„Der Rasenflüsterer“

von Redaktion

Wie der Fußballplatz-Rasen die Corona-Krise erlebt

Rosenheim – Kein Fußballspiel, kein Training seit Wochen – die Fußballplätze in der Region präsentieren sich aktuell in einem Topzustand. Nur – Fußball gespielt werden darf wahrscheinlich in den nächsten Monaten nicht. Deshalb machte sich OVB-Sportredakteur Hans-Jürgen Ziegler auf den Weg und „befragte“ – quasi als „der Rasenflüsterer“ – das Grün im Rosenheimer Jahnstadion nach dem Befinden. Hier die traurige Wahrheit über den Rasen, auf dem normalerweise der Regionalligist 1860 Rosenheim seine Heimspiele austrägt:

„Liebe Fußballfreunde, wie soll ich mich schon fühlen? Es geht mir dreckig. Ganz ehrlich: Ja, ich bin auf Entzug. Ja, ich bin süchtig nach diesen gekrümmten und behaarten Fußballerbeinen, die auf mir rumtrampeln als würde es kein Morgen mehr geben. Wollen Sie wissen, was mir am meisten fehlt? Der Ball, der meine Haarspitzen streichelt, der über mein sattes Grün gleitet, das sich nach den letzten Monaten ohne die fiesen Tritte der harten Stollenschuhe wie nach einer Frischzellenkur präsentiert. Ich will jetzt nicht vom Wimbledon-Teppich sprechen, aber viel Unterschied zum heiligen Rasen der Tennisspieler gibt es nicht mehr.

„Das ist dann wie ein
Liebesbeweis“

Mir fehlt aber auch die raue Gangart der Spieler, die nach einem Sliding tackling schon mal ein Stück von mir samt Wurzeln aus dem Boden reißen. Wenn sie mich dann aber auf Händen zurücktragen und festdrücken, ist das wie ein Liebesbeweis. Ich freue mich schon wieder auf meine Jungs, die mich an einem meiner schlechten Tage, wenn der Boden zu trocken ist, auch einmal als Acker beleidigen. Ich bin mir sicher, dass sie es nicht so meinen. Die meisten wissen, dass ihre technischen Fähigkeiten eben nicht ausreichen, um wie ich per Du mit dem Ball zu sein.

„Auf mir spielten viele
Fußball-Weltmeister“

Das einzig Gute, wenn man in Zeiten der Corona-Krise von etwas Positivem sprechen will: Wenigstens bleiben die Speer-, Diskus- und Hammerwerfer auch zu Hause. Nicht böse sein, liebe Leichtathleten, aber was die mir schon angetan haben – du glaubst es nicht.

Und nur damit du weißt, mit wem du es zu tun hast, hier eine kleine Auflistung, wer mit mir schon in Berührung gekommen ist: Die Fußball-Weltmeister Horst Eckel (1954), Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier, Uli Hoeneß, Paul Breitner, Wolfgang Overath (alle 1974), Andi Brehme (1990) und Bastian Schwein- steiger (2014), dazu Karl-Heinz Rummenigge, Wimbledon-Sieger Boris Becker sowie Mehmet Scholl, Michael Ballack und Julian Weigl, um nur einige zu nennen. Nicht schlecht, oder?

„Nicht schon wieder
Haare schneiden“

Oh nein, jetzt kommt schon wieder diese Riesenmaschine mit dem Platzpfleger drauf, der mir schon wieder die Haare schneiden will. Für wen, für was? Ich würde das Haar auch gerne mal lang und offen tragen… so wie die Fußballer an ihren Säbelbeinen. Zeit genug wäre ja, wenn die Saison erst Anfang September wieder fortgesetzt wird.

Bis dahin, Dein coronaresistenter Rasen vom Rosenheimer Jahnstadion.“

Artikel 5 von 6