Rosenheim – Seit Anfang der Sechziger-Jahre ist Sigi Brauner eingefleischter Anhänger des Fußball-Rekordmeisters FC Bayern München, anhand der Mitgliedsnummer 116 zählt er zu den Ehrenmitgliedern des FCB. Wie er an ein Dress von Gerd Müller gekommen ist und warum er sich damals nicht – wie fast alle seiner Freunde – für den TSV 1860 München entschieden hat, erzählt Brauner in einem ausführlichen Gespräch mit der OVB-Sportredaktion, indem sich der 82-Jährige an die frühere Zeit und viele aufregende Anekdoten zurückerinnert.
Aufgewachsen ist Siegfried Brauner in Aßling und trieb sich in seiner Jugend viel auf dem Sportplatz rum. „Da war es immer so: Von zehn Fußball-Anhängern waren neun Sechzger und ein Bayer, sie haben immer gesagt, sie sind die ‚Löwen‘ und wir waren die ‚Rothosen‘ oder ‚Roten‘“, erklärt Brauner. „Wir waren immer in der Minderzahl.“ Zu seinen ersten Partien in München sei er immer mit seinen 1860-Freunden gefahren „und irgendwann haben wir gesagt: ‚Des is nix für uns, mia gemma zu de Bayern!‘ Da waren wir eine Hand voll“.
Im Jahr 1963 wurde die Bundesliga gegründet. Der TSV 1860 qualifizierte sich als Oberliga-Süd-Meister für die Premieren-Saison, während der FCB als Tabellendritter in die Regionalliga musste. „Das war uns aber egal. Und dann sind wir fünf Hansln geschlossen zu den Bayern gegangen.“ Der damalige Präsident, der Unternehmer Wilhelm Neudecker, verpflichtete den Trainer Tschik Cajkowski aus Köln und formte eine junge Truppe – darunter unter anderem Sepp Maier (20 Jahre), Franz Beckenbauer und Gerd Müller (beide 18), der in der Folgesaison dazustieß. „Da waren wir total begeistert.“ In der ersten Regionalliga-Spielzeit scheiterten die Bayern in den Aufstiegsspielen an Tasmania Berlin. „Nach dieser Saison wurden wir Mitglied, zum 1. Januar 1965“, blickt Brauner zurück. „Zu der Zeit sind wir in ganz Süddeutschland mit den Bayern mitgefahren: Schwaben Augsburg, Villingen, Reutlingen, Fürth, Stuttgarter Kickers. Die Bayern haben sich in der Regionalliga gefunden und nach zwei Jahren sind sie dann aufgestiegen“, erinnert sich der 82-Jährige.
Die Aufstiegsrunde war für den Rosenheimer etwas ganz Besonderes. „Wir fünf haben dann gesagt, zu den Spielen fahren wir mit unserem eingeschworenen Aßlinger Haufen.“ Nach Saarbrücken seien Brauner und Co. mit einem Sonderzug gefahren, in dem neben den knapp 1200 Anhängern auch die Bayern-Mannschaft gesessen habe. „Glücklicherweise haben sie dann auch noch 0:1 verloren“, scherzt Brauner. „Auf der Heimreise war die ganze Mannschaft bei uns am Bahngleis gestanden, da hast du mit allen quatschen können. Der Gerd Müller sagte zu mir: ‚Das war heute nichts Besonderes, aber seid ihr bei den nächsten Auswärtsspielen auch dabei?‘ Gegen Aachen unter der Woche schafften wir nicht, aber ich sagte zu ihm: ‚Beim letzten Spiel in Berlin – wenn’s das gibt – sind wir hundertprozentig dabei‘ und da habe ich zum Gerd gesagt: ‚Wenn wir aufsteigen, bekomm ich aber dein Trikot‘.“
Und so kam es: Das entscheidende Duell ging im Berliner Olympiastadion über die Bühne. Brauner fuhr mit dem Auto in die heutige Hauptstadt, wo die Bayern Tennis Borussia mit 8:0 schlugen. „Gegen Ende hab‘ ich schon gesagt: ‚Jetzt muss ich schauen, dass ich aufs Feld komme und das Trikot kriege.‘ Da war ja noch der große Wassergraben“, berichtet Brauner. „Nach einem Pfiff sind schon alle reingerannt, derweil war’s noch gar nicht der Schlusspfiff, dann mussten wieder alle vom Feld und wir haben an der Seitenlinie gewartet. Als dann wirklich abgepfiffen wurde, bin ich sofort zum Gerd gelaufen und habe ihn erinnert. Er meinte bloß: ‚Ziag’s runter!