Im Kampf gegen das „Feuer unterm Dach“

von Redaktion

INTERVIEW BFV-Kreisvorsitzenden Michael Baumann beschäftigen Gewalt und fehlender Nachwuchs

Rosenheim – Seit fast fünf Jahren führt Michael Baumann (Rosenheim) den Fußball-Kreis Inn/Salzach mit mehr als 200 Vereinen zwischen Kiefersfelden und Burghausen, Emmering und Berchtesgaden. Am 3. Februar stellt sich der 40-Jährige auf dem Kreistag des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) in Traunreut der Wiederwahl, ein Gegenkandidat ist nicht in Sicht. Im Interview mit den OVB Heimatzeitungen zieht Baumann schon jetzt eine Bilanz der vergangenen vier Jahre und blickt in die Zukunft des heimischen Fußballs.

Was macht eigentlich ein Kreisvorsitzender beim BFV?

Ich bin Eventmanager, Konfliktlöser, Vermittler und Rassismusbeauftragter – alles in einem. Im Ernst: Der Kreisvorsitzende ist das verbindende Element zwischen Verband und Vereinen, ich schalte mich ein, wenn Feuer unterm Dach ist. Ein großer Teil meiner Arbeit ist Kommunikation. Mir geht es darum, klarzumachen, dass es kein ‚Die da oben, wir da unten‘ gibt. Wir reden und arbeiten alle auf Augenhöhe. Dass diesen Job wie früher der Kreisspielleiter nebenbei macht, kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Wo steht der Kreis Inn/Salzach im Fußball?

Wir haben in den vergangenen vier Jahren alle wieder näher zueinandergebracht. Wir haben den Vereinen zugehört und ihre Probleme aufgenommen – und stoßen dabei auf gute Resonanz und Verständnis. Die Wintertagungen, auf denen wir lebhaft und offen diskutieren, sind ein Beispiel. Die Workshops sind ein anderes: Als Konsequenz daraus haben wir den Spielplan umgestaltet und Ligen verkleinert. Wir schaffen größtmögliche Transparenz, aber wir werden nicht immer einer Meinung sein, das ist auch klar. Denn jeder sieht den Fußball erst einmal aus seinem eigenen Blickwinkel.

In letzter Zeit macht auch Gewalt auf dem Fußballplatz wieder Negativ-Schlagzeilen – auch im Kreis Inn/Salzach.

Wir haben im Kreis vergleichsweise wenig Probleme damit, da sind wir in einer glücklichen Lage. Aber jeder Fall ist einer zu viel. Gesellschaftliche Themen wie Fremdenfeindlichkeit schlagen sich auch auf dem Fußballplatz nieder. Gewaltvorfälle auf dem Sportplatz sind zunächst Sache des Sportgerichts. Aber wir setzen uns bei jedem Vorfall frühzeitig mit den betroffenen Vereinen und den Auslösern an einen Tisch, versuchen Lösungen, aber auch Konsequenzen aufzuzeigen. Nur so bekommen wir wieder Ruhe. Als BFV können wir Spieler nur befristet ausschließen. Jeder hat eine zweite Chance verdient, niemand soll ein Leben lang für einen Fehler büßen müssen. Bei massiven Vorfällen müssen wir aber auch an die Vereine selbst appellieren, Spieler notfalls selbst aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Umstellung auf Mini-Fußball bei den Kindern hat nicht allen gefallen. Hat sich das gelegt?

Richtig, die Einführung des Mini-Fußballs ist von vielen kritisch gesehen worden – auch weil zu viele Gerüchte und Falschinformationen im Umlauf waren. Vor allem ältere Trainer waren mit den neuen Methoden nicht vertraut und fürchteten, dass der Fußball damit ‚weichgespült‘ wird. Wir können es uns nicht leisten, dass nur die Besten spielen und Talente, die sich vielleicht erst später entwickeln, frustriert aufhören und sich andere Sportarten suchen. Dieses Spielsystem fördert Individualisten. Alles in allem läuft es gut, aber Zweifler wird es immer geben. Man muss das jetzt mal fünf oder sechs Jahre laufen lassen, die Auswirkungen werden wir erst in zehn Jahren sehen.

