„Ich wollte nie raus aus der DDR“

von Redaktion

Harald Mothes war Torjäger in Aue, noch immer gibt es Trikots mit seinem Namen

Ampfing – Er war einer der torgefährlichsten Spieler der DDR-Oberliga, spielte 15 Jahre für Wismut Aue im Erzgebirge: Harald Mothes. Als Profifußballer hatte er durchaus die Chance, aus der DDR rauszukommen – und doch kam er mit seiner Mannschaft immer wieder zurück. Zu stark war er verwurzelt, um vor dem Mauerfall alles hinter sich zu lassen.

Harald Mothes klagt nicht über die Zeit in der DDR. Vieles war für ihn als Profisportler deutlich einfacher als für andere. Zwölf Jahre warten auf ein neues Auto? Nicht für Sportler. Eine größere Wohnung? Kein Problem für ihn. In den Urlaub fahren? Kein Thema. „Ich war mit meiner Familie privilegiert“, sagt er über die Zeit in der DDR. Reisen nach Bulgarien oder Ungarn seien für Normalbürger nur schwer möglich gewesen. Mit dem Verein, aber ohne Familie, reiste er quer durch Europa, war im Irak, Iran und in Kuwait. Neid hätte er von seinen Mitbürgern nie erfahren. „Der Verein hatte sehr begeisterte Anhänger. Es war nicht so, dass es den Spielern nicht gegönnt worden wäre“, sagt er.

Sportlich hat es Harald Mothes in der DDR weit gebracht. Als Kind begann er mit dem Fußballspielen bei Motor Lößnitz, wechselte als Jugendlicher nach Aue zum verein Wismut, der heute Erzgebirge heißt. Mit 18 Jahren wurde Harald Mothes erstmals in den Kader der ersten Mannschaft berufen.

Wismut Aue spielte damals in der DDR-Oberliga. 303 Spiele absolvierte Mothes in der Oberliga, 93 Tore schoss er. Zweimal qualifizierte er sich mit seinem Verein für den Europa-Cup. „Das war ein großes Ereignis.“ Auch für die DDR-Nationalmannschaft stand er einmal auf dem Platz.

Der sportliche Höhepunkt hätte die Olympia-Teilnahme 1984 in Los Angeles sein sollen. Mothes war Teil der Olympia-Mannschaft, doch nur kurze Zeit nach der Qualifikation die große Enttäuschung: Die Olympischen Sommerspiele wurden von der DDR boykottiert. „Das wäre ein Traum gewesen.“ Noch heute ist ihm der Frust über die verpasste Chance anzuhören.

Als „Familienmensch“ sei für ihn eine Flucht aus der DDR nie ein Thema gewesen. „Ich habe das nie ins Auge gefasst, dazu war ich zu heimatbezogen. Außerdem wollte ich meine Familie nicht hinten lassen.“

Möglichkeiten zur Flucht hätte es durchaus gegeben, gerade weil er Sportler war. So wie es 1988 drei seiner Mannschaftskollegen bei einem Spiel in Schweden auch gemacht haben. „Die waren einfach am nächsten Tag nicht mehr beim Frühstück im Hotel.“ Für die Mannschaft sei das ein Schlag gewesen, weil Leistungsträger des Teams weggebrochen waren. Andererseits hatte er durchaus Verständnis für deren Entscheidung.

Politik spielte für Harald Mothes keine große Rolle. Stattdessen habe er sich mehr auf den Sport konzentriert. „Ich habe mir keine großen Gedanken gemacht, was geschehen wird“, spricht er über die Zeit kurz vor der Wende. Nach dem Mauerfall gab es trainingsfrei, mit seiner Familie fuhr er bei Selb über die Grenze, machte einen Spaziergang und ging in die Kirche. „Die Familie war begeistert“, erzählt er von seinem ersten Ausflug in den Westen.

Nach der Wende
ging es nach Ampfing

Selbst nach der Wende zog es ihn nicht sofort in den Westen. Mothes war seit 15 Jahren Profi, mit 33 Jahren wollte er seine Karriere auslaufen lassen. Am liebsten bei seinem Verein, doch die Verhandlungen über einen Vertrag scheiterten. „Wie geht‘s weiter – das war die Frage.“ Sein Studium der Sozialistischen Wirtschaftslehre brachte ihn nach dem Mauerfall jedenfalls nicht weiter.

„Ich kam schnell mit dem TSV Ampfing in Kontakt und habe bald zugesagt“, erzählt Mothes. Denn hier bekam er auch eine Job-Perspektive. Nach Saisonende im Mai 1990 folgte der Umzug, in Ampfing spielte er weitere neun Jahre Fußball. Damit ging langsam die Zeit als Stürmer zu Ende.

Mothes war Spielertrainer und später Trainer beim TSV Ampfing und bei 1860 Rosenheim (Saison 2003/2004 in der Landesliga Süd). Nach seiner aktiven Zeit war er zudem verantwortlich für die sportliche Entwicklung des TSV Ampfing, heute gibt er beim Training am DFB-Stützpunkt seine Erfahrungen an die Jugendlichen weiter.

Der Abschied aus der DDR fiel seiner Familie schwer. „Es war hart, alles hinter sich zu lassen. Wir waren tief verwurzelt.“ Die Wurzeln gibt es immer noch. Seine Eltern leben im Erzgebirge. Wenn er sie besucht. ist ein Heimspiel bei seinem alten Verein Pflicht. Dort, wo seine sportliche Karriere begann und noch heute Trikots mit seinem Namen verkauft werden. „Ich habe meine Spuren in Aue hinterlassen, darauf bin ich stolz.“

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