‘ Na hab‘ ich mir das Trikot genommen, dann wären sie auf mich losgegangen und wollten mir das Trikot abnehmen“, lacht er. „Meine Spezln haben mich geschützt und ich hab‘ das Trikot unter meine Klamotten gewurschtelt. Auf einmal war dann ein Ball da, dann haben wir im Olympiastadion Fußball gespielt“, führt Brauner die einzigartige Geschichte aus, als wäre es gestern gewesen, und plaudert weiter: „Ich bin ins Tor gegangen und die andern haben mich daballert.“ Am Abend trieb es die Aßlinger Truppe zum Kurfürstendamm, wo Brauner seine erste Berliner Weiße getrunken habe: „Ich hab‘ gar nicht gewusst, was das ist, derweil ist das so ein Himbeersaft. Auf einmal sind zwei in Bayern-Trikots mit den Nummern 7 und 9 rumgelaufen. Da habe ich geschrien: ‚Halt, ich komm‘ mit.‘ Dann habe ich mein Trikot angezogen – Gerd hatte ja die 8 und der Torjäger Rainer Ohlhauser die 9 – so sind wir barfuß den Kurfürstendamm runtergelaufen: 7, 8, 9 – super war das!“ Noch in derselben Nacht ging es zurück in die Heimat, trotz den Feierlichkeiten setzte sich Brauner ans Steuer. „Ich habe nur eine Berliner Weiße gehabt, das ist ja kein Alkohol“, lacht er.
Das Dress des Bombers bekam immer einen Ehrenplatz, erst hing es in seinem Zimmer, später bei seinen Töchtern. Bei einer Autogrammstunde in Rosenheim im Jahr 1987 habe Brauner Müller gefragt, ob er das Trikot noch kenne. „Oh, das ist aber ein altes Trikot“, habe der legendäre Bayern-Stürmer geantwortet, sich an Brauner erinnert und das Shirt signiert. Als der FC Bayern das Museum in der Allianz Arena gründen wollte, wurden alle Mitglieder nach Exponaten gefragt. „An dem Trikot waren sie natürlich sofort interessiert. Ich habe mich dazu entschieden, es zu stiften, denn da ist es am besten aufgehoben“, weiß der treue Fan. Seitdem hängt das Trikot in der Allianz Arena, Brauner erhielt im Austausch lebenslang freien Eintritt zum Museum.
Fest im Gedächtnis bleibt ihm die erste Partie des FC Bayern in der Bundesliga. „Ja, das war ganz schlimm“, schmunzelt Brauner, der im Sudetenland geboren und dessen Familie 1954 nach Aßling gezogen war. „Wir haben zuvor gesagt, wenn die Bayern aufsteigen, gehen wir zum ersten Spiel zu Fuß nach München. Und das war ausgerechnet gegen 1860 im Städtischen Stadion – wir haben ja nie Sechzger-Stadion gesagt. Zu viert sind wir um zwei Uhr nachts von Aßling aus losgegangen. Da haben sie 0:1 verloren und der Danzberg sah rot. Das war natürlich kein guter Einstand in die Bundesliga“, erzählt Brauner. Dennoch fasste der FCB in der Bundesliga schnell Fuß, in der Premieren-Saison errangen sie Platz drei und die erste Meisterschaft feierten die Bayern in der Spielzeit 1968/ 1969.
Für Sigi Brauner war der Umzug ins Olympiastadion 1972 der Aufschwung für den Münchner Klub. „Da sind sie groß geworden. In den 70er-Jahren hieß es dann mal, dass sie eine Million Zuschauer hatten im Jahresschnitt. Das war gigantisch. Dann sind sie 74, 75 und 76 Pokalsieger der Landesmeister geworden, da war natürlich die Hölle los.“ Er selbst habe zwölf Jahre eine Dauerkarte besessen und fast jedes Match besucht: „In einer Saison hab‘ ich genau ein Spiel ausgelassen, das weiß ich noch“, verdeutlicht der Rosenheimer. An das erste Spiel im Olympiastadion kann er sich nicht mehr genau erinnern. „Mei, das war gleich das erste Spiel, aber gegen wen das war, weiß ich jetzt nicht mehr. Da war ich so oft drin.“ Vermutlich war es der 2:1-Heimsieg gegen Bremen. Die Spielstätte im Olympiapark habe dem 82-Jährigen „schon sehr gut gefallen. Und Stuttgart war immer schön, dadurch dass ich da so oft war. Da haben wir Verwandte gehabt und waren dann jedes Jahr beim Auswärtsspiel zu Besuch. Einmal haben die Bayern 1:3 verloren und dann hat der Onkel einen Teller vor die Tür gelegt: Drei große und eine kleine Kartoffel“, erzählt er lachend.
