Prien – Aus Prien am Chiemsee auf die große Fußballbühne: Christian Falk (Jahrgang 1978), Fußball-Chef der BILD-Gruppe, verbindet Boulevard-Journalismus und Fußball wie kaum ein anderer. Mit seinem neuen Buch „Transfer-Insider: Die Geheimnisse hinter den Millionendeals“ (Riva, August 2025) ist er erneut Spiegel-Bestsellerautor. Darin gewährt „Mr. True“ exklusive Einblicke hinter die Kulissen des Profi-Fußballs und seiner Reporter-Welt, erklärt, wie Falschmeldungen entstehen, und berichtet aus erster Hand über den FC Bayern, die deutsche Nationalmannschaft und das Transfergeschäft. Im exklusiven Interview zeigt der Priener Falk, wie eng internationale Fußball-Storys und lokale Wurzeln verbunden sind – inklusive spannender Anekdoten aus seinen Anfängen, bei denen er sich seine ersten Tricks und Inspirationen auch mal bei beinschuss.de holte.
In Ihrem Buch schreiben Sie sehr offen auch über Ihre bittersten Falschmeldungen. Warum war es Ihnen wichtig, gerade diese Momente so transparent darzustellen?
Es geht viel um Glaubwürdigkeit. Mit ‚True not True‘ habe ich damals auf Twitter versucht, Gerüchte einzuordnen, weil es heute so viele gibt, dass die Leute kaum noch wissen, was stimmt. Natürlich liege ich selbst auch mal falsch – das einzugestehen, gehört dazu. Wichtig ist, zu erklären, warum. Manche Gerüchte sind wirklich wild und dienen nur der Aufmerksamkeit. Ich habe zum Beispiel den Chatverlauf zu Sadio Mané abgedruckt, damit die Leute sehen, wie Gerüchte entstehen, wie Fakten entstehen und wie Falschmeldungen passieren. Das ist für mich Teil von Glaubwürdigkeit.
Sie sprechen davon, dass für Sie nicht das Wort „Netzwerk“ entscheidend ist, sondern Vertrauen. Können Sie beschreiben, wie man sich über Jahre dieses Vertrauen erarbeitet?
Netzwerk ist in diesem Beruf natürlich wichtig – ohne Kontakte wird es schwer, Gerüchte zu prüfen oder News zu bekommen. Entscheidend ist aber Vertrauen. Man darf es nicht ausnutzen. Ich erinnere mich an ein Beispiel mit Sandro Wagner: Als er in der Winterpause zu Bayern wechselte, stand sein damaliger Gladbacher Kapitän Lars Stindl am Fahrstuhl neben ihm und fragte, ob die Journalisten schon etwas rausgefunden hätten. Ich stand zufällig daneben, habe alles mitbekommen und gesagt: ‚Das habe ich mir noch nicht erarbeitet, also bleibt es erst einmal unter uns. Wenn ich mehr weiß, melde ich mich vorher bei dir.‘ Sandro hat das geschätzt, und bis heute haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Vertrauen entsteht so über Jahre – durch Fairness und Verlässlichkeit.
Gab es für Sie einen Transfer, bei dem Sie im Nachhinein besonders stolz sind, weil Ihre Info richtig war, obwohl viele gezweifelt haben?
Ein Transfer, auf den ich besonders stolz bin, war Harry Kane zu Bayern. Ich war der Erste, der von Bayerns Bemühungen erfuhr. Viele in England haben mich belächelt – die Bundesliga gilt dort als ‚Farmers League‘, da konnte man sich kaum vorstellen, dass ein englischer Kapitän dorthin wechselt. Aber Kane hat sich tatsächlich für Bayern entschieden, und meine Meldung hat sich bestätigt. Ich habe erfahren, dass es ein Treffen in seiner Villa mit Thomas Tuchel gab. Heute ist er vielleicht der beste Torjäger der Welt – und spielt in der Bundesliga.
Sie gelten als „Mr. True“. Gab es Momente, in denen Sie lieber einmal nicht so viel gewusst hätten?
