Inzell – Für den Normalbürger wären 40 Kilometer Laufen und das Überwinden von 2000 Höhenmetern eine gewaltige Kraftanstrengung. Für Florian Neuschwander ist diese Distanz eher was zum Warmwerden. Der 38-Jährige ist Allroundläufer, will sich aber in Zukunft auf sogenannte Ultra-Trails spezialisieren. Diese haben eine Länge von bis zu 100 Kilometern. „Im Prinzip laufe ich alles, kurz und schnell und halt auch längere Strecken. Dazu kommen kürzere Bergläufe“, erklärt er.
Vor rund zwei Monaten ist er mit seiner Lebensgefährtin und Kind von Offenbach nach Inzell gezogen. „Ich möchte gerne alpine Strecken kennenlernen und da ist Inzell ideal. Hier kann ich viele Höhenmeter sammeln, um vielleicht später im Ultra-Trail und Berglauf noch was reißen zu können“, erzählt er. Deswegen plant er im September auch einen Start am Hochfelln-Berglauf. „Das reizt mich, das ist ein kurzer und knackiger Lauf. Ich bin im Training schon mehrmals raufgelaufen.“ Um an der Spitze mitzumischen, muss er sich, was die Zeit betrifft, noch verbessern. Etwa 48 Minuten braucht er aktuell, im Wettkampf sind zwischen 43 und 44 Minuten gefordert. „Ich denke, momentan habe ich so 45 Minuten in den Beinen.“
Mit dem Laufen begonnen hat er als 15-Jähriger, zunächst klassisch auf der Bahn von 800 bis 5000 Metern. Zwei Jahre später lief er über 10 000 Meter saarländischen Rekord. Ab 2011 begann er, längere Strecken zu laufen, ein Jahr später wagte er sich im Training auf die 100-Kilometer-Distanz. „Ich wollte sehen, wie sich das anfühlt, und es ist erstaunlich gut gelaufen.“
Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Florian Neuschwander, als er 2015 in Darmstadt den „Wings for Life World Run“ gewann. Seitdem nimmt er an diesem jährlich teil, stellt weltweit immer das größte Team und sammelt auch das meiste Geld. Dieses kommt der Rückenmarkforschung zugute. In diesem Jahr beim Lauf in München wurde er Zweiter und in der weltweiten Wertung Dritter. Sein Rekord bei diesen Läufen liegt bei 84 Kilometer, den er in Mailand aufgestellt hat. Diese Läufe finden in über 30 Ländern jeweils im Mai zeitgleich statt.
Daneben hat Neuschwander auf der ganzen Welt Rennen bestritten und eine Reihe bemerkenswerter Erfolge feiern können. 2013 wurde er Vize-Weltmeister im Ultra-Trail auf einer Streckenlänge von 77 Kilometern und knapp 3000 Höhenmetern. „Es gibt immer verschiedene Streckenprofile, dieses hat mir gut gepasst“, erinnert er sich. Trotzdem fordern solche Wettkämpfe auch bei Spitzensportlern ihren Tribut. Neuschwander erinnert sich an den „Western States Endurance Run“ über 100 Meilen in den USA. Bei über 40 Grad mussten die Teilnehmer 5000 Höhenmeter überwinden. Die Strecke führte bis auf eine Höhe von 2800 Metern. „Da bin ich gut 20 Stunden unterwegs gewesen und war danach ein halbes Jahr völlig platt“, schildert er die Strapazen: „Solche Läufe kann man maximal zweimal im Jahr machen.“ Zuletzt war er beim Mountain Man in Reit im Winkl am Start. Auf der 39 Kilometer langen Strecke hatte er sich im strömenden Regen gleich am Anfang verlaufen. Trotzdem konnte er das Rennen von hinten aufrollen und gewann. Um solche Leistungen abzurufen, trainiert Neuschwander täglich intensiv. „Wenn man gut vorbereitet und in Topform ist, sind die Strapazen nicht so groß und es ist auch keine Schinderei“, sagt der Profisportler, der nebenbei noch einen Online-Shop betreibt und in seinem Blog „Run with the flow“ über seinen Sport berichtet.
In Inzell hat er bereits Kontakte zur heimischen Läuferszene geknüpft. Im Winter hat er zusammen mit Toni Palzer, Ausnahmesportler aus dem Berchtesgadener Land, eine Skitour geplant. „Das ist Neuland für mich“, gibt er zu. Dafür freut er sich darauf, im Winter öfters auf den Langlaufbrettern unterwegs zu sein. So will er im Januar an der „Bioteaque Sports Chiemgau Team Trophy“ starten. Diese verläuft von Inzell nach Reit im Winkl. Vor ein paar Jahren hat er in Österreich bei einem Rennen als Preis ein paar Langlaufski gewonnen. „Die habe ich noch im Keller“, verrät er.
Ende August wird er in Frankreich an einem Ultra Trail im Mont-Blanc-Gebiet teilnehmen. „Ich bestreite die kleine Runde, da ist die Weltklasse am Start“, freut er sich. Kleine Runde bedeutet 55 Kilometer mit 3500 Höhenmetern.shu