Bad Aibling – Als die Tochter von Karl Zillibiller im letzten Sommer etwas auf dem Bürgeramt Bad Aibling zu erledigen hatte, wollte ein Mitarbeiter wissen: „Na, da wird Ihr Vater ja bald wieder nach Cortina fahren?“ Der namenskundige Beamte dachte wohl, irgendjemand – der Olympia-Veranstalter, ein Verein oder ein Sponsor – würde dafür sorgen, dass man sich an jene erinnert, die vor 70 Jahren an den Olympischen Winterspielen teilnahmen. Weit gefehlt. Es kam keine Einladung. Nicht einmal eine Antwort, als Karl Zillibiller Eigeninitiative zeigte und eine E-Mail an den Deutschen Olympischen Sportbund schrieb. Er fragte, ob denn ein Treffen geplant sei mit jenen Athleten, die 1956 in Cortina starteten und heute noch leben. Bis heute kam keine Reaktion vom DOSB, dem Nachfolger des NOK.
Kein Interesse am Start der ersten gemeinsamen deutschen Olympiamannschaft, einem historischen Ereignis. Das erstaunte uns. Also betrieben die OVB-Heimatzeitungen Traditionspflege und ließen Karl Zillibiller, der in Cortina an zwei der drei alpinen Rennen teilnahm, in seinem Gedächtnis kramen: „Eine tolle Sache. Wir konnten nur selten ins Ausland fahren. Da war es dann ein ganz besonderes Gefühl, an Olympia teilzunehmen. Der Gedanke daran kam mir 1954, als ich die WM in Aare knapp verpasst hatte. Da habe ich zwei Jahre voraus gedacht: Cortina, das wird hoffentlich klappen.“
Karl Zillibiller, geboren in Hindelang, stand schon mit drei Jahren auf Ski und begann seine alpine Karriere im Allgäu. 1950 wurde er erstmals deutscher Jugendmeister, nach Beginn seines Studiums auch Hochschul-Weltmeister und 1955 schließlich deutscher Meister im Riesenslalom. „Als ich dann kurz vor Weihnachten 1955 bei einem internationalen Riesentorlauf als einziger Deutscher mit den Österreichern mithielt, war mir klar, das reicht für Olympia.“
Von der Eröffnung erinnert sich Zillibiller an einige Momentaufnahmen: „Fantastisches Stadion, tolles Wetter, kalt. Der letzte Fackelläufer stürzte, die Russen trugen echte Pelzmützen und auch der olympische Eid, den erstmals eine Frau sprach, war neu für uns. Das fanden wir positiv.“ Ein Olympisches Dorf gab es nicht, die Mannschaften wohnten in Hotels, die deutschen Skiläufer im „Franceschi“: „Wir lagen zu viert in einem Zimmer, einfache Verhältnisse. Man war ja nicht so verwöhnt wie heutzutage. Das Essen war nicht exquisit, eben normale italienische Küche, aber jeden Tag mit Variationen von Pasta, die wir noch gar nicht kannten. Die haben aber immer geschmeckt. Das Taschengeld vom NOK reichte für ein paar Extragetränke wie Espresso oder Cola. Abends sind wir auch mal ‚ausgegangen‘, es durfte nur nicht teuer sein. Mit den alpinen Mädels vom amerikanischen Team sind wir sogar mal tanzen gegangen.“
Eine große Enttäuschung erlebte Karl Zillibiller noch vor der Eröffnung: „Da erfuhr ich, dass ich nicht den von mir geliebten Riesentorlauf fahren darf, obwohl ich fest davon ausgegangen war. Gründe wurden nicht genannt. Stattdessen darf ich den Slalom fahren. Aber der hat mich überhaupt nicht interessiert. Dieses Rennen brachte dann auch noch komplizierte Bedingungen. Auf den dürftigen Schneebelag hatte es tags zuvor geregnet, über Nacht kam der Frost. Die Torstangen, ganz jung geschlagene Fichten, waren im Boden festgefroren und total steif. Wenn man sie berührte, schleuderten die einen zurück. Ich machte in beiden Läufen Fehler und musste zurücksteigen, um die Stange richtig zu umfahren. Überall standen Kampfrichter, die auf ihren Listen ankreuzten, ob man das Tor korrekt passiert hatte. Ich glaube, höchstens zehn von den 89 Teilnehmern kamen ohne Zurücksteigen ins Ziel, 32 schieden aus.“ Zillibiller kam auf den 25. Platz. In der Abfahrt drei Tage später wurde er 17.
Nach den Spielen von Cortina forcierte Zillibiller sein BWL-Studium in München und schrieb seine Doktorarbeit an der Uni Graz, für die er auch noch zwei österreichische Hochschulmeistertitel holte. „Das schien den Professoren zu gefallen, ich bekam nicht die allerschwersten Fragen in der Promotions-Prüfung. Bis dahin hat mich ein Utensil aus der Olympiakleidung begleitet: der Ausgehanzug, ein richtiger Chefanzug. Der erste meines Lebens, und den habe ich dann bei jedem Examen getragen, bis hin zum Doktortitel.“
In den ersten Berufs- und Ehejahren kam Dr. Karl Zillibiller völlig vom Skifahren ab. Dann fehlte es ihm. „Ich begann wieder, aber ohne Tempo und Rennstress. Erst da habe ich das Skifahren so richtig genossen, vor allem bei Tiefschneetouren.“ Nach einer Anstellung bei IBM in München führte Zillibiller 30 Jahre lang in Bad Aibling das Familienunternehmen seiner Frau Sabine. Beide zogen drei Kinder groß, von denen die Tochter mit Familie noch immer in seinem Haus wohnt. Ehefrau Sabine hatte 2012 einen Schlaganfall erlitten, Karl Zillibiller pflegte sie hingebungsvoll bis zu ihrem Tod 2020, wenige Monate nach der diamantenen Hochzeit.
Seinen 90. Geburtstag feierte der Olympia-Veteran im Golfclub Schloss Maxlrain, wo er seit vielen Jahren regelmäßig spielt. „Auch jetzt noch, wenn das Wetter passt, dreimal die Woche. Mit dem Skifahren ist Schluss. Obwohl, zutrauen würde ich es mir technisch noch. Und auch konditionell. Aber ich habe Angst vor den vielen Leuten auf diesen entsetzlichen Kunstschneepisten …“.