Wasserburg – „Fußball ist keine Mathematik“, erklärte Karl-Heinz Rummenigge einst dem großen Fußballtrainer und Mathelehrer Ottmar Hitzfeld. Man muss weder Rechenkünstler noch Mathematik-Professor sein, um Rummenigge zu widerlegen: Fußball ist Mathematik – und hierbei ganz besonders Stochastik, eben jener Teilbereich, der die Wahrscheinlichkeitstheorie beinhaltet. Als Beleg dafür können die Landesliga Südost und der TSV 1880 Wasserburg herangezogen werden. Am zweiten Spieltag verletzte sich Michael Barthuber im Heimspiel gegen Traunstein und fiel danach im Grunde bis zum Rückspiel aus.
Der 31-Jährige war in den letzten Jahren Topscorer der Löwen, in der vergangenen Saison erzielte er 21 Tore. Diese Treffer fehlten in einigen engen Spielen, wodurch wir wieder zur Stochastik kommen: Sind die besten Scorer auf dem Feld, ist die Wahrscheinlichkeit, das Spiel zu gewinnen, signifikant höher. Vergangenen Freitag kehrte Barthuber in der 61. Minute beim Stand von 0:0 ausgerechnet in Traunstein erstmals wieder länger auf den Platz zurück, er erzielte zwei Tore, Wasserburg gewann mit 3:0 – quod erat demonstrandum. Im Interview spricht der Wasserburger Kapitän über sein Comeback, die lange Verletzungspause, den Torriecher und die enge Konstellation an der Tabellenspitze.
Sie waren lange verletzt und haben sich gegen Traunstein fulminant zurückgemeldet. Was ging Ihnen vor der Ecke und nach dem Tor durch den Kopf?
Vor der Ecke eigentlich nicht viel, weil es mir grundsätzlich immer darum geht, unserem Spiel zu jeder Minute einen Impact zu geben – egal in welcher Art und Weise, sei es ein gelungener Zweikampf oder eine Offensivaktion. Tore sind dann letztendlich nur das Ergebnis davon. Nach dem Tor habe ich mich natürlich gefreut, auch wenn nicht ich, sondern der Verteidiger maßgeblich daran beteiligt war.
Traunstein war ja ein besonderer Gegner, da Sie sich im Hinspiel am zweiten Spieltag verletzt haben. Wie lief der Weg zurück?
Leider hat sich der Heilungsprozess an meinem Sprunggelenk wegen einer hartnäckigen Schwellung stark verzögert. Natürlich wollte ich viel eher zurückkehren, was angesichts der Verletzung auch realistisch war. Nichtsdestotrotz habe ich kontinuierlich an meiner Fitness arbeiten können, sodass der Weg zurück nicht allzu lange war und ich mich sehr schnell wieder gut gefühlt habe.
Die Fitness ist zwar noch nicht wieder voll da, der Torriecher hingegen schon. Wie kommt es, dass der Torinstinkt nicht verloren geht?
Die Erfahrung spielt einem da schon sehr in die Karten, würde ich sagen. Situationen richtig erkennen oder auch mal etwas spekulieren, sind da für mich zentrale Punkte.
Kann man den sogenannten Riecher lernen?
Gute Frage. Wahrscheinlich gäbe es dann einige Gerd Müllers oder Harry Kanes mehr. Ich denke, dass es darauf ankommt, als Offensivspieler bei jeder Aktion online und gedanklich einen Schritt schneller als der Gegenspieler zu sein. Das ist für mich in erster Linie eine Willenssache. Und Wille ist trainierbar.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie Spiele wie gegen Schwabing (1:1) oder den SVN München (2:2) mit vielen ungenutzten Strafraumszenen tatenlos mitansehen mussten?
Klar schlägt man da auch mal die Hände über dem Kopf zusammen, aber von außen ist es immer leichter gesagt als getan. Da spielen viele Faktoren mit rein, das weiß ich selbst nur zu gut.
Die Liga ist vorne so eng wie noch nie. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Die Liga ist dieses Jahr in der oberen Tabellenhälfte sehr ausgeglichen, sodass es im weiteren Verlauf der Saison für uns viele „Sechs-Punkte-Spiele“ geben wird, die wir ziehen müssen. Nur so können wir uns dort festbeißen, wo wir gerade stehen.
Was brauchen die Löwen in den Spielen vor dem Winter und in der zweiten Saisonhälfte generell?
Natürlich wollen wir nahtlos an den letzten beiden Spielen anknüpfen, in denen wir gezeigt haben, dass wir im Kollektiv eine Energie entfachen können, die unsere Gegner in die Knie zwingen kann. Das wird auch die Grundlage für das Frühjahr sein. In den verbleibenden Spielen müssen wir definitiv konstantere Leistungen zeigen und nicht wie teilweise in der Hinrunde vom einen Extrem ins andere fallen. Johannes Hain