Oberstdorf – Auch fünf Monate nach der WM in Trondheim sorgt der Anzugskandal im Skispringen für Gesprächsstoff. Andreas Wellinger sieht seinen Sport auf einem richtungsweisenden Weg und blickt der Entscheidung über einen möglichen WM-Titel gelassen entgegen. Im deutschen Team herrscht Zuversicht, dass die sportliche Leistung wieder in den Vordergrund rückt.
Bei einem Pressegespräch in Oberstdorf äußerten sich Wellinger, Karl Geiger und Pius Paschke zu den Entwicklungen seit der Nordischen Ski-WM, bei der die norwegische Mannschaft der systematischen Manipulation der Anzüge überführt wurde.
„Die Vorfälle in Trondheim haben unserem Sport einen großen Schaden zugefügt. Von den Norwegern wurde auf alle geschlossen. Wir sind in einer hochtechnischen Sportart, in der das Material eine große Rolle spielt. Das war schon immer so“, sagte Wellinger auf Nachfrage von chiemgau24.de und ergänzte: „Viele in meinem Umfeld haben hinterfragt, ob es noch um Leistung geht, oder nur das Material entscheidet“, sagte der 29-Jährige und sendete einen klaren Appell an die Szene. „Wir müssen uns die Glaubwürdigkeit jetzt zurückholen, das ist die größte Aufgabe.“
Nach dem Skandal bei der WM hat der Weltverband FIS reagiert und das Reglement für die kommende Saison verschärft. Primär wurden die Vorgaben für die Anzüge klarer definiert. Es geht um Details und oft nur um wenige Zentimeter im Schnitt des Anzuges. Die festgelegten Maße sind präziser, der Spielraum soll damit eingeschränkt werden.
Eine Veränderung am Anzug bringt andere Anpassungen mit sich, das betonte Wellinger. „Das muss man Schritt für Schritt angehen und entsprechend reagieren. Wir bringen zunächst den Anzug ins neue Reglement, danach adaptieren sich alle anderen Komponenten im System – wie beispielsweise die Ski oder der Schuh.“
Auch das Kontroll- und Sanktionssystem wurde angepasst. Die Körpervermessungen vor der Saison sollen präziser werden und künftig sind zwei Materialkontrolleure verantwortlich, statt bislang nur einem.
Mit dem Österreicher Mathias Hafele wird ein ehemaliger Athlet künftig Teil der Materialkontrolle sein. Paschke bewertet das positiv. „Er weiß genau, was er tut und hat unheimlich viel Ahnung von der Materie. Die Vorgaben sind strukturiert, darauf müssen wir uns jetzt einstellen.“ Auch Wellinger sieht den Einsatz eines ehemaligen Springers in der Materialkontrolle positiv für die Entwicklung im Skispringen. „Mathias kennt alle Tricks, das ist klar von Vorteil“, betonte der Springer vom SC Ruhpolding.
Für die deutschen Adler bedeuten die Veränderungen einen zusätzlichen Aufwand. „Wir kennen Änderungen schon aus den vergangenen Jahren – auch wenn es in diesem Jahr doch gröber ausfällt. Das bringt Ungewissheiten mit sich, auf die man sich neu einstellen muss“, erklärte Geiger.
Dass künftig der Sport wieder in den Vordergrund rücken soll, betonte Paschke. „Wer ein guter Skispringer ist, wird mit diesem Reglement zurechtkommen. Wir haben früh Klarheit und hoffen, dass das auch bis zum Winter so bleibt. Das wäre wichtig, so können wir uns entsprechend anpassen.“
Unterdessen ist weiter offen, ob Wellinger nachträglich zum Weltmeister von der Normalschanze erklärt wird. Bei der WM hatte der Norweger Marius Lindvik vor dem Deutschen die Goldmedaille gewonnen. Lindvik war in den Manipulationsskandal involviert. Eine unabhängige Untersuchungsstelle verwies den Fall für ein finales Verdikt an die Ethikkommission des Weltverbandes FIS – dieses wird nun über mögliche Sperren, Geldstrafen oder Disqualifikationen entscheiden.
„Da ich es nicht beeinflussen kann, beschäftigt mich das Thema derzeit nicht. Ich gehe nicht davon aus, dass sich etwas verändern wird. Die Ergebnisliste steht, die Entscheidung liegt auf einer anderen Ebene“, so Wellinger abschließend.