Rosenheim/Nürnberg – Im Auswärtsspiel in Ingolstadt war es so weit: Der Verteidiger, der aktuell den Dress der Nürnberg Ice Tigers trägt, war zum 1000. Mal in der höchsten deutschen Spielklasse im Einsatz. Dabei war der langjährige Nationalspieler, der auch zum deutschen Team gehörte, das 2018 bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang sensationell die Silbermedaille geholt hat, nur für vier Vereine im Einsatz: Die Krefeld Pinguine, die Adler Mannheim, mit denen er zweimal deutscher Meister wurde, die Düsseldorfer EG und eben die Nürnberg Ice Tigers. Wirklich begonnen hat alles aber in Rosenheim. Der 36-jährige Akdag erinnert sich gerne an die Zeit bei den Starbulls. So auch im Gespräch mit der OVB-Sportredaktion, das den Weg vom Bambinispieler bis zum 1000. DEL-Auftritt und die mögliche Zukunft aufzeigt. Sinan Akdag über…
…die Anfänge in Rosenheim: „Meine Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen, meine Schwester und ich sind hier geboren. Mein Papa hat bei Kathrein gearbeitet und da hat ein Mitarbeiter gesagt: ,Schick deinen Sohn mal zum Eishockey.‘ Er hat mich dann hingeschickt, aber ich wurde falsch eingeschrieben und war erst einmal beim Eiskunstlauf. Das wurde dann geändert und mit vier Jahren ging es dann richtig los.“
…seine ersten Eishockey-Erlebnisse: „Wir hatten Glück und haben direkt neben dem Stadion gewohnt, in den Hochhäusern in der Innsbrucker Straße. Deswegen hatte ich keinen langen Weg. Rosenheim war erste Liga, ich war jedes Spiel da und habe damals jedes Bully-Heft gesammelt.“
…die entscheidende Zeit im Starbulls-Nachwuchs: „Von der Schülermannschaft zur DNL gab’s einen Cut. Da hat es nicht jeder geschafft. Die Profis habe ich live in Rosenheim gesehen und es war immer mein Traum, so wie Jim Hiller oder Scott Beattie zu werden. Ich habe noch ein Foto, wie ich als kleiner Junge mit Jim Hiller dastehe.“
…den Schritt vom Stürmer zum Verteidiger: „Ich war auch Stürmer. In der DNL unter Tom Schädler habe ich dann den Wechsel zum Verteidiger gemacht. Das war anscheinend auch die richtige Entscheidung.“
…wichtige Trainer im Nachwuchs: „Als ich sechs, sieben Jahre alt war, durfte ich bei Mike Fröhlich immer höher mitspielen. Gerhard Graf war einer der härtesten Trainer. Aber ich weiß das auch zu schätzen, der hat sein Bestes für die Spieler gegeben. Und Tom Schädler hatte ich in der DNL und bei der Nachwuchs-Nationalmannschaft. Der war auch mein größter Unterstützer, hat mich im Auto zu den Länderspielen mitgenommen. Der war auch sehr streng damals, ist im Sommertraining bei den Läufen auf dem Fahrrad hinter uns hergefahren und hat uns ,angefeuert‘. Ich habe super Trainer gehabt und bin echt dankbar dafür.“
…Schulstress: „Ich war auf dem Finsterwalder-Gymnasium und die Direktorin war zum Glück auch ein bisschen sportbegeistert. Und ich hatte Lehrer, die mich unterstützt haben, wenn ich mal wieder für Länderspiele im Ausland freigestellt werden musste. Das war schon alles viel, aber es hat dann geklappt.“
…die ersten Spiele für die Starbulls-Herren: „Ich war auf jeden Fall nervös. Mondi Hilger kam zu mir, hat mich genommen und gesagt: ,Alles gut, du bist ein super Spieler, du machst das schon. Spiel einfach dein Spiel.‘ Er hat mit den jungen Spielern viel geredet, obwohl er für uns eine Legende war. Es war für mich ein Traum, von der DNL hochzukommen und vor so vielen Fans zu spielen. Die Fangesänge kannte ich eh auswendig. Mit 16 Jahren war das schon der Wahnsinn.“
