Mitch Stephens‘ Schuss ins Rosenheimer Glück

von Redaktion

Was war heute genau vor zehn Jahren? Genau, der 18. April 2010. Für die Starbulls Rosenheim ein äußerst wichtiger Tag, denn nach dem letzten Finalsieg in Peiting stand nach zehnjähriger „Verbannung“ in Landesverband und Oberliga das Recht zur Rückkehr in die 2. Eishockey-Liga fest.

Rosenheim/Peiting – Zu Beginn der Saison 2009/10 sprach in Rosenheim niemand konkret vom Aufstieg. Der in diesem Jahrtausend bis dato teuerste Kader war im Sommer in der ersten Play-off-Runde ausgeschieden. Nun wurde das Team – eigentlich nicht üblich für Rosenheimer Gepflogenheiten – radikal umgekrempelt. 15 preiswertere Neue, davon sechs aus dem eigenen Nachwuchs, sollten zehn Abgänge ersetzen, darunter fast den kompletten Parade-block. Auch ein Grund: Der Etat musste um fast ein Drittel zurückgefahren werden, der Dauerkartenverkauf lief schleppend. Damals konnte noch niemand ahnen, was am 18. April im allerletzten Saisonspiel passieren sollte.

Peiting, vor Spielbeginn: Die Eishockey-Euphorie hatte Rosenheim wieder erfasst. Annähernd hatte man das Potenzial sechs Jahre zuvor zu spüren bekommen, als die Starbulls im Bayernliga-Finale gegen Landsberg den Sprung in die Oberliga und damit die Rückkehr in eine deutschlandweite Spielklasse geschafft hatten. Ansonsten fühlte man sich zurückerinnert an den Beginn der 1990er-Jahre, als sich eine junge Rosenheimer Mannschaft anschickte, den Aufstieg in die Bundesliga zu schaffen. Spätestens das 9:2 im vierten Halbfinale gegen Herne hatte Eishockey-Rosenheim elektrisiert, nach den beiden Siegen über Peiting war das Selbstvertrauen groß – und so mischten sich etwa 1000 Starbulls-Fans unter die 2500 Zuschauer der dritten Partie in Peiting. Was heißt „mischten sich darunter“ – Grün-Weiß prägte das Stimmungsbild in der proppevollen Eishalle.

Die Punkterunde begann prächtig: fünf Siege in Folge. Allerdings: Der neue Kanadier Matt Smith (zwei Treffer im ersten Spiel) war einen Tag später schon wieder auf der Heimreise und wurde fortan nicht mehr gesehen. In der Folge begann ein stetes Auf und Ab. Klasseleistungen wie dem 4:2 gegen den Tabellenzweiten Dortmund (ja, es waren andere Zeiten!) oder einem 8:5 gegen Bad Nauheim folgten katastrophale Auftritte wie die Niederlagen gegen die Abstiegskandidaten Deggendorf oder Füssen. Der tolle Auftakt war schnell vergessen.

Peiting, erstes Drittel: Dafür lief der Auftakt der Partie im Pfaffenwinkel gut. Stephan Gottwald nutzte eine Nachlässigkeit in der ECP-Abwehr und brachte die Gäste früh in Führung. Doch Peiting wehrte sich, Fabian Weyrich glich in der fünften Minute mit einem verdeckten Schuss aus. Danach überstanden die Rosenheimer eine knifflige Unterzahlsituation, teilweise mit zwei Mann weniger. Ron Newhook verpasste das i-Tüpfelchen bei einem Break in dieser Unterzahl. Dafür schlugen Dylan Stanley per Rückhand (16.) und Konstantin Firsanov (19.) zu – 3:1 für Rosenheim, die Starbulls waren auf Kurs.

Besonders in eigener Halle zeigten Mitch Stephens (der neue kanadische Hoffnungsträger war einer der wenigen Lichtblicke) & Co. zunächst viel zu selten die Leistungen, zu denen sie eigentlich fähig waren. Und nach Heimniederlagen gegen Klostersee, Peiting, Dortmund und Landsberg gingen die Fans auf die Barrikaden. Protestschweigen während einzelner Spieldrittel, Pfeifkonzerte, „Trainer raus!“-Rufe – die Saison drohte zu einem richtigen Desaster zu werden. Auch das OVB veröffentlichte (zurecht) eine sehr kritische Stellungnahme.

