Stephanskirchen – Wingsurfer sind gerade dabei, auf den heimischen Seen die klassischen Windsurfer zu verdrängen. Während die Windsurfer schon seit einer gefühlten Ewigkeit mit ihren bunten Segeln über das Wasser zischen, packen die jungen Wilden ein aufblasbares Segel (Wing) mit beiden Händen, stellen sich auf ein kleines Board mit darunter montiertem Foil und schweben widerstandsarm über die Wellen. So rasant wie sich dieser Sport entwickelt hat, so schnell hat er auch neue Talente hervorgebracht. Marie Schlittenbauer aus Stephanskirchen bei Rosenheim wurde jetzt gar Weltmeisterin in der U19-Klasse im Surf-Freestyle. Angefeuert wurde sie dabei unter anderem von ihrem ein Jahr älteren Bruder Franz Schlittenbauer und von Franz Rappolder aus Kochel am See. Alle drei haben ihren Sport auf den oberbayerischen Seen gelernt und konnten sich doch im Feld der am Meer beheimatete Konkurrenten behaupten.
Durch Videos ihrer Sprünge und Tricks, die sie auf dem Wasser mit ihren Boards und ihren Wings ausführen, konnten sich alle drei, die sich gut kennen, für die GWA Wingfoil World Tour qualifizieren. Die machte im Juni Station in Tarifa in Südspanien, dort, wo man mit bloßem Auge nach Afrika hinüber schauen kann. Die Stadt ist bekannt für ihre starken Winde. So war es kein Wunder, dass bei den Heats (Wettfahrten), die an dem bei Surfern und Kitern bekannten Strand Valdevaqueros ausgetragen wurden, extreme Bedingungen herrschten, die für die bayerischen Talente eher nicht Alltag sind. Trotzdem konnten sich die beiden Geschwister Schlittenbauer sowie der 15-jährige Tölzer Gymnasiast Franz Rappolder gut in Szene setzen, obwohl sie natürlich bei solchen Starkwindverhältnissen keine echte Chance hatten gegen die Lokalmatadoren oder die Wingsurfer, die am Meer wohnen, wo es nun einmal mehr bläst als beispielsweise am Walchensee oder am Kochelsee.
Der 15-jährigen Marie Schlittenbauer gelang trotzdem das Kunststück, in einem Heat die amtierende spanische Weltmeisterin Nia Suardiaz zu schlagen, letztlich kam sie in der stark besetzten Konkurrenz auf den dritten Platz hinter der Lokalmatadoren Mar de Arce und Suardiaz. Zwei weitere deutsche Mädchen landeten im Feld der 17 Fahrerinnen.
Gleich danach ging es weit nach Norden an die Costa Brava, wo in San Pere Pescador die 2025 GWA Youth Wingfoil World Championships im Surf-Freestyle ausgetragen wurden. Hier herrschten vergangene Woche total andere Bedingungen, wie Papa Markus Schlittenbauer berichtet. Die Judges (Kampfrichter), die auf einem eigens errichteten Turm sitzen, sahen nur wenig Action, da der thermische Wind schwächelte. Hier hatte Marie Schlittenbauer im Semifinale großes Glück, dass ihr am Ende des siebenminütigen Heats noch zwei gewertete Tricks gelangen. Im Finale setzte sie sich gegen die beiden Französinnen Eulalie Thébault und Manon Dupé durch. Die schärfste Konkurrentin Nia Suardiaz war nicht am Start, vermutlich weil es keine Preisgelder gab.
Ganz klar, dass die Rosenheimer Gymnasiastin, die auch in der Schule ihren Ehrgeiz auslebt, auf den Schultern ihres Bruders Franz und von Franz Rappolder, der sich bei den U 19 Herren ebenfalls gut geschlagen hatte, unter großem Hallo auf den Schultern an den Strand getragen wurde.
Die Geschwister Schlittenbauer, die zwar durch ihren in Surferkreisen als F2Importeur unvergessenen Großvater Franz Schlittenbauer und Vater Markus, der lange ein Surfreisebüro leitete, erblich vorbelastet sind, haben nach Surf- und Kiteerfahrung erst vor zweieinhalb Jahren mit dem Wingsurfen begonnen: am Gardasee, wo man jedes Jahr die Ferienwochen mit Opa Hartl Maier verbringt, den in Bad Tölz als vielseitigem Sportler bestens bekannten Vater von Mutter Verena Schlittenbauer. Dort stieß dann auch der Kochler Franz Rappolder dazu, der schon mit 13 Jahren aufhorchen ließ, als er bei den deutschen Meisterschaften auf Fehmarn Zweiter wurde. Sein Lehrer und Vorbild war Vater Ulli Rappolder, doch der Sohn wurde natürlich schnell besser als der Papa.
Um bei WM-Läufen mitfahren zu können, muss man an vielen Spots trainieren, wie in Ägypten, den Kap Verden oder Griechenland. Doch letztlich können alle drei, die als Surfer und Winger auf heimischen Binnenseen begonnen haben, stolz darauf sein, dass sie mit den Konkurrenten, die das Meer vor der Haustür haben, mithalten können.