Rosenheim – Étienne Lehner steht im Boxring, der vor der Bühne des prall gefüllten Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrums aufgebaut ist. Eine Faust erhoben, den Blick nach vorne gerichtet. Sekunden zuvor hat der Ringrichter den Kampf abgebrochen. Lehner hat gewonnen. Doch das ist in diesem Moment fast nebensächlich. Denn der Boxer greift nach dem Mikrofon und richtet sich an die Zuschauer. „Diese Frau pusht mich. Das ist die beste Frau, die es gibt“, sagt er über seine Lebensgefährtin Nadine, die vom Moderator in den Ring gebeten wurde. Dann geht er auf die Knie.
Neben der erfolgreichen WM-Titelverteidigung von Mario Kornhass ist es die Geschichte von Étienne Lehner, die zum emotionalen Höhepunkt der K.O.rnhass Fight Night wird. Eine Geschichte, die von Verlust, Angst und Krankheit geprägt ist und von einem unbeugsamen Willen, niemals aufzugeben.
„Ich bin in Frankreich aufgewachsen“, erzählt Lehner. Sein Vater starb, als er gerade einmal vier Jahre alt war. Die folgenden Jahre waren von instabilen Beziehungen seiner Mutter geprägt. Gewalt und Angst bestimmten den Alltag. „Wir sind irgendwann geflohen und nach München ins Frauenhaus gekommen“, sagt er. Die ständige Furcht habe ihn körperlich zermürbt. „Leute werden durch Ängste krank.“
Mit 13 Jahren folgt die Diagnose: Knochenkrebs. Chemotherapien, zahlreiche Operationen und schließlich eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Lehner ließ sich das linke Bein amputieren.
Der Wendepunkt kam durch seine Familie. Als eine seiner Schwestern schwanger wurde, fasste er einen Entschluss. „Ich wusste: Jetzt muss ich doppelt Gas geben, um ein Vorbild für meinen Neffen zu sein.“ Als großer Bruder fühle er sich verantwortlich. „Das ist einfach eine Grundvorbildfunktion.“
Lehner beginnt mit Kampfsport. Zunächst noch mit einer Metallplatte im Bein. Als der Knochen erneut bricht, zieht er einen endgültigen Schlussstrich. „Dann habe ich gesagt: Nimm es ab.“ Von diesem Moment an geht es bergauf.
Disziplin ist sein Fundament. „Ich trainiere jeden Tag. Das ist ein Muss“, sagt er. Übertraining kennt er nicht. „Es gibt nur falsches Training.“ Die K.O.rnhass Fight Night ist sein erster offizieller Kampf überhaupt. Kein Newcomer-Turnier, kein langsames Herantasten. „Gleich auf die große Bühne und lets fetz.“
Seinen Gegner Sascha Mayer, ebenfalls Debütant, besiegt Lehner durch Kampfabbruch des Ringrichters. Nervös sei er davor nicht gewesen. „Ich habe mich mental vorbereitet.“ Unter anderem mit dem Buch der fünf Ringe von Miyamoto Musashi, einem Samurai-Meister des 17. Jahrhunderts. „Der hatte 63 Kämpfe und keinen einzigen verloren.“ Für Lehner ist diese Haltung entscheidend. „So war es beim Krebs auch. Als er kam, wusste ich, dass ich daran nicht sterbe.“
An den Kampf erinnert er sich noch genau. „Als ich ihm die erste Linke verpasst habe, habe ich in seinen Augen extreme Angst gesehen.“ Später habe ihm sein Gegner sogar eine Sprachnachricht geschickt und gesagt, wie groß seine Furcht gewesen sei. „In der Pause hatte ich kurz Mitleid. In der zweiten Runde hat er mich dann zwei-, dreimal richtig gut getroffen.“
Doch am Ende ist es nicht der sportliche Sieg, der diesen Abend unvergesslich macht. Es ist der Moment danach, als Étienne Lehner seiner Lebensgefährtin Nadine im Ring einen Heiratsantrag macht. „Für mich war das absolut emotional und wunderschön“, sagt Lehner. „Den Verlobungsring habe ich selbst aus einer Wildkirsche geschnitzt, die meine Neffen gefällt haben.“
Auch für die Zukunft hat der Rosenheimer bereits klare Pläne geschmiedet. Sein über Jahre angeeignetes Wissen über Körper und Geist möchte er weitergeben. Dafür hat Lehner im Osten Deutschlands ein Anwesen mit umliegenden Wäldern erworben. Dort will er einen Ort schaffen, an dem ganzheitliche Entwicklung im Mittelpunkt steht. „Meditation, Atmung, Ernährung – das sind die Grundsäulen“, erklärt er.
Sein eigener Lebensstil folgt diesen Prinzipien konsequent. Lehner verzichtet vollständig auf Fleisch, Alkohol und Drogen. „Es muss nicht zwingend vegan sein“, sagt er. „Ab und zu esse ich noch Eier oder Käse.“ Für ihn ist es kein Verzicht, sondern eine bewusste Entscheidung für Klarheit im Kopf, Disziplin und innere Stärke.