Peiting, zweites Drittel: Kritisch wurde es da für das Starbulls-Tor, weil die Hausherren nicht aufgaben. Claus Dalpiaz musste zweimal stark parieren, ehe Alan Reader im Powerplay das 4:1 für die Gäste markierte. Alles gelaufen? Denkste! Peiting tat das, was man erwarten konnte: es kämpfte. Michael Fröhlich (ja, der Michael Fröhlich!) traf den Pfosten des Rosenheimer Gehäuses, Gordon Borberg verkürzte auf 2:4 (32.). Der Käse war noch längst nicht gegessen!

Passend zur Weihnachtszeit gab es zwei Dinge: Eine „Friedensbotschaft“ in Form eines offenen Briefes der Spieler an die Fans mit dem Inhalt, Besserung zu geloben, und, wichtiger noch, ein Geschenk, das sich die Starbulls selbst machten: Dylan Stanley, Torjäger und Publikumsliebling der vergangenen Saison, kehrte zurück – und mit ihm die Hoffnungen auf einen Aufschwung. Dieser ließ zwar in der Tabelle auf sich warten (bis zum Schluss bewegte man sich in der Region zwischen Platz fünf und Rang sieben), aber trotz zwischenzeitlicher Rückschläge machte sich eine Art Aufbruchsstimmung bemerkbar. Auch die Rufe nach einem Rauswurf von Trainer Franz Steer waren verstummt. Immerhin war das Trio Stephens, Stanley und Ron Newhook immer für Tore gut, und Stephan Gottwald entwickelte sich plötzlich zum Torjäger. Die jungen Spieler aus dem Nachwuchs wie Fabian Zick, Robin Hanselko oder Marius Möchel waren zwar noch längst keine Leistungsträger, zeigten aber, dass sie bei den „Großen“ durchaus mitmischen konnten. Am Ende der 40 Punktrundenspiele standen Gottwald & Co. auf dem fünften Platz. Nicht gerade Grund zu überbordendem Optimismus!

Peiting, letztes Drittel: Der war schon längst wieder zurück – vor allem, als die Starbulls dem Peitinger Ansturm nach Wiederbeginn Stand hielten und dem Meistertitel entgegenstrebten. Wenige Minuten vor Schluss tauchten Kartons neben der Rosenheimer Spielerbank auf – darin: die Meister-T-Shirts! Aber dann kam der Schock: Andreas Pufal verkürzte im Powerplay auf 3:4 (57.) und erzielte eine Minute später sogar den Ausgleich! Es ging in die Verlängerung…

Der Gegner im Viertelfinale hieß Bad Nauheim, und gegen die Hessen hatte man nur eins der vier bisherigen Spiele gewonnen. Entsprechend ging es los: Beim 1:7 zum Auftakt wurden die Starbulls geradezu deklassiert, und nicht wenige fürchteten schon das klang- und sieglose Ausscheiden. Doch angeführt von Stephens, Stanley und Gottwald gewannen die Starbulls die nächsten beiden Partien (in Bad Nauheim sogar in Overtime, bis dahin eine große Rosenheimer Schwäche). Zum Glück hieß es damals im Viertelfinale „Best of seven“, denn sonst wäre die Rosenheimer Saison nach zwei weiteren Niederlagen (darunter ein 2:6 auf eigenem Eis!) schon beendet gewesen.

Nun aber begann in den letzten März-Tagen das, was später unter dem Titel „Kraft der Leidenschaft“ verfilmt wurde. Zwei entscheidende Siege gegen die Hessen (zu Hause 5:2, absolut dominierend, in Nauheim 2:1 als pure Abwehrschlacht) brachten manche altgedienten Fans auf den Gedanken, dass ja die erste Deutsche Meisterschaft des Sportbund Rosenheim 1982 auch von Platz fünf aus geschafft wurde…

Peiting, vor der Verlängerung: Plötzlich wandelten sich Euphorie und Siegesgewissheit in Ungläubigkeit und einen Hauch Verunsicherung. Während die Mannschaft in der Kabine war, hatten Franz Steer und Assistent Oliver Häusler noch draußen auf der Trainerbank Platz genommen und besprachen sich. Rosenheim sammelte sich – und kehrte mit alter Stärke zurück.

