Als Werner Lorant den Stecker zog…

von Redaktion

Immer unter Hochspannung, fauchend, bis die Funken fliegen, und die Frisur unter Vollstrom – so kannte die Fußballszene Werner Lorant, der am Ostersonntag verstorben ist. Doch hin und wieder zog der Löwen-Dompteur auch mal den Stecker – Anekdoten aus der Region zum einstigen Kulttrainer.

Rosenheim/Waging – Als er im November 2023 unserer Zeitung anlässlich seines 75. Geburtstags in Waging ein letztes, ausführliches Interview gab, war er noch zuversichtlich. „Ich habe die Gene meiner Mutter, sie wurde 102 Jahre, ich werde 100 Jahre alt“, hatte Werner Lorant damals noch gehofft. Am Ostersonntag starb er nach langwieriger Krankheit im Wasserburger Krankenhaus. Der einstige Erfolgstrainer des TSV 1860 München wurde nur 76 Jahre alt.

Die letzten 14 Jahre verbrachte er am See mit der offiziellen Anschrift „Am See 1, 83329 Waging“. Zusammen mit Lebensgefährtin Gitti und deren beiden Kindern war er in die 120 Quadratmeter große Betriebsleiterwohnung von Strand Camping im ersten Stock eingezogen. Gewonnen für Waging hatte ihn Andi Barmbichler. Der Anlass war allerdings ein trauriger. Der Geschäftsführer von Strandcamping Waging am See bietet mit seiner Tochter Lisa Gruber im Camping-Gelände im Sommer regelmäßig Fußballtraining für Kinder an. Das ist auch heute noch so. Bis zu 100 sind da oft dabei, und mit Ex-Nationalspieler Dieter Eckstein (61), der in den 1980er-Jahren Kultstürmer beim 1. FC Nürnberg war, konnte er auch einen sehr prominenten Trainer dafür verpflichten. Aber Eckstein erlitt 2011 bei einem Spiel des FC Sternstunden einen Herzinfarkt. Barmbichler stand plötzlich ohne Trainer da. „Da habe ich mich an Werner Lorant erinnert, den ich kannte. Er ist aus Estepona in Spanien nach Waging gekommen, hat sich alles angeschaut und sagte spontan zu, weil er gerade keine anderen Verpflichtungen hatte“, erinnert sich Barmbichler. Etwas Bedenken habe er schon gehabt, denn Lorant habe ja den Beinamen „Werner Beinhart“ gehabt. Der Trainer habe aber alle überrascht. „Werner war Liebling der Kinder, sie gingen so gerne zu ihm ins Training und es wurden immer mehr“, weiß der Waginger Camping-Chef. Lorant trainierte, bis Eckstein wieder genesen war, hatte sich an Waging aber so gewöhnt, dass er für immer blieb. „Es hat ihm hier wirklich gefallen, er lernte seine Gitti kennen, verbrachte eine wunderbare Zeit am See und sagte einmal zu mir, dass er hier auch sterben wolle“, berichtet Andi Barmbichler.

Stefan Mayr war mit dabei, als der Aufstieg von Werner Lorant mit den Löwen begann. Mayr, der zuletzt als Interimstrainer den SV Westerndorf in der Kreisliga stabilisiert hat, spielte bei den Löwen im Nachwuchs und war gerade in den Herrenbereich gewechselt, als Lorant sein Traineramt bei den Münchnern startete – damals noch in der Bayernliga, 1992 dritthöchste Spielklasse. „Anfangs noch ohne Neuzugänge, weshalb wir jungen Spieler auch mitmachen durften“, erinnert sich Mayr. In der Nähe von Nürnberg gab es einen zweistelligen Testspielerfolg – allerdings mit einem Gegentreffer. Die Folge: „Eine Strafeinheit nach dem Spiel.“ Der Abwehrspieler durfte noch in weiteren Spielen mitmischen, unter anderem bei einem 3:0-Sieg im Freundschaftsspiel gegen den amtierenden DFB-Pokalsieger Hannover 96 – und im Grünwalder Stadion beim Pokalspiel gegen den TSV Großhadern (mit dem früheren Sportbund-Trainer Walter Werner in der Startelf). Mayr hat den Aufstieg der Löwen unter Lorant miterlebt. „Es war schon der Wahnsinn, wie er und Karl-Heinz Wildmoser als Präsident da angerissen haben“.

Zwei Jahre später waren die Löwen in der Bundesliga angekommen – und hatten unter anderem Manfred Burghartswieser verpflichtet. Der war als 21-Jähriger von den Bayern-Amateuren an die Grünwalder Straße gewechselt – und erlebte dort eine ganz andere Welt. „Aus einem umsorgten Umfeld in die raue Profiwelt“, sagt Burghartswieser, der als Kapitän mit Wacker Burghausen in die 2. Bundesliga aufstieg, danach noch für 1860 Rosenheim spielte und dort sowie beim Sportbund als Trainer agierte. Bei den Bayern habe es schon auch mal klare Worte von Hermann Gerland gegeben, „aber Lorant war schon eine ganz andere Nummer“, weiß Burghartswieser. Er kann sich an „wahnsinnig viele Laufeinheiten“ erinnern und bezeichnet die Zeit, die bei ihm auch von Verletzungen geprägt war, als „totale Lehrjahre für einen jungen Spieler“. Im Training sei es „richtig zur Sache“ gegangen, Lorant habe dies auch stets forciert. „Die Einheiten waren wahnsinnig intensiv.“

Ob er in der Bezirksliga auch noch so kompromisslos war? Wenn er nicht im Mittelpunkt stand, dann auf jeden Fall. Anfang April 2015 hatte Lorant das Traineramt beim abstiegsbedrohten TSV Waging übernommen – letztlich mit Erfolg, denn via Relegation hielten die „Seerosen“ die Spielklasse. Dabei spielte Lorant mit seinem Team unter anderem gegen den SV-DJK Kolbermoor, den SV Amerang oder den TuS Raubling, der zu dieser Zeit von Franz Pritzl trainiert wurde. „Wir haben 1:1 gespielt“, erinnert sich Pritzl, „das war sehr amüsant, denn er war während des Spiels für eine TV-Doku verkabelt. Und nach dem Spiel hat er mir erzählt, dass er für die Presse ein bisschen eine Show machen muss.“ Der jetzige Co-Trainer beim Landesligisten TSV 1860 Rosenheim kann auch eine Anekdote von vor dem Spiel berichten. Die Raublinger hatten sich nämlich zum Umziehen in ihre Kabine begeben und hatten dabei auch die Musikbox aufgedreht – für Lorant etwas zu laut, denn der Zampano stürmte in die Raublinger Umkleide und zog den Stecker. Manchmal, aber nur manchmal, musste es bei Lorant auch mal ohne Strom sein…

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