Wenn man die Zahl der Spielgemeinschaften bei den A-Junioren sieht, könnte einem Angst und bange werden. Spielt in zehn Jahren in der Kreisliga auch bei den Herren nicht mehr Prien gegen Neuötting, sondern die SG Chiemgau-West gegen die SG Ötting/Holzland?

Wir profitieren bisher noch stark von der Anziehungskraft des Ballungsraums München – und auch von Spielern aus dem benachbarten Österreich. Deshalb sind unsere Mannschaftszahlen bei den Herren anders als in den meisten anderen Regionen Bayerns stabil. Unsere Vereine sind auch qualitativ gut aufgestellt. Bei den A-Junioren schlagen sich nicht zuletzt Bildungsthemen nieder. Jugendliche gehen mit 18 studieren oder fangen weit weg von daheim eine Ausbildung an. Dem müssen wir uns stellen, etwa mit einem flexibleren Spielrecht. Und wir müssen unsere A-Junioren-Mannschaften besser schützen vor der Abwerbung von Spielern durch andere Vereine. Wenn der Nachwuchs fehlt, kriegen wir langfristig Probleme. Spielgemeinschaften sind nichts Schlechtes, aber wir müssen sehen, dass wir alle Vereine erhalten, um flächendeckend Fußball anbieten zu können. Ohne eigene Herrenmannschaft ist das schwer.

Wo hat der Fußball in der Region Defizite?

Wir müssen an den Zahlen der Frauen- und Mädchenmannschaften arbeiten. Da sind wir noch nicht flächendeckend vertreten. Weite Fahrtstrecken sind kontraproduktiv, wenn man mehr Frauen und Mädchen gewinnen will. Helfen können uns Pilotprojekte wie im Raum Fridolfing, wo benachbarte Vereine kleine Spielrunden organisieren, um die Mädchen an den Liga-Spielbetrieb heranzuführen. Auch der Schulfußball bietet uns Chancen. Unser zweites Sorgenkind ist der Hallenfußball. Der Futsal, den der BFV anbietet, hat bei den Herren einfach nicht den Stellenwert, den er verdient hätte. Ich habe selbst im Studium in Wales Futsal gespielt, das hat Riesenspaß gemacht. Aber bei der Einführung hat man vieles falsch gemacht, zu oft die Regeln geändert, bis sie keiner mehr richtig verstanden hat. Wir müssen einen Weg finden, die Vereine wieder für die Halle zu begeistern. Punkt drei: Bei den Senioren – also der „AH“ – haben wir ein strukturelles Problem, da liegt der organisierte Spielbetrieb brach. Es wäre toll, wenn sich jemand darum kümmern könnte. Viele ältere Spieler helfen in den zweiten Mannschaften aus. Aber man muss auch sehen, dass der Verein für viele Fußballer nach der aktiven Zeit nicht mehr der Mittelpunkt des Wochenendes ist, wie das früher üblich war. Das sehen wir auch bei den Schiedsrichtern: Die meisten pfeifen gern noch ein Spiel am Samstag oder Sonntag, aber nicht mehr vier.

Wenn Sie für vier Jahre wiedergewählt werden: Wie soll der Kreis Inn/Salzach 2030 aussehen?

Mit einem stabilen Spielbetrieb und konstantem Zulauf für unsere Vereine, die Fußball in allen Altersklassen anbieten können. Und mit genügend ehrenamtlichen Kräften. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Spieler und Spielerinnen wir haben, desto mehr Trainer und Betreuer brauchen wir. Und wir haben ein starkes ehrenamtliches Funktionärs-Team mit einer geringen Fluktuation. Es ist wichtig, dass die Vereine wissen, wer ihre Ansprechpartner sind.Alexander Hübner

Steckbrief

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