Bad Endorf – Schon die ersten Sekunden am Eingangstor liefern einen Gesamtüberblick über die Sportschule. Zum einen strengste Kontrollen aufgrund des vorherrschenden Hygienekonzepts, auf der anderen Seite eine kompetente Begleitung, die wohl wie keine andere die Bundespolizeisportschule darstellt: Amelie Kober – Eigengewächs, erfolgreich und sympathisch! Als Snowboarderin hat die 32-Jährige bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin Silber und 2014 in Sotchi Bronze gewonnen, bei Weltmeisterschaften gewann sie einmal Silber und zweimal Bronze. Als Bundespolizistin gehört die gebürtige Bad Aiblingerin mittlerweile der Pressestelle an.
Und Kober ist die beste Werbeträgerin: „Es war die Zeit meines Lebens“, denkt sie an ihre Ausbildung in Bad Endorf zurück, „wir hatten eine super-geniale Klasse, mit der es richtig Spaß gemacht hat“. Zudem war ihre Klasse auch sehr erfolgreich: „Wir haben mit 15 Leuten angefangen, am Ende waren wir unter zehn – insgesamt hat unsere Klasse zwölf Olympia-Medaillen geholt“, erzählt Kober. Sie sagt allerdings auch: „Die Ausbildung ist kein Zuckerschlecken“, teilweise sei es schon mal sehr streng, zudem hätte man nahezu vier Jahre lang keinen Urlaub, weil man direkt aus der Saison zur Ausbildung kommt und danach wieder in die Vorbereitung auf die nächste Saison geht. Aber: „Mir persönlich hat es gutgetan, als junger Mensch eine Struktur bekommen zu haben.“
Normal dauert die Ausbildung für den mittleren Polizeivollzugsdienst zweieinhalb Jahre. Für die Spitzensportler ist diese Ausbildung auf vier Jahre gestreckt, dafür sind die Sportler von April bis Juli in Bad Endorf stationiert. „Wir haben den gleichen Ausbildungsplan wie jeder andere Polizeiauszubildende, auch mit Schwerpunktfächern und Prüfungen. Nur die Herangehensweise ist eben unterschiedlich: Wir haben den Ausbildungsplan auf die Anforderungen des Spitzensports optimal angepasst“, erklärt Thomas Leuthardt. Der Polizeioberrat ist seit April 2015 Chef der Bundespolizeisportschule.
Derzeit befinden sich 76 Sportler in Bad Endorf. „Zum 1. August stellen wir wieder Neue ein und sind dann bei 85. Das ist auch das Maximum“, so Leuthardt. 46 Auszubildende sind es momentan, die restlichen 29 Sportler haben ihre Ausbildung abgeschlossen. „Und dann liegt der Fokus nahezu ausschließlich auf dem Sport, solange es die Leistung und der Körper zulassen“, erklärt Leuthardt. Lediglich eine Fortbildungswoche im Jahr ist abzuleisten, dazu machen die Sportler oft noch freiwillig Praktika in den verschiedenen Bereichen der Bundespolizei, unter anderem im Flugdienst, auf hoher See oder bei den Spezialeinheiten. „Es ist wichtig, dass sich die Sportlerinnen und Sportler bereits während ihrer sportlichen Karriere einen Eindruck über ihr späteres Berufsfeld machen können. Wir unterstützen das“, sagt Leuthardt.
In erster Linie sollen die Wintersport-Asse – zwölf von 15 olympischen Sportarten finden in Bad Endorf ihren Platz – aber für gute Leistungen an der Schanze, in der Loipe, auf der Piste oder im Eiskanal sorgen. Und dafür werden im Chiemgau auch perfekte Voraussetzungen geschaffen. Beim Rundgang über das Gelände zeigt Kober die Turnhalle und den Springer-Kraftraum, das Schwimmbecken, den Kunstrasenplatz, den Beachvolleyball-Platz und den großen Kraftraum – und ein Gebäude im Bau: Ein neuer Kraftraum, denn nicht nur während Corona mit reduzierter Sportlerzahl ist es phasenweise ganz schön eng. „Eigentlich haben sämtliche Auszubildende gleichzeitig ihre Trainingszeiten in der unterrichtsfreien Phase“, erzählt Kober, „wir brauchen den Platz dringend und freuen uns, dass der Bau so gut voranschreitet“. Oberhalb des neuen Kraftraums wird künftig die medizinische Abteilung ihren Platz finden. „Das ist echt ein harter Job“, findet Kober – und lobt: „Das sind die Ersten an der Wettkampfstätte und die Letzten, die ins Bett gehen.“ Denn die Physiotherapeuten der Sportschule begleiten die Nationalmannschaften den Winter über bei Trainings- und Wettkampfreisen weltweit.