Im Halbfinale (jetzt „Best of five“) wartete das nächste Hindernis auf die Grün-Weißen. Der Herner EV war überlegener Sieger der damals zum letzten Mal ungeteilten Oberliga geworden – mit 17 Punkten Vorsprung vor dem Zweiten und 30 mehr als die Starbulls. Allerdings hatten sie beide Spiele in Rosenheim verloren, und wichtiger: Ihr hochklassig besetzter, aber relativ kleiner Kader war durch die Verletzung von vier Stammspielern geschwächt – zu stark geschwächt, um die Starbulls aufhalten zu können. 3:2 in Herne und 4:1 zu Hause hieß es für das Steer-Team, nur Spiel drei konnten die Ruhrpöttler in Overtime für sich entscheiden. Gott sei Dank, sonst wäre es nicht vier Tage später zu einer der spektakulärsten Begegnungen der neueren Zeit gekommen. Mit 9:2 deklassierten Gottwald & Co. den Hauptrundenmeister, 5:0 im Mitteldrittel und zwei Unterzahltore binnen 15 Sekunden inklusive!

Damit waren die Starbulls im Finale gegen Peiting, das den zweiten Ruhrpott-Favoriten Dortmund im Halbfinale eliminiert hatte. Von vier heiß umkämpften Matches mit denkbar knappem Ausgang hatten die Peitinger in der Punkterunde drei gewonnen, konnten fast in Bestbesetzung antreten und waren trotz des Rosenheimer Laufs – auch, weil sie drei Spiele weniger zum Erreichen des Finales gebraucht hatten – favorisiert.

Die ersten beiden Finalspiele gingen beide mit 3:2 an die Starbulls, zu Hause übrigens vor offiziell 6339 Zuschauern! Gestützt auf einen wahrhaft „überirdisch“ haltenden Claus Dalpiaz und ein Powerplay, das fast die gesamte Saison lang ein Schwachpunkt war und jetzt plötzlich fast in jedem Spiel doppelt zuschlug, kam man beide Male zu einer 3:1-Führung, die dann zwar noch zusammenschmolz, aber durch den allerletzten Einsatz jedes Einzelnen irgendwie über die Zeit gerettet wurde. Der Rest, wie man so sagt, ist Geschichte:

Peiting, die Verlängerung: Rosenheim war schon mal dran am Titel, als Mitch Stephens die Stange des Peitinger Gehäuses getroffen hatte. Nun bahnte sich aber das Ende aller ECP-Hoffnungen und die Vollendung der Rosenheimer Wünsche an: Die Starbulls hatten ein Powerplay. Es lief die 64. Minute, als Stephens am linken Bullykreis zum Abschluss kam und den Puck ins Netz wuchtete. Danach herrschte nur noch Jubel, Schläger, Helme und Handschuhe der Starbulls-Spieler lagen auf dem Eis, während sich eine Jubeltraube um Torschütze Stephens und Goalie Dalpiaz bildete. Danach gab‘s Medaillen vom damaligen DEB-Präsidenten Uwe Harnos umgehängt, Kapitän Martin Reichel reckte den Oberliga-Meisterpokal in die Höhe und unzählige Ehrenrunden wurden gedreht. Coach Steer marschierte nach einer Bierdusche pudelnass zur Pressekonferenz und die Fans stürmten das Eis und feierten gemeinsam mit den Starbulls-Spielern. Und niemand wusste damals, dass danach die sportlich interessantesten Jahre noch bevorstanden…

Der Oberliga-Meisterkader der Starbulls Rosenheim

Kader 2009/2010 (in Klammern Zahl der Tore)

Tor: Claus Dalpiaz, Lukas Steinhauer.

Verteidigung: Andreas Paderhuber (14), Matthias Bergmann (5), Michael Rohner (4), Christian Schönmoser (1), Michael Höck (1), Nico Ackermann (1), Max Meirandres (1), Niko Senger, Max Renner.

Sturm: Mitch Stephens (29), Stephan Gottwald (28), Dylan Stanley (23), Ron Newhook (18), Alan Reader (16), Marcus Marsall (10), Marius Möchel (9), Michel Maassen (8), Konstantin Firsanov (5), Robert Schopf (4), Martin Reichel (2), Robin Hanselko (2), Matt Smith (2), Fabian Zick (1), Dominik Daxlberger, Mondi Hilger.

(Stanley, Bergmann und Firsanov kamen während der Saison; Maassen und Smith verließen den Klub während der Saison, Mondi Hilger hatte ein Drei-Spiele-Comeback mit einem Assist und einige DNL-Spieler kamen gar nicht oder nur minutenweise zum Einsatz: Sebastian Alt, Anton Pertl, Bronislav Tomaschefski, Tobias Kofler, Dennis Herold, Marvin Bauscher, Dominik Ochmann, Denis Hermann).

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