1984 zog Brauner mit seiner Familie nach Langenpfunzen bei Rosenheim, „das war das letzte Jahr, in dem ich eine Dauerkarte hatte. Es war zum Fahren zu weit und wir haben uns finanziell festgesetzt und um die Kinder gekümmert, dann bin ich nicht mehr so viel raufgefahren“, begründet er. Seit dem schaue er pro Saison ein paar Spiele im Stadion, aber nicht mehr in der Häufigkeit wie früher. „Heuer war ich dreimal in der Arena, aber ich verfolge natürlich alles im Fernsehen. Damals gab es ja auch schon die Sportschau.“ Durch seine niedrige Mitgliedsnummer habe Brauner das Privileg, jederzeit problemlos Karten zu bekommen. Zudem bekommt er Einladungen zu besonderen Veranstaltung des FC Bayern. „Zum Beispiel zur Trauerfeier vom Franz oder jetzt war erst zehnjährige Museumsfeier.“ Mit der Nummer 6480 kam Brauner 1965 zu den Münchnern, „das war die laufende Nummer. Und immer wenn jemand kündigt oder verstirbt, rutscht man nach. So bin ich jetzt bei 116“, erklärt das Ehrenmitglied.
In den letzten Jahren verstarben mit Beckenbauer und Müller zwei FCB-Ikonen. „Das hat mich sehr mitgenommen“, bedauert Brauner. Für ihn waren es nicht nur absolute Ausnahme-Fußballer, sondern auch Menschen, mit denen er immer wieder Kontakt pflegte. „Mim Franz hast immer reden können. Der Gerd war nicht so gesprächig, mit ihm hatte ich aber auch immer mal wieder Kontakt. Das sind für mich auch die zwei Spieler, die den FC Bayern zu dem gemacht haben, was er heute ist.“
Der Kontakt zu den Bayern-Akteuren hat sich mit der Zeit verändert. „Die Aufstiegs-Mannschaft von 1965 kannte ich alle: Maier, Kunstwadl, Kupferspiel, Olk, Nafziger, Mülller und Beckenbauer natürlich. Heute ist das halt nicht mehr so, den Musiala kenne ich auch nur aus dem Fernsehen“, beschreibt Brauner den Wandel. Er habe bei den Jahresversammlungen immer mit den Spielern gesprochen. „Jetzt ist alles so abgeschirmt. Mir war das schon klar, dass das ganz anders wird als vor 40, 50 Jahren. Auf der einen Seite ist es schon schade, auf der anderen aber auch verständlich mit den Medien. Da sagst du ein falsches Wort und bist direkt der Depp“, zeigt sich Brauner einsichtig mit den heutigen Profis. Zu seinen liebsten Gesprächspartnern bei den FCB-Veranstaltungen zählen auch Rummenigge, Augenthaler, Bulle Roth und Elber, „mit dem quatsch‘ ich immer sofort. Einmal hab‘ ich ihn gefragt: ‚Wie schaut’s aus, wann spielt dein Sohn bei Bayern?‘ ‚Ist in Bearbeitung, der wird schon‘, hat der Giovane gesagt, da musste ich lachen.“
Neben den vielen Erfolgen in den ruhmreichen Jahren als Bayern-Fan wird der 82-Jährige die Finalspiele der Champions League 1999 und 2012 nie vergessen. „1999 bleibt dir nicht das Spiel in Erinnerung, sondern nur die Nachspielzeit. Wir sind daheim gewesen und ich hab‘ schon alles hergerichtet zum Feiern“, erinnert sich Brauner. Dann drehte Manchester United binnen zwei Minuten die Partie zum 2:1. „Wir waren alle sprachlos und ich war schon sehr geknickt. 1999 war schlimmer, aber auch 2012 werde ich nicht vergessen. Die spielen da 90 Minuten klar besser und von Chelsea kam gar nichts…“, beschreibt Brauner die beiden bitteren Niederlagen.