Ja, mir wird oft die Frage gestellt: ‚Willst du es wirklich wissen, auch wenn du es nicht schreiben kannst?‘ Und ich sage immer ja, auch wenn es wehtut. Es ist hart, auf einer Nachricht zu sitzen und sie nicht bringen zu dürfen. Ein Beispiel: Ich wusste, dass Hasan Salihamidžic Sportdirektor beim FC Bayern wird. Damals galt er nicht als Favorit. Ich hatte zuvor schon einmal enthüllt, dass er Botschafter bei Bayern wurde, und Brazzo war damals sehr sauer. Also habe ich die Meldung zunächst zurückgehalten, bis Bayern sie offiziell verkündete. Dieses Warten ist nervenaufreibend – man hat immer Angst, dass jemand anderes die Info vorher veröffentlicht.
Philipp Lahm schreibt im Vorwort, dass sich Ihr Buch „wie ein Krimi liest“. Würden Sie sagen, Transfers sind heute mehr Showbiz als Sport?
Sagen wir mal so, es ist eine eigene Sportart im Sportjournalismus – nicht weniger spannend. Während der Corona-Zeit saß ich zu Hause und hinterfragte alles: Ist es überhaupt selbstverständlich, dass jedes Wochenende Fußball stattfindet? Wie fülle ich die Seiten? Was passiert in den nächsten Wochen? Habe ich überhaupt noch einen Job im Sport? Das war schon beängstigend. Gleichzeitig gab es Transfers wie Leroy Sané zu Bayern, die extrem heiß waren. Die Seiten haben sich trotz fehlender Spiele gefüllt, und das zeigt, wie groß das Interesse der Fans am Transfergeschäft ist. Dank Transferjournalismus konnte Fußball trotz allem stattfinden. Natürlich ist Fußball immer das Wichtigste, aber man merkt, dass Transfers für die Leute sehr, sehr spannend sind.
Welche Rolle spielt die nächste Generation von Transfer-Insidern? Jeder mit Handy und Reichweite kann Infos posten – ist das eine Chance oder eine Gefahr für den Journalismus?
Früher waren wir Journalisten die Gatekeeper – wir hatten die Infos und entschieden, was veröffentlicht wird. Das hat sich verändert: Heute kann jeder Spieler posten, was er will, und jeder mit Handy kann sich zum Transfer-Insider aufschwingen. Das hat Vorteile – Nachrichten verbreiten sich sofort – , aber auch Nachteile: Viel Unsinn sorgt für Verwirrung. Zuletzt hat mir jemand wieder erzählt, ich hätte wegen meiner Transferenthüllungen Hausverbot beim FC Bayern – stimmt natürlich nicht, aber viele glauben es. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Journalisten einordnen: Was stimmt, was nicht, woher Gerüchte stammen. Influencer gibt es in jeder Branche, auch im Transfergeschäft, aber der Journalist sollte erklären, wem man vertrauen kann und welche Meldungen zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen sind.
Was bedeutet es für Sie, „Spiegel-Bestsellerautor“ zu sein? Hatten Sie damit gerechnet?
Ich finde das sehr schön. Es gibt Autoren, die große Literatur schreiben, ich verbreite eher Informationen – und dass sich das trotzdem gut verkauft, zeigt, dass die Leute Fußball lieben und das Transfergeschäft schätzen. Bei der Präsentation hat Lothar Matthäus mich gefragt, wie es ist, Spiegel-Bestseller zu sein. Ich habe geantwortet: ‚Es ist wie Weltmeister – wenn du es einmal bist, kannst du es immer auf deine Bücher draufkleben.‘ Ich freue mich, dass ich mit meinem neuen Buch wieder in der Bestsellerliste gelandet bin. Aber ich ruhe mich nicht darauf aus, sondern sehe es als Bestätigung. Es erinnert ein bisschen daran, wie Fußballer Titel gewinnen wollen: Schön, einen Titel zu haben, aber man will ihn immer wieder gewinnen, um zu zeigen, dass man nicht schlechter geworden ist.
Gibt es denn schon Planungen für ein nächstes Buch?
