Rosenheim – Drei Jahre war Ludwig „Wiggerl“ Räuber (24 Jahre) einer der Leistungsträger beim Fußball-Regionalligisten 1860 Rosenheim, doch jetzt zieht es ihn zumindest beruflich in die große Fußball-Welt. Er startet am 1. August seinen Vollzeitjob beim Bundesligisten TSG Hoffenheim. Wie es dazu gekommen ist, wie es fußballerisch weitergeht und ob noch einmal eine Rückkehr nach Rosenheim möglich ist, verrät der 24-Jährige in einem Interview mit der OVB-Sportredaktion.
Kurzer Rückblick auf die Zeit bei 1860 Rosenheim: Was bleibt in Erinnerung?
Da gibt es zwei Seiten: Zum einen das Sportliche und zum anderen auch meine Familie, die drei Jahre bei jedem Heimspiel da war, auch wenn wir nicht so gut gespielt haben wie letzte Saison. Das weiß ich sehr zu schätzen. Wir hatten in Rosenheim einen unglaublichen Teamgeist und wir haben in diesem Freundeskreis auch außerhalb vom Fußball viel zusammen gemacht. So etwas habe ich selten erlebt, dass man eine so krasse Bindung zu seiner Mannschaft hat. Schade eigentlich, dass wir diesen Teamgeist nicht genauso auf dem Platz gebracht haben. In der Mannschaft hat es eigentlich immer gepasst. Mit seinen Freunden zusammen Fußball zu spielen, so etwas gibt es eigentlich nur in Ligen weiter unten. Sportlich hat es mir auch immer Spaß gemacht, weil wir meiner Meinung nach auch einen ansehnlichen und technisch guten Fußball gespielt haben und darauf bin ich auch stolz.
Körperlich ist eine Regionalligasaison definitiv anstrengend, aber wie sah es mental aus? Der Abstiegskampf war doch enorm nervenaufreibend.
Das trifft eigentlich nicht nur auf diese Saison zu, sondern auf meine kompletten drei Jahre hier in Rosenheim. Im ersten Jahr waren wir vermeintlich früh gesichert, aber am Ende ist es trotzdem noch mal eng geworden, genauso wie letzte Saison. Und 2018/2019 kam dann der Tiefpunkt. Aber dann haben wir doch noch einmal eine coole Serie gestartet. Insgesamt war es tatsächlich sehr, sehr nervenaufreibend.
Mit 24 ein Veteran in der Regionalliga
Gab es Momente, als Sie glaubten, dass es nicht reicht?
Wenn ich ehrlich bin, denkt man schon viel nach. Da gab es natürlich auch Spiele wie zum Beispiel gegen Illertissen, die einen nachdenklich machen. Da spielt man die erste Halbzeit gut, hat viele Chancen und innerhalb von drei Minuten bricht man total auseinander. Da denkt man dann schon: Das ist schon nur noch ganz wenig, was da mental auf dem Platz ist.
Sie haben gefühlt bis auf Torhüter alle Positionen bei 1860 Rosenheim gespielt. Wo spielen Sie eigentlich am liebsten?
Das kann ich ehrlich gesagt auch nicht genau beantworten. Die Trainer hatten mit mir einen Spieler, der eigentlich auf jeder Position ordentlich in dieser Liga spielen kann. Als ich noch mehr meinen Profitraum verfolgt habe, war das im Nachhinein eher ein Nachteil, weil mein Name nicht mit einer bestimmten Position in Verbindung gebracht wurde. So ist es für einen Spieler aus der U23 schon schwierig, weil der Markt so überlaufen ist. Mir persönlich hat die Position in Rosenheim in der Dreierkette Megaspaß gemacht, weil ich hier meine beste Fähigkeit, die Schnelligkeit, optimal ausspielen und gleichzeitig auch das Spiel leiten kann.
Sie sind jetzt 24 Jahre jung – da kommt die beste Zeit als Fußballer noch. Wie geht es auf dem Spielfeld weiter?
Ich habe jetzt meine siebte Regionalliga-Saison abgeschlossen und habe mittlerweile 200 Regionalliga-Spiele. Für mein Alter bin ich eigentlich schon ein Veteran in dieser Liga, was sich jetzt krass anhört. Ich habe mir mal geschworen, dass ich nie absteigen werde und das war auch der Antrieb für mich in den letzten Wochen. Und, dass ich mindestens immer Regionalliga spielen werde. Das ist mein Mindestanspruch. Ich habe natürlich schon immer den Traum gehabt, höher zu spielen. Ich bin überzeugt, dass ich die Qualität dafür gehabt hätte oder habe. Jetzt hatte ich das Gefühl, noch einmal etwas verändern zu wollen. Ich war drei Jahre in Ingolstadt, dann war ich drei Jahre hier und jetzt geh ich vielleicht noch mal drei Jahre etwas weiter weg.
