München/Oberhof – Mit insgesamt elf Medaillen hat das schwedische Team bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Oberhof einen neuen Rekord aufgestellt. So viel Edelmetall hat es bei einer Weltmeisterschaft noch nie für Schweden gegeben. Dreimal Gold und dreimal Silber, dazu fünf Bronzemedaillen räumten die Skandinavier ab und platzierten sich damit auf dem zweiten Platz im Medaillenspiegel hinter Norwegen. „Mit so etwas habe ich überhaupt nicht gerechnet, unser Fokus war eigentlich nicht so auf die Weltmeisterschaft ausgerechnet“, verrät Cheftrainer Johannes Lukas.
„Wir sind irgendwann in einen richtigen Flow geraten“, sagt der 29-Jährige, der im Chiemgau aufgewachsen ist – und verweist auf den Schlusstag mit Gold im Massenstart für Sebastian Samuelsson und Hanna Öberg sowie Silber für Martin Ponsiluoma. „Den Grundstein für diesen Erfolg haben wir am Tag zuvor mit den beiden Bronzemedaillen in den Staffeln gelegt. Dadurch ist ein Team-Spirit entstanden. Alle hatten ihre Medaille gewonnen, das hat ihnen den zusätzlichen Schub gegeben. Wir haben am Abend bei der Teambesprechung gemerkt, dass das zum Schluss der WM noch unser großer Tag werden könnte“, plaudert Lukas aus dem Nähkästchen – und erklärt forsch: „Da haben wir gesehen, dass auch die Norweger mal wackeln.“ Dabei setzte der junge deutsche Trainer im Vorfeld der Oberhofer WM eher auf „Understatement“. Freilich war bei den Damen mit den Öberg-Schwestern einiges möglich, bei den Herren stellte er allerdings einige Fragezeichen fest. Für Ponsiluoma sah er das Podium in Reichweite, hinter Samuelsson standen einige Bedenken, was die Form betrifft. Doch der 25-Jährige sicherte sich neben Gold im Massenstart noch Bronze im Einzel, der Verfolgung und in der Staffel. Bei den Frauen entpuppte sich Hanna Öberg als fleißige Medaillen-Sammlerin mit Gold im Einzel und Massenstart, Silber im Sprint und Bronze in der Staffel. Ebenfalls drei Medaillen gab es für Linn Persson mit Silber im Einzel und Bronze im Sprint sowie mit der Staffel.
Nach der erfolgreichen Weltmeisterschaft heißt es für Johannes Lukas und seine Sportler zunächst mal, etwas zur Ruhe kommen. Lukas macht das im heimatlichen München. „Ich muss das alles sacken lassen, was wir erreicht haben. Das ist nicht so selbstverständlich. Da tut die Pause ganz gut, um alles zu genießen.“ Ende Februar geht es nach Nove Mesto zum nächsten Weltcup. Im Gesamtweltcup liegt Elvira Öberg auf dem zweiten Platz und in der Nationenwertung der Frauen steht man knapp vor Frankreich auf dem ersten Platz. Alles Ziele für Lukas, die er mit seinem Team noch erreichen will.
Derzeit wird über das „Schwedische Modell“ viel gesprochen und gerätselt. Vater des Ganzen ist Lukas‘ Vorgänger, der Ruhpoldinger Wolfgang Pichler. Schon 2015 hatte er die jungen Sportler gesichtet, die jetzt für die Medaillen sorgen. Wichtige Pfeiler für die Erfolge sind laut Lukas die Stabilität im Trainerteam und der zentrale Stützpunkt in Östersund. Dort wohnen alle Sportler und haben so die Gelegenheit, sich jederzeit beim gemeinsamen Training zu messen. Neben dem Cheftrainer gibt es für alle Bereiche einen eigenen Coach. „Östersund hat sich über die Jahre perfekt entwickelt“, schwärmt Lukas. Daher sind die Schweden auch eher selten bei Trainingslehrgängen im Ausland anzutreffen. „Unser Fokus liegt neben dem intensiven Training vor allem auf Erholung. Für den kommenden Winter sind nur zwei Trainingslager außerhalb Schwedens geplant.“ Als Nachteil sieht Lukas die fehlende Möglichkeit, dass sich die Sportler Behörden wie Bundeswehr, Zoll oder Polizei anschließen können, um sich finanziell abzusichern. „Das gibt es bei uns nicht, dieses System wie in Deutschland wäre ideal“, meint er. „Manchmal ist es für die Sportler schon schwierig, über die Runden zu kommen.“
In Schweden sind seine Athleten überwiegend als Studenten an der „Mid-Sweden-University“, um die berufliche Zukunft nach dem Sport abzusichern – eingefädelt wurde dies damals von Wolfgang Pichler. Für die sportlich erfolgreichen Athleten gibt es eine geringe monatliche Aufwandsentschädigung, so Pichler, der als Direktor des Nationalen Olympischen Komitees in Schweden die Fäden im Wintersport zieht. Der 68-Jährige ist überzeugt, dass Biathlon in Schweden weiter vor einer erfolgreichen Zukunft steht. „Wir haben bei den Mädchen viele Talente, bei den Jungs könnten es noch ein paar mehr sein“, verrät er.