Rotterdam/Aubenhausen – Schon beim Schlussgruß breitete Jessica von Bredow-Werndl den rechten Arm aus, als wolle sie die ganze Welt umarmen. „Da ist so viel Druck von mir abgefallen“, sagt sie später. Mit traumwandlerischer Sicherheit und scheinbar mühelos waren sie und TSF Dalera BB am letzten Tag der Dressur-Europameisterschaft durchs Viereck getanzt. Jeder Schritt, jeder Trabtritt, jeder Galoppsprung wie der andere, passend zur Musik aus dem Film La La Land. Kein einziger wackliger Moment, kein einziger Fehler. Pferd und Reiterin schienen zentaurenhaft verschmolzen.
„Definitiv unsere bisher beste Kür“
„Es war definitiv unsere bisher beste Kür“, wusste von Bredow-Werndl. Die sieben Richter vergaben 89,107 Prozent, so viel wie nie zuvor. Bronze! Damit erfüllte sich für die Aubenhausenerin ein lang gehegter Traum: die erste Einzelmedaille bei einem internationalen Championat in der Altersklasse der Reiter. Der Triumph nach einer Championatswoche, die denkbar schlecht begann.
Im Grand Prix am ersten Tag war von Bredow-Werndl als erste deutsche Mannschaftsreiterin voller Optimismus ins Viereck gegangen. „Die Vorbereitung war perfekt. Wir haben nach Aachen noch einmal einen Schub gemacht. Dalera und ich haben eine neue Ebene erreicht“, ist die Sechste der Weltrangliste überzeugt. Doch im Viereck hob die Dunkelbraune ausgerechnet in der Trabtraversale den Schweif, stockte und erleichterte sich. Da die vollkommen missglückte Lektion doppelt zählt, verlor das Paar sehr viele Punkte. Am Ende standen 76,894 Punkte auf der Anzeigetafel, deutlich weniger als möglich gewesen wären. Von Bredow-Werndl war zutiefst enttäuscht. „Ich habe es einfach nicht verstanden. Warum ich? Warum heute? Ich habe so geweint!“
Nach den bitteren Tränen kam am nächsten Tag die große Freude über den Mannschaftssieg mit ihrer langjährigen Trainerin Isabell Werth, Dorothee Schneider und Sönke Rothenberger. „Wir haben immer die Ritte der anderen verfolgt. Es war ein echtes Miteinander“, berichtet von Bredow-Werndl.
Nach der gemeinsamen Feier und einem Ruhetag ging es in die Einzelwettbewerbe. Die Aubenhausenerin wusste, dass sie im Grand Prix Spezial unter den drei besten Deutschen sein musste, um in die Kür zu kommen. Als Neunte nach dem Grand Prix waren ihre Chancen gering. „Ich habe trotzdem geglaubt, dass wir es schaffen können“, sagt von Bredow-Werndl. Aber auch der Spezial gelang nicht nach Wunsch. Das Paar blieb mit 78,541 Prozent ein weiteres Mal deutlich unter seinem Bestergebnis. „Ich habe auf ein Wunder gehofft“, sagt von Bredow-Werndl.
Tatsächlich patzte auch die Konkurrenz. Rothenberger und sein Cosmo erwischten sogar einen schwarzen Tag. Mit nur 78,116 Prozent musste der 24-Jährige Hesse seiner Teamkameradin den Vortritt lassen. In der Kür wuchsen die drei Deutschen über sich hinaus und standen am Ende gemeinsam auf dem Treppchen. „Ich bin so, so, so glücklich. Es fühlt sich so an, als ob Dalera und ich noch am Anfang unserer Reise sind“, blickt die Team-Welt- und -Europameisterin zuversichtlich nach vorne. Ihr nächstes großes Ziel sind die Olympischen Spiele in Tokio 2020.