Tatsächlich lasse ich das im Moment ein bisschen auf mich zukommen. Jetzt war es ja quasi eine Insider-Trilogie: erst Insider FC Bayern, dann Bayern Insider und jetzt Transfer Insider. Eine neue Idee habe ich im Kopf – ob ich sie wirklich umsetze, weiß ich noch nicht. Ein Buch zu schreiben, ist verdammt viel Arbeit, und die macht man ja nebenher. Wenn du nach deinem Daily Job um 21 oder 22 Uhr noch am Laptop sitzt und in die Tasten haust, dann ist das schon anstrengend. Aber ich kenne mich gut genug: Irgendwann kribbelt es wieder so sehr, dass ich die Idee aus dem Kopf rausschreiben muss. Und wenn ich einmal angefangen habe, höre ich sowieso nicht mehr auf, bis es fertig ist. Von daher gehe ich schon davon aus, dass es vielleicht noch ein viertes Insider-Buch geben könnte.
Sie stammen aus Prien am Chiemsee – wie sehr hat Ihre Herkunft aus einer vergleichsweise kleinen Region Ihren journalistischen Weg geprägt?
Wenn man hier aufwächst, ist der FC Bayern einem natürlich schon in die Wiege gelegt. Ich war immer ein großer Bayern-Fan, stand in der Südkurve, hatte eine Kutte, die Trikots, und Lothar Matthäus war mein großes Vorbild. Das prägt einen schon. Schwieriger wird es, wenn man Journalist wird: Dann muss man sich distanzieren, neutral bleiben und auch mal kritisch über den Verein schreiben. Trotzdem steckt die Leidenschaft für den Fußball tief drin, und ohne sie wäre ich wohl nie in diesem Beruf gelandet. Manchmal ist es schon schade, im Stadion neutral das Spiel zu schauen, aber in der Champions League gegen ausländische Teams darf man dann wieder ein bisschen parteiischer sein. Im Bundesliga-Alltag bleibe ich meist neutral.
Sie arbeiten heute auf der großen internationalen Bühne – wie fühlt es sich an, wenn man dann wieder am Chiemsee ist und auf den Amateurfußball vor Ort schaut?
Mein Sohn spielt Fußball beim TuS Prien und ist Kapitän unserer Jugendmannschaft. Das sind wirklich die schönsten Spiele: Auf der Tribüne sitzen, einheimisches Bier in der Hand, Fußball schauen. Der Fußball ist heute natürlich viel künstlicher geworden, deshalb genieße ich umso mehr, wieder beim Sportbund, heute Starbulls, auf der Tribüne zu stehen – genau wie früher, als ich selbst mit 15, 16 hier war. Ich habe meinem Sohn neulich erklärt, wie wir früher Tickets fürs Stadion gekauft haben, und er konnte sich kaum vorstellen, dass man einfach so nach München gefahren ist, um samstagnachmittags ins Stadion zu kommen. Es ist schön, dass es immer noch Orte wie den Sportbund gibt, wo alles ein bisschen bodenständig und nicht so kommerzialisiert ist.
Gibt es Spieler oder Funktionäre aus unserer Region, mit denen Sie noch enger verbunden sind oder wo Ihnen die Nähe aus der Heimat geholfen hat?
Wenn man jemanden wie Thomas Müller erlebt, merkt man sofort, dass er fast dein Nachbar sein könnte. Das hilft in der Beziehung, weil man über die gleichen Dinge lachen kann und ähnliche Erfahrungen teilt. Ich war zum Beispiel eine Woche mit ihm in Vancouver, habe ihn begleitet – und wenn man dann zu seinem Schafkopfturnier eingeladen ist, weiß man sofort, wie er spielt: wild, wie auf dem Fußballplatz. Da merkt man, wie sehr es hilft, aus der gleichen Region zu stammen. Gleiches gilt für seinen Berater Ludwig Kögl, ebenfalls ein sehr guter Schafkopfer. Er hat einen Sohn, der am Starnberger See eine Wirtschaft betreibt – man fährt vorbei, denkt einen Schritt über Fußball hinaus. Und dann gibt es noch viele andere, wie Manfred Schwabl bei Unterhaching. Wenn man aus Bayern kommt, macht das vieles leichter, weil man manche Dinge einfach blind versteht, die andere vermutlich nie lernen würden.
