Rosenheim – Im Sommer 2015 hätte er sich das nicht träumen lassen: Gerade war Julian Weigl durch die Relegationsmühle in der 2. Bundesliga mit einem blauen Auge gekommen. Die Münchner Löwen hatten sich in der Nachspielzeit gegen Holstein Kiel gerettet, Kai Bülow war der umjubelte Held. Der 19-jährige Weigl blieb aber nicht in der 2. Bundesliga – für ihn ging es eine Spielklasse höher. Borussia Dortmund und der neue Trainer Thomas Tuchel hatten den gebürtigen Bad Aiblinger verpflichtet. Und dieser startete richtig durch – bis in die Nationalmannschaft und ins deutsche EM-Aufgebot!
Es war die Krönung einer unglaublichen Saison, denn den Mittelfeldspieler aus der 2. Liga hatte man nicht so richtig auf der Rechnung. Und dann mutierte Weigl zum Stammspieler: 30 Spiele in der Bundesliga, fünf Einsätze im DFB-Pokal, vier Matches in der Europa-League-Qualifikation und zwölf darauffolgende Europa-League-Begegnungen – Weigl war mittendrin statt nur dabei! In der Bundesliga stellte die „Passmaschine“ sogar einen Rekord mit 214 Ballkontakten in einem Spiel auf. „Dabei hatte ich die 90 Minuten nicht einmal durchgespielt“, merkte der damalige Dortmunder an. Nach 83 Minuten war für ihn damals Schluss.
Am Ende der Spielzeit folgte der nächste Schritt: die Nominierung für die Nationalmannschaft. Ende Mai wurde er für Weltmeister Sami Khedira im Freundschaftsspiel gegen die Slowakei (1:3) eingewechselt. Ein Ergebnis zum Vergessen, dennoch ein Spiel mit Erinnerungswert – nicht nur für den Debütanten: Wegen eines heftigen Gewitters wurde die Halbzeitpause auf knapp eine halbe Stunde ausgedehnt. Weigl fand sich im Nationalteam so gut zurecht, dass ihn Trainer Joachim Löw auch ins endgültige Aufgebot nahm. „Ich habe der Nominierung ganz gelassen entgegengeschaut, denn für mich war es schon ein Erfolg, im vorläufigen Kader zu sein. Im Training habe ich mich bemüht, meine Stärken gut einzubringen, habe auch Lob bekommen von Joachim Löw“, erzählte der damals wie heute sehr bodenständig rüberkommende Weigl. „Dadurch hatte ich schon ein ganz gutes Gefühl, wäre aber auch nicht am Boden zerstört gewesen, wenn ich nicht dabei gewesen wäre. Auch so ist es eine herausragende Saison. Jetzt eben noch mit dem i-Tüpfelchen, mein erstes Turnier mitzuerleben.“
Und der mittlerweile 28-Jährige gab sich demütig („Es ist kein Weltuntergang, wenn ich wenige oder gar keine Einsätze bekomme“) und zugleich selbstbewusst: „Ich habe ja auch gezeigt, dass ich in den internationalen Spielen keine kalten Füße bekommen habe. Er kann mich reinwerfen, wenn er will.“ Hat er aber nicht gemacht, der Bundestrainer. Weigl blieb ohne Einsatz, während das deutsche Team ungeschlagen durch die Gruppenphase zog und sich nach dem gewonnenen Elferkrimi gegen Italien im Viertelfinale dem Gastgeber Frankreich im Halbfinale geschlagen geben musste. Der Mittelfeldspieler, der beim SV Ostermünchen seine ersten Schritte unternahm, war somit nur im Training gefordert. Dort schaute er ganz besonders auf Toni Kroos, wie Weigl damals während des Turniers verriet: „Mir gefällt seine Spielverlagerung. Da merkt man, dass er kaum Streuung in seinen Bällen hat. Sie kommen einfach auf den Punkt.“ Heute weiß man, dass er dem Richtigen auf die Füße geschaut hat. Und das wird er sicherlich auch beim aktuellen Turnier tun, wenn der mittlerweile sechsmalige Champions-League-Gewinner Kroos seine letzten Profispiele bestreiten wird.