Wie kam es zu der Chance, nach Hoffenheim zu gehen?
Der Gedanke nach der Veränderung war auch der Antrieb für mein Praktikum in Hoffenheim wo ich parallel auch bei der U23 mittrainiert und mein Praktikum im Management, im Sponsoring und Merchandising gemacht habe. Und das hat auch von der ersten Sekunde an voll gepasst. Ich habe in dem Unternehmen auch einen Mentor und Förderer mit dem Dr. Peter Görlich, der Geschäftsführer von der TSG Hoffenheim ist. Nach den vier Wochen Praktikum haben wir beide festgestellt, dass das eigentlich gut funktioniert hat und ich habe ihm gesagt, dass ich mich auch in dem Verein sehen könnte mit den Werten und der Arbeit, die dort gemacht wird.
„Ich habe verstanden, warum es nicht zum Profi gereicht hat“
Und spielen werden Sie in der U23?
Mit der U23 hat es super geklappt. Ich glaube, dass ich mit meiner Erfahrung den Jungs auch viel mitgeben könnte, weil ich selbst schon in der Situation gewesen bin. Ich habe im Nachhinein auch verstanden, warum es für mich nicht zum Profi gereicht hat. Ich habe in meiner Zeit in Ingolstadt schon immer in der U23 gespielt, aber ich hätte auch noch mehr für mich selbst machen können und hätte noch professioneller trainieren können. Aber das ist ein Vollzeitjob in Hoffenheim und nebenbei in der U23 zu spielen, würde nicht klappen, weil die Mannschaft täglich in den frühen Nachmittagsstunden trainiert. Das sind die Stoßzeiten im Büro, da kann ich nicht auf dem Trainingsplatz stehen. Das mit dem Job ist fix und ich habe den Vertrag auch schon unterschrieben. Was im Fußball passiert, wird sich zeigen. Ich bin in Kontakt mit Astoria Walldorf, die in der Regionalliga spielen, aber wann und ob ich dort unterschreiben werde, steht nicht fest. Ich fange am 1. August in Hoffenheim an und dann möchte ich mich auch erst einleben, eingewöhnen und den Job kennenlernen.
Sie haben neben ihrer Fußballkarriere ihr eigenes Modelabel aufgebaut und nebenbei ein Studium abgeschlossen. Wie bringt man das alles unter einen Hut?
Das geht alles nur mit Teamwork. Das Studium habe ich natürlich alleine durchgezogen, aber im Fußball ist die Mannschaft dabei und meine Leidenschaft für den Sport war immer ein Antrieb für mich als Leistungssportler. Das Label Ballfellas ist ein Gemeinschaftsprojekt mit einem meiner besten Freunde, Manuel Schäffler, der da auch involviert ist. Wir haben das in meiner Ingolstädter Zeit gegründet, haben klein angefangen, sind stetig gewachsen. Mittlerweile sind wir auch eine Art Tochter von Maloja, nutzten da die Produktionsstätten, was natürlich auch eine hervorragende Qualität garantiert. Mein Vater und mein Bruder sind da natürlich auch involviert und meine Mutter macht viele logistische Geschichten. Ganz wichtig war natürlich, dass Fußball, Studium und Mode immer super Spaß gemacht haben. Jetzt kann ich genau die Sachen, die ich die letzten Jahre gemacht habe, in meinem neuen Job umsetzen. Es ist fast schon kitschig, dass das alles so gut zusammenpasst.
Abschließend noch einmal zu 1860: Was trauen Sie der Truppe in der neuen Saison zu?
Ich hoffe, dass es endlich mal eine sorgenfreie Saison wird und ich glaube auch, dass das System von Trainer Thomas Kasparetti jetzt auch gegriffen hat. Nicht mehr so risikoreich zu spielen wie es die Jahre vorher war, bringt auch Stabilität. Wichtig wird sein, dass Matze Heiß schnellstmöglich fit wird und bleibt, weil sein Ausfall nur schwer zu kompensieren ist. Natürlich sind auch ein paar bittere Abgänge zu verkraften.
Gibt es vielleicht noch einmal eine zweite Rückkehr zu den Rosenheimer Sechzigern?
Rosenheim war für mich die Wohlfühloase, wo ich jeden Tag meine Jungs traf und mit ihnen Spaß beim Fußball hatte. Für mich war das wie ein Nest, doch jetzt ist es Zeit, das Nest wieder zu verlassen und ein bisschen zu fliegen. Ich gehe in einem guten Verhältnis weg, aber die Tür zurück ist immer offen. Mit dem Nichtabstieg kann ich erhobenen Hauptes gehen und meine eigenen Dinge machen. Und dann wieder zurückkommen, wenn sich die Situation ergibt und es passt. 1860 Rosenheim wird meine fußballerische Heimat neben meinen anderen Jugendvereinen wie Halfing und Bad Endorf bleiben. Interview Hans-Jürgen Ziegler