel entschieden wurde, weil Illertissen vier Treffer markierte. Da war es dann auch egal, dass die Rosenheimer im ersten Durchgang eine starke Partie abgeliefert hatten (Trainer Thomas Kasparetti: „Ich war richtig stolz auf die Mannschaft“), und auch in der Schlussviertelstunde ein Offensiv-Feuerwerk losließen. Es geht um die 25 Minuten, in denen die Sechziger die Begegnung verloren. Die Minuten, in denen man auch den Glauben an den Klassenerhalt verlieren konnte. Vier Tore, bei denen Illertissen seine spielerische Klasse zeigte, die aber auch kurzfristige Zerfallserscheinungen bei den Rosenheimern zum Vorschein brachten.

„In so einer Drucksituation entscheiden Nuancen. Wie man die Zweikämpfe annimmt, wie die ein oder andere Entscheidung für oder gegen einen ausfällt – und plötzlich erschrickst du und kommst aus dem Konzept“, sagte Kasparetti – und meinte damit vor allem: Die Entscheidung fällt im Kopf. „Wir wollten eigentlich so weitermachen wie in der ersten Halbzeit“, so der 1860-Coach. Seine Mannschaft dominierte, der Kopfballtreffer von Markus Einsiedler zum 1:0 war eigentlich zu wenig, weil Einsiedler noch am Torwart scheiterte, Danijel Majdancevic vorbeischoss und Wiggerl Räuber am Innenpfosten scheiterte. Kasparetti: „Normalerweise gehst du mit 3:0 in die Pause und das Spiel ist erledigt.“

War es aber nicht, weil der Kopf mitspielte. Vielleicht steckte da auch drin, dass man die Woche davor in Pipinsried mit 1:0 führte, und das Spiel noch verlor. Damit, dass Illertissen mit Schwung und einer ganz anderen Körpersprache als in der ersten Hälfte aus der Kabine kam, kam 1860 nicht zurecht und wirkte regelrecht eingeschüchtert. Die Gäste wirkten plötzlich spritzig, gingen vorne in die entscheidenden Räume – und brachten die Pässe auch an, weil die Rosenheimer überhaupt nicht in die Zweikämpfe kamen und so nicht dagegenhalten konnten. Felix Schröter traf zum 1:1, Volkan Celiktas setzte einen Freistoß ins Torwarteck zur Gäste-Führung. Was dann folgte, war zum Kopfschütteln: Zunächst konterten die Gäste so perfekt, dass Burak Coban nach einer feinen Körpertäuschung im Fünfer letztlich ins leere Tor einschießen konnte, dann verloren die Sechziger kurz nach dem Anstoß den Ball, wieder traf Schröter – plötzlich führten die Gäste mit 4:1. „Es ist komisch, dass man erst einmal die Kabine zusammenschreien muss“, meinte Illertissens Coach Marco Küntzel.

Kasparetti schrie auch: „Wehrt Euch“, rief er der in sich zusammenfallenden Mannschaft zu. Als der Druck nach dem Rückstand weg war, spielte 1860 plötzlich wieder mutig. Der angeschlagene und dann in der Offensive eingewechselte Kapitän Mathias Heiß war ein belebendes Element – Illertissens Torwart Felix Kielkopf musste dreimal hervorragend parieren. Weil die Sechziger Moral bewiesen, kam sogar noch einmal ein kleines Fünkchen Hoffnung auf. Danijel Majdancevic und Maxi Mayerl trafen, das 3:4 in der Nachspielzeit kam aber zu spät.

Nach den zwei Niederlagen ist der direkte Klassenerhalt für die Rosenheimer wohl außer Reichweite. Jetzt geht es erst einmal darum, den Direktabstieg zu vermeiden. Und da muss natürlich der Kopf mitspielen: „Wir können nichts anderes machen, als dranbleiben und den Glauben festigen“, sagt Kasparetti. Er muss seine Hoffnung aus der ersten Halbzeit und der Schlussviertelstunde ziehen. Richten müssen es jetzt die Spieler – und der Kopf!

TSV 1860 Rosenheim: Stockenreiter, Lenz, Wallner, Krätschmer, Räuber, Shabani (ab 61. Krueger), Maier (ab 72. Heiß), Mayerl, Einsiedler, Linner, Majdancevic.

Schiedsrichter: Pflaum (Dörfleins).

Zuschauer: 230.

Tore: 1:0 Einsiedler (41.), 1:1 Schröter (49.), 1:2 Celiktas (60.), 1:3 Coban (70.), 1:4 Schröter (71.), 2:4 Majdancevic (85.), 3:4 Mayerl (90. +2).

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