Ainring/Oberwössen – Mit einem herzlichen Handschlag hat Leitender Polizeidirektor Dr. Walter Buggisch Biathlon-Herren-Bundestrainer Tobias Reiter im Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei (BPFI) in Ainring begrüßt. Für Reiter ist am Sonntag in Oslo die erste Saison als verantwortlicher Herren-Chef zu Ende gegangen. Unsere Redaktion hat mit Reiter über die Saison gesprochen.
Es hat im deutschen Team ein Funktionärs-Beben gegeben, Sportdirektor Felix Bitterling hört auf, auch die Damentrainer Kristian Mehringer und Sverre Olsbu Röiseland. Was ist bei den Herren los?
Das betrifft mich nicht. Die Tendenz ist, dass es für mich weitergeht. Aber Veränderungen sind ja zunächst nichts Negatives. Solche werden von außen oft negativer gesehen, als sie sind. Natürlich war die Saison nicht so erfolgreich wie gewünscht, aber für den Herrenbereich kann ich sagen, dass wir gute, sehr fleißige Sportler haben, die charakterlich in Ordnung sind. Was uns fehlt, ist dieser eine Top-Athlet, der alles zudeckt. Hier müssen wir schauen, dass wir in den nächsten Jahren einen rausentwickeln, der diese Stellung einnimmt.
Wie lautet Ihre Bilanz zum abgelaufenen Winter?
Ich bin nicht so unzufrieden, obwohl wir, was Medaillen anbetrifft, nicht so erfolgreich waren. Es war aber auch nicht zu erwarten. Zaubern kann man nicht, vor allem nicht im Ausdauersport. Wenn wir auf unsere acht Top-Athleten blicken, ist festzustellen, dass sich jeder in Teilbereichen verbessert hat. Wir haben mehr Podestplatzierungen als im Vorjahr und wir haben in der Nationenwertung mehr Punkte erreicht.
Was war das Highlight?
Das Staffel-Podest beim Weltcup in Ruhpolding sehe ich da ganz vorne, weil wir schon in der Woche zuvor beim Weltcup in Oberhof ganz nah dran waren. Wir sind in Oberhof mit den fünf besten Staffeln auf die Schlussrunde gegangen, belohnt haben wir uns dann in Ruhpolding.
Was war Ihre größte Enttäuschung?
Das war unsere Staffel bei den Olympischen Spielen, weil wir uns da schon etwas ausgerechnet hatten. Natürlich wussten wir, wenn die drei Top-Nationen Frankreich, Norwegen und Schweden ihre Hausaufgaben machen, haben wir keine Chance. Trotzdem haben wir nicht unsere beste Leistung gebracht. Es waren am Schießstand einfach zu viele Fehler. Jeder wollte es ganz besonders machen und dann geht es meistens in die Hose. Im Nachhinein muss man aber auch feststellen, dass wir es auch nicht geschafft hätten, wenn wir unsere Hausaufgaben gemacht hätten.
Sie haben einiges umstrukturiert. War alles gut?
Im IBU-Cup waren wir gut unterwegs, wir haben unsere zweite Garnitur im Trainingslager schon mit der Top-Gruppe mitgenommen. Über die Stützpunkte haben wir einen einheitlichen Belastungs-Rhythmus eingeführt. Wir haben Einheiten absolviert, die an allen Stützpunkten gleich waren. Davon haben die Jüngeren profitiert. Sie haben sich sehr progressiv entwickelt. Zu nennen sind hier vor allem Leonhard Pfund, Franz Schaser und Elias Seidl. Die Entwicklung sehe ich sehr positiv und die Entwicklung muss so weitergehen. Sie müssen in die Weltcupspur kommen. Wichtig wird es sein, dass einer unserer Etablierten, also Philipp Nawrath, Justus Strelow oder Philipp Horn, mit Top-Platzierungen glänzt und sich die Jungen dahinter entwickeln können. Da gilt es dann den Windschatten auszunutzen und zum Überholen anzusetzen.
Aber Sie haben viel mehr angestoßen.
Richtig! Für uns ist es jetzt wichtig, das Positive herauszuarbeiten und darauf aufzubauen. Wir arbeiten ja eng mit Wissenschaftlern aus Leipzig zusammen. Vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) kriegen wir beste Unterstützung. Am Schießstand hatten wir festgestellt, dass wir wenig Plan hatten. Man muss abwägen, ob ich in ein abwägendes Schießen gehe oder in ein mutiges. Ich muss flexibel sein und nicht nur das abrufen, was ich kann. In diesen Schießstrukturen haben wir begonnen, uns zu verbessern. Und das müssen wir vorantreiben. Die Älteren tun sich da etwas schwerer, weil sie es in den letzten 20 Jahren so nicht betrieben haben. Bei den jüngeren Athleten hat das besser angeschlagen. Das müssen wir forcieren.
Wo arbeiten Sie mit den Wissenschaftlern zusammen?
Sie sind schon im Trainingslager dabei, auch punktuell an den Stützpunkten. Natürlich sind sie auch ganz wichtig bei den Analysen. Da bekommen wir exakte Auswertungen und können reagieren. Ich weiß jetzt schon, dass sich jeder einzelne Athlet heuer im Laufen verbessert hat. Gleiches gilt für den Schießstand. Ganz viel hatten wir am Sprintwettkampf gearbeitet, weil der im Weltcup am häufigsten bestritten wird. Da hatten wir auch unsere besten Platzierungen. In Oberhof waren zum Beispiel vier unter den Top16. Das hat es zuletzt vor acht Jahren gegeben. Das fällt jetzt nicht so auf, weil alles nur auf Podiumsplätze schaut. Auch an der Rundeneinteilung haben wir viel gearbeitet. Viel müssen wir noch aufholen im Verfolger, also bei Mann gegen Mann im Schießen. Da sind wir etwas schwächer geworden. Unsere Wissenschaftler legen uns auch Studien anderer Nationen vor, zum Beispiel von Norwegen. Das hilft uns alles sehr.Interview: Karlheinz Kas