…den Wechsel in die DEL nach Krefeld: „Das war schon ein riesengroßer Schritt, ich habe ja mit 17 Jahren immer noch mit Gitter gespielt. Körperlich war das schon ein Wahnsinnsunterschied. Die ersten Spiele habe ich schon gebraucht. Im zweiten Jahr hatten wir einen russischen Trainer – und dem war es egal, wie alt ein Spieler ist. Und der hat mir dann auch geholfen, das war dann mein Durchbruch.“
…Zusammenleben mit Patrick Hager: „Patrick war schon ein bisschen selbstständiger und wusste schon bisschen, wie es so ist. Und ich war Mamas Liebling, habe nie was gemacht. Einmal hat Patrick gekocht und mich gefragt, ob ich ihm den Schneebesen bringen könnte – und ich wusste nicht, was ein Schneebesen ist. Ich bin dann auf den Balkon raus und habe ihm einen normalen Besen gebracht. Patrick hat sich auf den Boden gelegt und gelacht. Diese Geschichte erzählt er immer noch.“
…die deutschen Meistertitel mit Mannheim: „Als ich noch keinen Titel hatte, war wirklich mein Antrieb, Titel zu holen. Und jetzt habe ich ja zwei und dann auch noch die Medaille von Olympia. Aber das, was wirklich bleibt, wenn man jetzt zurückblickt, sind die schönen Momente während der Karriere. Der Titel an sich ist schön, aber da sind ja die Jungs dahinter, mit denen sich Freundschaften entwickeln. Ich bin immer noch nervös vor jedem Spiel, wirklich. Dieses Kribbeln vor jedem Spiel, diese Momente – das macht’s wirklich aus.“
…die Rituale vor dem Spiel: „Meine Spielvorbereitung ist immer noch gleich wie zu der Zeit mit 18, 19 Jahren. Ich esse immer das Gleiche. Spaghetti Bolognese, immer zwei Portionen. Ich zieh meine Klamotten immer gleich an.“
…die Olympischen Spiele 2018: „Das war schon einmalig. Die ganze Konstellation war schon besonders: Wir haben uns so schwer qualifizieren müssen, weil wir damals in der Weltrangliste nicht so gut standen. Und dann sind wir dort erst einmal wie Touristen hingefahren. Wir haben überall Fotos von den Ringen geschossen und das olympische Dorf wirklich genossen.“
…die Feierlichkeiten nach der Silbermedaille: „Lindsey Vonn kam ins Deutsche Haus, die sind dann auch alle eishockey-verrückt gewesen. Allgemein war das Deutsche Haus der Wahnsinn. Da wird jeder Spieler, der gewinnt, von jedem gefeiert. Die ganze Atmosphäre war wirklich der Wahnsinn. Du siehst andere Sportler, andere Sportarten, wir haben zugeschaut, wie Laura Dahlmeier die Goldmedaille gewonnen hat.“
…seine DEL-Stationen: „An sich hat jede Station etwas Besonderes, aber natürlich ist Mannheim mein Karriere-Hauptpunkt. Dort war ich mit neun Jahren am längsten und habe auch die Titel mit der Mannschaft gewonnen. Aber ich habe an jeden Ort schöne Erinnerungen. Düsseldorf mit der Verbindung der Fans zu Rosenheim war schön, unsere Kabine war in der Brehmstraße – das war schon ein Wahnsinn. Und jetzt wieder zurück in Bayern zu sein, das ist auch wieder schön.“
…seine Vereinstreue: „Ja, ich mag es, treu und loyal zu sein, vor allem zur Mannschaft und zu den Menschen. Manchmal hast du es aber nicht in der Hand. Wenn es gut läuft, dann hast du in Mannheim einen Fünf-Jahres-Vertrag vor dir liegen. Das entwickelt sich. Ich hatte ja noch in Düsseldorf einen Vertrag und wäre auch geblieben, wenn wir nicht abgestiegen wären. Ich tendiere aber schon dazu, so lange zu bleiben, wie es geht.“