Und es sind weitere bauliche Verbesserungen in Aussicht: „Eine Startanlage für Skicross- und Snowboardcross, eine Anschubstrecke für Bob, Skeleton und Rodeln und ein neues Wirtschafts- und Lehrsaalgebäude sind in Planung“, berichtet Leuthardt. Allerdings müsse man jetzt auch abwarten, was in Corona-Zeiten und danach überhaupt möglich sei.
Corona war auch für den Chef in Bad Endorf eine große Herausforderung: Zunächst war auch die Bundespolizeisportschule geschlossen. „Unser Ziel war immer, die Ausbildung so zu beenden, wie es geplant war“, erklärt Leuthardt. Und er sagt: „Das hat bei uns hervorragend funktioniert – auch, weil alle Mitarbeiter da sofort an einem Strang gezogen haben.“ Ab Mai wurden die Sportler wieder zurückgeholt und konnten unter strengen Auflagen ihren Präsenzunterricht und das Training absolvieren. „Da haben wir uns an den Richtlinien des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) bezüglich der Hygienevorschriften an Trainingsstätten orientiert und diese mit unseren Betriebsmedizinern abgestimmt. Wir haben die Sportler in Einzelzimmer untergebracht, unseren Mattenraum zu einem zusätzlichen Lehrsaal umgebaut, weil wir sonst die Abstände nicht hätten einhalten können, und haben feste Trainingszeiten für die Sportstätten festgelegt.“ Und Kober ergänzt: „Es war ein enormer Planungsaufwand. Aber es ist richtig cool, wenn man das gemeinsam geschafft hat.“
Und nicht nur die Sportler in Ausbildung sind im Soll, auch im Trainingsbereich nähern sie sich den Planungen wieder an. „Es ist natürlich nicht optimal, dass zwei Monate fehlen“, sagt Bobtrainer Norman Dannhauer, der gemeinsam mit Sepp Dostthaler und den Sportler das Programm im Kraftraum durchzieht – die Trainer jeweils mit Mund-Nasen-Schutzmaske. Allerdings gehe es den Sportlern der anderen Nationen nicht anders. „Wir mussten halt zu Hause kreativ werden. Seitdem wir wieder hier sind, lief‘s problemlos“, findet Bobpilotin Lisa Gericke. Und für Paul Krenz, zweifacher WM-Bronzemedaillengewinner als Anschieber, hat sich nicht viel verändert: „Ich hatte mir zu Hause einen Kraftraum eingerichtet. Und hier kann man mit den gewissen Auflagen auch problemlos trainieren.“ Sprach‘s – und stemmte die Hantel in die Höhe. Für weitere Erfolge, die dann auch auf der Ehrentafel im Bad Endorfer Verwaltungsgebäude ihre Erwähnung finden.
Zum Abschluss geht es in den Polizeitrainingsbereich. „Wir haben viele Räume, in denen wir Situationstraining machen“, sagt Kober – und lacht: „Das ist dann hochinteressant, wenn sich da eine Paarung aus einem Bobfahrer und einem Skispringer ergibt. Da treffen dann zwei Welten aufeinander!“ Und dann gibt es ja noch den Bahnhof Ströbing, einen Übungsbahnhof. „Hier wird vom Diebstahl bis zur Sachbeschädigung am Fahrkartenautomaten alles simuliert“, erzählt die ehemalige Snowboarderin, „man glaubt gar nicht, wie schnell man sich in die geforderte Situation hineinversetzt. In wenigen Sekunden bist du mittendrin – und es kommt dir unheimlich real vor.“ Aber auch hier zeigt sich der Vorteil des Sportlers. Kober: „Die Leistung auf den Punkt abzurufen funktioniert hervorragend. Drucksituationen sind unsere Sportler gewöhnt.“ Der Übungsbahnhof – quasi auch ein perfektes Beispiel für die Symbiose von Ausbildung und Spitzensport!