Raubling/Berlin – Nein, so ganz realisiert hat Katharina Bauer auch Tage später noch nicht, dass sie nun Weltmeisterin ist. Die Bogenschützin der BSG Raubling hatte mit dem deutschen Damenteam bei der Heim-Weltmeisterschaft in Berlin den Titel errungen und damit Historisches erreicht: „Wir sind das erste deutsche Frauenteam, das den WMTitel geholt hat“, sagt Bauer, die gemeinsam mit Charline Schwarz und Michelle Kroppen auf die Scheiben zielte und dann von 1200 begeisterten Zuschauern gefeiert wurde. „Dieser Moment bleibt für immer.“
Dass die 27-Jährige im Einzel in der zweiten Runde ausgeschieden war, konnte sie deshalb verschmerzen, auch wenn die Umstände wurmten. „Ich habe noch nie in so einem Wind geschossen“, so Bauer, die deshalb „die starken Böen abwarten und den Zeitdruck eingehen“ wollte. Das Risiko hat sich für sie dann nicht ausgezahlt. „Die Taktik ist nicht aufgegangen“, erklärte Bauer nach der Niederlage gegen die Spanierin Umuzanaga. In der ersten Runde hatte sie die Israelin Moshe noch bezwungen. „Das Einzel war nach unserem Teambewerb, da war die Luft etwas raus“ – und zwar beim kompletten deutschen Team, denn auch ihre Teamgefährtinnen packten die Pfeile früh wieder ein.
Allerdings hatten sich Bauer & Co. auch den Mannschaftsbewerb fest eingeprägt, schließlich ging es hier um die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. „Deshalb haben wir uns genau darauf intensiv vorbereitet.“ In der ersten Runde bezwang das deutsche Team Spanien mit 5:1, im Viertelfinale gegen die Vereinigten Staaten wurde es schon enger, aber Bauer, Schwarz und Kroppen behielten mit 5:3 die Oberhand. Da war dann eigentlich schon Erleichterung angesagt, denn Deutschland wähnte sich bereits bei den Olympischen Spielen. „Wir hatten schon Interviews gemacht, Fotos geschossen, es sind auch Freudentränen geflossen“, erzählt Bauer – plötzlich war aber wieder alles Makulatur, weil nur die drei Teams auf dem Stockerl die Olympia-Quali in der Tasche hatten. „Eine Achterbahn der Gefühle“, beschreibt die Raublingerin die Ereignisse.
Spätestens da trat der Heimvorteil in Kraft, denn das deutsche Team hatte ein eigenes Zelt, wo man wieder runterkommen und sich neu fokussieren konnte. Es brauchte nun also noch mindestens einen Sieg – und im Halbfinale wartete Mexiko, das eigentlich als favorisiert galt. Am Ende wurde es dann „deutlicher als gedacht“, denn das deutsche Team zog mit einem 6:0-Erfolg ins Finale ein. Dort traf man auf Frankreich, „die haben uns erst kürzlich im Halbfinale gestoppt“. Es entwickelte sich ein Wettkampf, der „hochklassig und spannend“ war. Der erste Satz endete unentschieden, den zweiten Durchgang holte sich das deutsche Team, der dritte Satz ging an die französische Mannschaft. Alles hing also vom vierten Durchgang ab – und den gewann Deutschland mit 57:56.
Es folgte Freude pur bei der deutschen Mannschaft und den Zuschauern, unter denen sich auch viele mitgereiste Fans von Katharina Bauer aus dem Inntal befanden. „Die Unterstützung habe ich von Anfang bis Ende gehört“, erzählt Bauer gerührt. Die 27-Jährige erinnert sich, „dass danach alles wahnsinnig schnell ging. Das waren keine zehn Minuten zwischen dem letzten Pfeil und der Siegerehrung.“ Dennoch sagt Bauer, dass sie „den Moment auf alle Fälle genießen“ konnte. Sie erinnert sich an das Gefühl, „wenn man die schwere Medaille um den Hals spürt“, aber auch an den Gänsehautmoment, „als wir gemeinsam die Hymne gehört haben“.
Mit dem letzten Pfeil hat sich dann auch alles entladen, was sich in den letzten Wochen, Monaten und gar Jahren aufgestaut hatte. „Es hat drei Jahre lang fast kein anderes Thema als die Heim-WM gegeben“, sagt Bauer – und bekennt: „Je näher die WM gekommen ist, desto größer war der Respekt.“ Zumal die Raublingerin sogar noch speziell im Fokus stand: Sie musste stets als Erste im deutschen Team ran. „Da ist es wichtig, selbstbewusst zu schießen – auch für die Teamkolleginnen.“ Bei der Heim-WM im Finale den ersten Schuss zu tätigen, sei allerdings noch einmal etwas anderes. „Es war mucksmäuschenstill, die Lautstärke kam erst, als der Pfeil eingeschlagen hatte. Das kann schon etwas mit einem machen. Ich habe mich aber gut gefühlt.“
Dieses Gefühl will Bauer jetzt noch mitnehmen. Denn nun steht der letzte Weltcup des Jahres in Paris an, Anfang September ist noch die deutsche Meisterschaft in Wiesbaden. Danach ist Pause – und spätestens dann will sie die Ereignisse von Berlin mit dem Weltmeistertitel auch komplett realisiert haben.