Nichtsdestotrotz überwiegen die positiven Erlebnisse: Meisterschaften und Pokalsiege gab es beim Rekordmeister ja etliche. „Des beste Spiel für mich war das WM-Endspiel 1974 in München, da hab‘ ich Karten gehabt. Das war jetzt nicht der FC Bayern, aber die halbe Mannschaft kam von Bayern, im eigenen Land und auch noch das Finale in München, das war für mich das Höchste überhaupt.“ Brauner habe sich Tickets für das Spiel um Platz drei und das Finale gekauft. „Zwölf Stunden sind wir am Kartenverkauf angestanden. Wir sind am Montag in der Früh um halb fünf nach München gefahren und da waren schon ungefähr 2500 Leute da. Um 17 Uhr waren wir dann am Schalter“, weiß er noch ganz genau. Für die deutsche Mannschaft standen im Endspiel gegen die Niederlande sechs ‚Rote’ auf dem Feld: Die FCB-Achse bestand aus Sepp Maier, Kaiser Franz, „Katsche“ Schwarzenbeck, Paul Breitner, Uli Hoeneß und dem Bomber, der den 2:1-Siegtreffer schoss. „Alles extrem wichtige Leute. Das war für mich das beste Spiel überhaupt, Weltmeister samma a no worn!“ Zudem habe Brauner einige beeindruckende Partien der Bayern erlebt. „Ich hab‘ letztens meine Adidas-Tasche gefunden, die ich seit Tag eins hatte. Sitzkissen, Getränke und alles hab‘ ich drin gehabt, das darfst ja alles nicht mehr mitnehmen. Da hab‘ ich jetzt mal reingeschaut: Ein riesen Berg Karten, Pokalspiele gegen Mannschaften aus aller Welt.“ Spitzenklasse-Spieler hatten nicht nur die Münchner in ihren Reihen, sondern auch die Klubs, die im Europapokal zu Gast waren. „Da fällt mir direkt einer ein, gegen Mailand. Das war der Trapattoni, der war wirklich gut. Das war noch im Städtischen Stadion, er war Außenstürmer und von ihm war ich ganz begeistert. Und dann wird er auch noch Bayern-Trainer und sagt Flasche leer – das legendärste Interview überhaupt“, lacht der Edelfan.
Eine lange Serie von elf Bundesliga-Meisterschaften am Stück riss für den FC Bayern München in der abgelaufenen Saison. Dass dieser Lauf ein Ende finden würde, habe sich laut Brauner schon in der Spielzeit davor abgezeichnet. „Das war ein Warnschuss und da waren die Dortmunder ja selbst Schuld. Heuer haben die Bayern einfach keine gute Saison gespielt“, begründet der Rosenheimer und lobt zugleich die Konkurrenz: „Niemandem hätte ich es so gegönnt wie Leverkusen. Die haben so souverän gespielt“, zollt Brauner Respekt und erinnert sich sofort an die nächste witzige Story: Im Jahr 2000 brauchte Bayer Leverkusen am finalen Spieltag einen Punkt in Unterhaching, um Meister zu werden – der FCB lag in der Tabelle zwei Zähler zurück. „Da war ich mit einem Spezl in Unterhaching. Wir haben Fanschal und -kappe von der SpVgg umsonst bekommen.“ Unterhaching gewann 2:0 und Bayern München krönte sich zeitgleich mit dem 3:1-Heimerfolg über Bremen zum Meister. „Nach dem Spiel wir sofort zur Meisterfeier am Marienplatz, ich noch mit den Haching-Sachen. Da sind wir von allen Bayern-Fans gefeiert worden, derweil waren wir ja selber welche. Das war ganz ein tolles Erlebnis.“
Zurück zur Saison 2023/24: „Früher hat es auch deswegen ja immer ‚Vizekusen‘ geheißen und ich hab‘s keiner Mannschaft so gegönnt wie Leverkusen. So souverän wie die auch noch gespielt haben“, würdigt der ewige Bayern-Anhänger. Der Grund für die durchwachsene Saison der Bayern sei die Hintermannschaft gewesen. „Eine Meisterschaft gewinnt man nur mit einer guten Abwehr und die hat einfach miserabel gespielt“, kritisiert Brauner. „Vorne haben wir ja über 90 Tore geschossen. Für mich war die Defensive das Nonplusultra.“
Im kommenden Jahr wünscht er sich, dass die Bayern „wieder um den Titel spielen und nicht so schwankende Leistungen zeigen. Dafür müssen sie auf jeden Fall in der Abwehr was machen“. Das wird nun die Aufgabe des Trainers Vincent Kompany, von dem Brauner sich einfach überraschen lasse. „Er hat nichts zu verlieren. Für mich war damals ausschlaggebend, dass sie den Nagelsmann entlassen haben, das war der größte Fehler, den sie gemacht haben. Wie viel Millionen die jetzt für die Trainer ausgegeben haben…“, bemängelt der Rosenheimer. Damals habe er sich auch gewünscht, dass Pep Guardiola bleiben würde: „Da haben wir einen super Fußball gespielt.“ Auch Hansi Flick hätte laut Brauner bleiben sollen. „Mit der Mannschaft hat das ja gut geklappt, aber nicht mit den Oberen.“