Inzell – Die European Championships 2022 in München waren ein Riesenerfolg, mittlerweile schaut man auf die Olympischen Spiele 1972 in der Landeshauptstadt zurück. Auch in Inzell blickte man 50 Jahre zurück, allerdings auf die Winterspiele im japanischen Sapporo. Dabei feierten Inzeller Bürger große Erfolge – Monika Gawenus und Erhard Keller wurden Olympiasieger im Eisschnelllauf! Beim Verkehrs- und Heimatverein Inzell (VHI) ließen sie die Ereignisse von damals Revue passieren.
Monika Gawenus gewann bei den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo als 17-Jährige überraschend die Goldmedaille im Eisschnelllauf über 1000 Meter und war damit bis 1990 die einzige westdeutsche Eisschnellläuferin, die Olympiasiegerin war. Unmittelbar nach den Olympischen Spielen 1972 gewann sie in Eskilstuna/Schweden auch noch WM-Gold im Sprint-Vierkampf. In ihrer langen Karriere – sie nahm an allen Olympischen Spielen bis 1988 teil – gehörte sie fast durchweg zur Weltspitze über 1000 oder 500 Meter, konnte aber verletzungsbedingt nicht mehr ganz an die großen Erfolge des Jahres 1972 anknüpfen. Für den Erfolg in Sapporo und ihre danach folgenden Leistungen in Eskilstuna wurde sie am 22. März 1972 mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet.
Erhard Keller begann seine internationale Laufbahn Mitte der 1960er-Jahre und stellte 1967 den Weltrekord über 500 Meter ein, als er die Distanz in 39,5 Sekunden lief. Im weiteren Verlauf seiner Karriere verbesserte er die Weltbestzeit auf seiner Spezialstrecke mehrmals bis auf 38 Sekunden. Bei den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble feierte Keller den ersten Eisschnelllauf-Olympiasieg eines deutschen Mannes und konnte diesen Erfolg vier Jahre später in Sapporo wiederholen – zwischenzeitlich war er 1971 auf seiner Heimbahn in Inzell zudem Sprint-Weltmeister geworden. Anschließend startete Keller einige Jahre lang als Profi und trat in den 1970ern zudem als Fernsehmoderator in der Spielshow „Spiel ohne Grenzen“ in Erscheinung. Der promovierte Zahnarzt prägte über Jahrzehnte, auch als TV-Experte bei Olympischen Spielen, das Bild des deutschen Eisschnelllaufs und wurde 2011 in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.
Bei dem gemütlichen Treffen im „Zeitlos“ in Inzell begrüßte der Vorsitzende des VHI, Alfons Schrittenlochner die beiden Sportler und blickte zurück auf den festlichen Empfang 1972 am Rathaus, bei dem die beiden Olympiasieger empfangen wurden. Besonders stolz dabei war Bürgermeister Ludwig Schwabl, der auch einen großen Verdienst an den Erfolgen hatte. Er war es, der Erhard Keller eine kostenlose Wohnung 1965 zur Verfügung stellte, um im neu erbauten Eisstadion bestens trainieren zu können. „Inzell hat alles vorbereitet für meine sportlichen Erfolge und die Zusammenarbeit war immer gut. Ludwig Schwabl hatte immer ein offenes Ohr für den Sport und ihm verdanke ich sehr viel“, so Keller rückblickend auf seinen sportlichen Werdegang. „Ich kann nur Dankeschön sagen für die gute Zeit in den letzten 50 Jahren. Mein Umzug damals von München nach Inzell war im Nachhinein Gold wert. Sonst hätte ich die beiden olympischen Goldmedaillen wohl nicht gewonnen“, erzählt der Gentleman ehrfürchtig.
Seine erste Goldmedaille in Grenoble sieht er im Nachhinein als besonders wichtig an, denn im Vorfeld kamen Staatssekretäre oft nach Inzell, um zu sehen, ob sich die Investition einer neuen Eisbahn auch lohnen würde und diese Sorge war mit dem Olympiasieg sogleich erledigt. Die 2011 erbaute Eishalle sieht er als entscheidenden Punkt für die Gemeinde, sowohl aus sportlicher, als auch aus wirtschaftlicher Sicht. „Inzell wäre sonst ein weißer Fleck in der Landschaft.“
Monika Gawenus wollte dem Verein für die jahrelange Unterstützung einfach etwas zurückgeben und war in den letzten viereinhalb Jahren Nachwuchstrainerin beim DEC Inzell. Doch nun wird sie ihr Engagement aus gesundheitlichen und zeitlichen Gründen beenden. Sie verbringt viel Zeit mit ihren Enkelkindern und will auch persönlich noch Sport betreiben. Gerne blickt sie auf die sportlichen Jahre zurück mit einem guten Zusammenhalt untereinander. „Früher war das persönliche Miteinander einfach besser und es gab keinen Zickenkrieg. Jeder freute sich mit dem anderen und vor allem meine Freundin Paula Dufter war die erste, die mir nach meinem Olympiasieg in Sapporo herzlich gratulierte“, erinnert sie sich an eine schöne Zeit zurück.
Für beide waren die Spiele in Japan die schönsten ihrer Laufbahn. Erhard Keller lief am Ende der Saison 1971/72 beim „Goldenen Schlittschuh“ in Inzell noch drei Weltrekorde (500, 1000 und Vierkampf) und beendete dann seine Amateurlaufbahn. Er wechselte dann zu den Profis und durfte deshalb nicht mehr 1976 in Innsbruck teilnehmen. Monika Gawenus setzte ihre Karriere fort und nahm an insgesamt fünf Olympischen Spielen teil. Nach Olympia 1988 in Calgary hängte auch sie die Schlittschuhe an den Nagel. „Dort wollte ich unbedingt noch hin und in der neuen Halle meine Laufbahn beenden.“