Was würden Sie jungen heranwachsenden Journalismus-Fans raten, die selbst vielleicht mal in den Fußballjournalismus möchten?
Also, ich muss sagen: Viele stellen sich das immer sehr schön vor – und es ist auch schön. Ich sage ja selbst: Es ist der schönste Job der Welt. Aber wenn man jungen Leuten dann erklärt, wie die Arbeitszeiten aussehen, schlucken manche schon. Du gehst eben nicht am Freitag um 14 Uhr ins Wochenende. Es ist ein Fulltime-Job, meine Familie kann da wirklich ein Lied davon singen. Du musst erreichbar sein – auch im Urlaub. Ein Informant hält sich nicht an Bürozeiten von neun bis fünf, der ruft an, wenn es brennt. Und wenn du das willst, dann musst du rangehen. Es ist sehr viel Arbeit, viele Überstunden, die natürlich niemand bezahlt. Aber: Die Kernarbeitszeit fühlt sich für mich nicht wie Arbeit an. Das ist das Schöne. Wenn du weißt, was eine Reise nach Vancouver privat kosten würde oder was ein Hotel in London vor einem Champions-League-Spiel verlangt, dann weißt du das schon zu schätzen. Aber es gibt natürlich auch die anderen Tage: Wenn du eine Woche mit der Nationalmannschaft in Wolfsburg bist – das ist dann nicht zwingend vergnügungssteuerpflichtig. Da bist du einfach eine Woche weg von der Familie, weg von der Heimat, verpasst vielleicht bei schönstem Wetter ein Waldfest. Auch das gehört dazu.
Zu guter Letzt: Wie kommen Sie an die ganzen Infos?
Am Ende ist es ganz simpel: Du musst unglaublich viel telefonieren. Transferrecherche ist wie ein Indizienprozess – keiner ruft dich an und verrät dir den nächsten Bayern-Wechsel fix und fertig. Du führst viele Gespräche, sammelst Puzzleteile, verstehst die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Klubs und kennst ihre Muster. Oft ist die naheliegende Spur die richtige. Gleichzeitig ist es enorm vielschichtiger geworden. Bayern war zuletzt für eine Position an 15 Spielern dran. Da fragen viele: ‚Schreibt ihr da Schmarrn?‘ – aber inzwischen haben die Bayern selbst einen Großteil dieser Namen bestätigt. Die Auswahl ist einfach größer geworden. Und du brauchst heute ein internationales Netzwerk: England, Spanien, Italien – die Nummern, die Kontakte, das Vertrauen, dass sie auch abheben. Das ist intensiv, aber genau das macht’s spannend. In meinem Buch kommen ja auch andere Insider wie Fabrizio Romano vor. Der zeigt, wie groß die Konkurrenz geworden ist. Aber genau in diesem Umfeld macht der Job am meisten Spaß.
Haben Sie noch etwas zu ergänzen?
Vielleicht noch eines: Du hast mich ja gefragt, was es eigentlich ausmacht, wenn man aus dieser Region kommt. Und da muss ich wirklich sagen: Es ist ein riesiger Vorteil. Heute kannst du mit dem Handy überall arbeiten – ganz egal, ob du am Chiemsee sitzt, oben am Berg oder auf dem Oktoberfest. Da hab ich in Lederhose auf der Bierbank schon meinen Artikel über das Bayern-Interesse an Dušan Vlahovic vorgeschrieben, eine Exklusivmeldung von uns, die Fabrizio Romano später bestätigt hat. Das ist schon herrlich: Du sitzt im schönsten Landstrich der Welt, tippst auf dem Handy – und eine Geschichte geht einmal um den Globus. Und deshalb freue ich mich immer besonders, wenn Fragen aus der Heimat kommen. Ich erinnere mich noch gut: Als ich Volontär war, habe ich sogar einmal eine Idee aus dem ‚Beinschuss‘ übernommen – das war damals meine erste größere Geschichte im Sport der ‚tz‘. Solche Dinge prägen einen. Und wie ich vorher schon gesagt habe: Wenn man von hier ist, versteht man gewisse Sachen einfach besser. Cihad Kökten