…Verletzungen: „Ich hatte nur zwei etwas größere Verletzungen. Einen Kieferbruch, da war ich vier, fünf Wochen raus. Und einmal das Labrum in der Schulter gerissen, das habe ich dann im Sommer korrigieren lassen. Kleinere Verletzungen passieren immer, das hat jeder Sportler. Aber da kämpfst du dich eh durch. Für die 1000 musst du aber auch echt Glück haben.“
…die Auszeichnung zum besten Defensivspieler der Liga: „Das ist natürlich schön, weil es eine Bestätigung für deine Arbeit ist und wie dich die anderen sehen. Ich stand dreimal zur Auswahl und einmal habe ich dann auch gewonnen. Als Mannschaft haben wir damals super gespielt, deswegen schaust du selber auch gut aus. Für mich gilt immer: Team first.“
…seinen Blick auf die Starbulls Rosenheim: „Ich verfolge das immer noch. Ich freue mich, dass sie oben mitspielen, dass sie auch die Lizenz für die erste Liga beantragt haben. Das Stadion sieht super aus, das haben die echt Schritt für Schritt schön aufgebaut. Ich hoffe, dass sie es schaffen.“
…den besten Mitspieler: „Patrick Hager, immer noch. Dann Yasin Ehliz von München, mit dem ich seit der Nationalmannschaft eng verbunden bin. Dann ein paar von Krefeld und aus Mannheim, wie Denis Reul. Mit dem habe ich von den neun Jahren sieben oder acht zusammen gespielt.“
…viel Eiszeit und die dazugehörige Fitness: „Das kenne ich schon seit der DNL-Zeit in Rosenheim. Tom Schädler war damals einer der modernsten Trainer. Wir hatten eine brutale Ausbildung, und das nimmst du mit – das ist halt die Basis. Und dann lernst du natürlich selbst viel. Du weißt, was dein Körper braucht. Und solange das Feuer in dir ist, kannst du ewig spielen.“
…seine Frau: „Familie ist für mich das Wichtigste. Ich komme aus einer türkischen Familie, da ist die Familie die Nummer eins. Sie gibt mir Kraft. Ich bin dankbar, dass ich meine Frau früh kennenlernen durfte. Die kommt nicht aus der Eishockey-Welt und kannte sich nicht aus. Jetzt ist sie meine größte Kritikerin. Man sagt auch: Alleine bist du gut, aber als Team bist du doppelt so stark. Und es trifft wirklich nicht nur beim Eishockey, sondern erst recht im privaten Leben zu. Sie stärkt mir den Rücken, gibt mir Energie, sie ist wirklich ein Wirbelwind.“
…sein Studium: „Ich habe ja BWL fertig studiert und Wirtschaftspsychologie im Anschluss, weil mich das Psychologische dahinter wirklich interessiert hat. Dann habe ich mich auf Personalführung spezialisiert. Im Sport sind wir 20 Spieler – aber in der Gruppe musst du auch alles führen, da gibt’s verschiedene Charaktere. Und daraus müssen wir irgendwie ein Team zusammenführen. Als Sportler nimmst du viel mit, du weißt dann schon, ob es so funktioniert, wie der Trainer führt, oder ob das ein Musterbeispiel ist. Diese Erfahrungen kann man auch in anderen Bereichen anwenden.“
…die Zukunft nach dem Sport: „Ich mache jetzt schon was mit einem Team, daran arbeiten wir schon seit über einem Jahr. Das ist eine Online-Plattform, damit will ich Sportler, Stars, Musiker oder Schauspieler zusammen mit anderen Unternehmen verbinden. Mit der Plattform will ich zum Beispiel Vereinen helfen, mehr Sponsoren zu finden, Unternehmen helfen, mit Sportlern Kontakt aufzunehmen, um eine Marke zu bewerben. Ich versuche, ein Netzwerk zu bilden, und bin selbst der Mittelsmann.“
…die sportliche Zukunft: „Ich fühle mich wie 25, körperlich fit und gut. Und mein Kopf denkt auch noch wie ein junger Spieler, ich bin immer noch voller Energie. Ich will alles mitnehmen, solange es noch geht. Deswegen möchte ich auf jeden Fall mindestens noch ein Jahr DEL spielen. Ob es jetzt in Nürnberg ist, das werden wir sehen.“