Bruckmühl/Chianciano – Zum ersten Mal in ihrer noch jungen Karriere ist die Bruckmühler Radsportlerin Antonia Niedermaier beim 34. Giro d’Italia für Frauen an den Start gegangen. Sie ist 2023 ins ambitionierte „UCI Women’s WorldTeam Canyon SRAM Racing“ gewechselt, das aus 15 Fahrerinnen aus neun verschiedenen Ländern besteht. In den ersten Etappen hielt die 20-Jährige gut mit und auf der fünften Etappe, der 105,6 Kilometer langen Königsetappe von Salassa nach Ceres, schlug sie eiskalt zu: Nach einer Attacke kurz vor dem vorletzten Gipfel des Tages und einer anschließenden Solofahrt kam sie mit neun Sekunden Vorsprung auf die dreifache Giro-Siegerin, die Niederländerin Annemiek van Vleuten (Team Movistar) und Trägerin des Rosa Trikots, ins Ziel. Sie hat dabei alle Top-Favoritinnen hinter sich gelassen und erstmals in ihrer Karriere ein Rennen auf WorldTour-Niveau gewonnen. „Ich bin überwältigt, das ist mein erster Giro. Ich bin noch so jung und kann es noch nicht realisieren“, hatte sie nach ihrem Überraschungscoup erklärt.
Mit ihrem Sieg arbeitete sich Antonia Niedermaier gleich zwölf Positionen in der Gesamtwertung nach vorne und ging als Gesamtzweite und Trägerin des weißen Trikots der besten Nachwuchsfahrerin am nächsten Tag an den Start zur 104,4 Kilometer langen sechsten Etappe rund um Canelli (Toskana). Bei Chianciano, 33 Kilometer vor dem Etappenziel, kam es aber zu einem folgenschweren Sturz: Urska Žigart (Team Jayco-AlUla), die Verlobte des zweifachen Tour-de-France-Siegers Tadej Pogacar, verlor auf einer Abfahrt auf gerader Straße die Kontrolle über ihr Rad, brach nach rechts aus und räumte die unmittelbar neben ihr fahrende Antonia Niedermaier ab. Beide stürzten und zogen sich Verletzungen zu. Nach Auskunft ihres Rennstalls wurden im Krankenhaus in Moreno bei Niedermaier keine Brüche festgestellt. „Sie erlitt aber einige Schäden an ihren Zähnen, die jedoch inzwischen repariert wurden“, teilte Canyon-SRAM in den sozialen Medien mit. Die Sensations-Etappensiegerin des Vortags konnte verletzungsbedingt nicht mehr weiterfahren und musste aus dem diesjährigen Giro aussteigen. „Antonia ist sehr enttäuscht, dass sie den Giro Donne verlassen muss“, so Canyon-SRAM.
Die 20-jährige, die sich außerdem einige Schürfwunden zuzog, ist inzwischen in ihre bayerische Heimat zurückgekehrt. Urska Žigart, die den Sturz aufgrund eines Fahrfehlers verursacht hatte, erlitt eine leichte Gehirnerschütterung und musste ebenfalls aufgeben.
Auf ihrem Weg in die Radrenn-Spitze wurde Niedermaier 2021 deutsche Junioren-Meisterin im Einzelzeitfahren. In dieser Disziplin wurde sie bei den Europameisterschaften 2022 Zweite und bei den Weltmeisterschaften Dritte. Im Erwachsenenbereich schloss sie sich 2022 dem „UCI Women’s Team Canyon SRAM Generation“ an und gewann mit zwei Etappen und der Gesamtwertung der Tour de l’Ardèche ihre ersten Wettbewerbe des internationalen Kalenders. Bei den deutschen Meisterschaften 2023 wurde Niedermaier Titelträgerin im Einzelzeitfahren der U23-Klasse und Sechste im Straßenrennen der Elite.
Doch nicht nur im Radsport machte sie bisher Furore: Im Skibergsteigen errang sie in der Saison 2019/2020 die Junioren-Weltmeisterschaft und 2021/2022 holte sie sich den U20-Weltcup. Dafür wurde sie vor Kurzem bei der Sportlerehrung der Marktgemeinde Bruckmühl geehrt. „Das Radfahren ist ein Ausgleich zum Berglaufen“, äußerte sie dabei im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen – was angesichts des neuen Etappensieges beim Giro vielleicht nicht mehr komplett der Realität entspricht. bjn