Rosenheim – Sport ist sein Leben. Das kann man mit Fug und Recht von Michael Pagels behaupten. Der Tausendsassa erbringt in diversen Sportarten Höchstleistungen. Von sich selbst sagt er, er ist Gewichtheber mit vielseitigem sportlichem Interesse. Aber das erfasst Michael Pagels nicht ausreichend. Bei einer Tasse Kaffee erzählt der 60-Jährige von seinen „Projekten“, und woher sein nicht enden wollender Antrieb kommt.
Pagels macht seit er fünf ist Sport. Zur Schulzeit in Mecklenburg verbringt er jede freie Minute auf dem Fußballplatz, dem Handballfeld oder im Leichtathletikstadion. Er sagt, dass ihn dieses vielseitige Aktivsein in seiner Kindheit nachhaltig geprägt habe. Mit 13 beginnt er mit Gewichtheben. „Ganz ehrlich, etwas anderes hat mich nie so sehr interessiert wie Sport“, stellt er fest. Also war es naheliegend, dass er in Leipzig Sportwissenschaft studierte. Als die Mauer fällt, geht er nach Kassel, startet in der 1. Bundesliga als Heber, bis er 33 ist. Dort arbeitet er auch als Gesundheitstrainer, und kommt mit dem Breitensport in Berührung.
Vor etwa 20 Jahren begann er dann, hauptberuflich als Personal-Trainer zu arbeiten. Dadurch kam er zum Ausdauersport, den er eigentlich gar nicht mochte. Aber viele Klienten wollten besser Laufen – und weil er überzeugt ist, dass ein Trainer wissen muss, ob sein Trainingsplan auch funktioniert, ging er das „Projekt Ausdauer“ an. In nur neun Monaten schaffte er es von null zum Marathonlauf in vier Stunden – Projekt erfolgreich abgeschlossen.
Vor rund zehn Jahren ist er mit einem Klienten im Leichtathletikstadion und springt nur so zum Spaß in die Sandgrube. Die Weite ist gut, Pagels meldet sich beim TSV 1860 Rosenheim an, trainiert sich selbst und schafft im ersten Wettkampf die Norm für die deutsche Meisterschaft. Er fährt hin, gewinnt überraschend den Titel – und erklärt das „Projekt Weitsprung“ wieder für beendet.
Die wenige Zeit, die er zu Hause auf dem Sofa verbringt, schaut er gerne Sport im Fernsehen: Skispringen, Fußball – „aber nur guten“ – und Handball, Leichtathletik, Volleyball. Vor ungefähr fünf Jahren sah er einen Leichtathletik-Bewerb und dachte, dass ihn Dreisprung auch schon immer fasziniert hätte. Das nächste Projekt war gefunden. Er zog los, sprang – und schaffte die Qualifikation für die deutsche Meisterschaft. Um sich dafür fit zu machen, reaktivierte Pagels seine Gewichtheber-Übungen und sah, dass er mit seinen Werten auch da gut dabei wäre. Also meldete er auch dort und wurde deutscher Meister in seiner Alters- und Gewichtsklasse. Im Dreisprung erreichte er den zweiten Platz bei der „Deutschen“ und wurde EM-Dritter. Dort gewann ein anderer Deutscher und mit 55 Jahren stand Pagels das erste Mal bei einer internationalen Sportveranstaltung auf dem Stockerl und hörte die Nationalhymne. „Barbarisch, richtig super gut“, beschreibt er diesen emotionalen Moment. Später wurde er WM-Fünfter in Malaga und EM-Vierter in Madrid.
Und weil es im Gewichtheben gut lief, wurde das Projekt „bayerische Rekorde“ in Angriff genommen. 2015 trug sich Pagels auch hier in die Bestenliste ein, 2019 holte er in Finnland, bei seinem ersten internationalen Start als Heber, den EM-Titel – und durfte die Hymne wieder hören! Auf die Frage hin, wie er das alles leistet, sagt er: „Wenn ich mich für ein sportliches Projekt entschieden habe, dann wird ein Plan gemacht und es gibt für mich nichts anderes drumherum. Dann wird das durchgezogen und es gibt auch nie Zweifel.“ Das Geheimnis des Erfolgs sind also Hingabe und Disziplin. Aber wie hält man das durch? „Motivation ist gar kein Problem, wenn ich mich mal entschieden habe. Ich überlege mir meine Projekte gut und mache das, was ich tue, unglaublich gern.“ Dabei gehe es nicht zwangsläufig um Siege, sondern darum, das Bestmögliche aus sich herauszuholen. Dass er bei Wettkämpfen fast immer vorne landet, ist dann das Glück des Tüchtigen. Gibt es überhaupt noch Ziele? In zwei Wochen findet die Leichtathletik-EM der Senioren in Venedig statt, Pagels will auch dort seine Leistung abrufen und dann in zwei Disziplinen international eine Medaille geholt haben – und das innerhalb eines Jahres. Bemerkenswert ist dabei, dass Pagels noch nie mit Trainern oder Physiotherapeuten gearbeitet hat. Er hat alle seine Erfolge autodidaktisch erreicht. Mit seinem Hintergrundwissen aus Studium und langjähriger Trainererfahrung bereitet er sich selbstständig auf Wettbewerbe vor und war auch noch nie schwerwiegend verletzt.
Als Coach arbeitet er mit Menschen, die nichts mit Leistungssport zu tun haben, sondern mit gesundheitlichen und bewegungskoordinativen Problemen kämpfen. Dabei betreut er die meisten seiner Klienten zwischen dem Chiemsee und München seit vielen Jahren. Es sei „ein ganz anderes Erfolgserlebnis, wenn man ein Leben positiv beeinflussen kann“. Einen Trick hat er dabei nicht. „Jeder tickt anders. Aber am wichtigsten ist es, dass man sich selber darüber im Klaren wird, wie viel der eigene Körper vom gesamten Wohlbefinden ausmacht.“ Zum Geburtstag wünsche sich jeder immer Gesundheit. Aber das sei nichts, was man geschenkt bekomme. Man müsse daran arbeiten.
Privat genießt Pagels sein Leben. Er sei total angekommen, sagt er. Seit 20 Jahren lebt er mit seiner Frau in Rosenheim. Wenn der Wettkampf- und Terminkalender es zulassen, will er die Welt sehen. In über 55 Länder hat er es in den 30 Jahren seit dem Mauerfall geschafft. Er macht mit seiner Frau „Abenteuer-Urlaube mit viel Natur und wenig Menschen“, wie Bergsteigen in Nepal oder Patagonien. Im Herbst wird Pagels dem Wettkampfsport erst einmal abschwören. Einen neuen Teil von der Welt will er sehen. Wenn er fit und gesund bleibt – da ist er sich aber sicher – kann es dann schon passieren, dass er irgendwann wieder die Lust verspürt, noch einmal ein „Projekt“ anzugreifen.