Bad Reichenhall – Vom „Kicker“-Titelblatt bis zum Duell mit Weltstars: Erich Kaniber schrieb Fußballgeschichte, lange bevor der Profifußball seinen heutigen Glanz hatte. Der gebürtige Würzburger, der später in Bad Reichenhall heimisch wurde, erlebte große Momente auf dem Platz – und blieb doch stets ein bescheidener Mensch. Kürzlich ist der ehemalige Profi des VfB Stuttgart im Alter von 91 Jahren verstorben.
Am 12. September 1955 schaffte er es unter dem Titel „Echte Verteidiger-Hoffnung“ auf die „Kicker“-Titelseite: Erich Kaniber, in den 1950er-Jahren Fußball-Profi, der zwischen 1957 und 1960 unter anderem 41-mal für den VfB Stuttgart in der Oberliga Süd spielte – offiziell waren selbst die höchstklassig spielenden Kicker damals noch (Vertrags)-Amateure. Jüngst verstarb der Reichenhaller im Alter von 91 Jahren. Die führende Fußball-Wochenzeitung Deutschlands, damals für 50 Pfennig zu erwerben, lobte den gebürtigen Würzburger in ihrer 37. Ausgabe vor gut 70 Jahren, weil er in einem Spiel gegen den 1. FC Köln „Wunder von Bern“-Weltmeister Hans Schäfer „sehr gut im Griff hatte“.
Die Stadionzeitung des SC Würzburger Kickers, Heimatverein Kanibers, würdigte seinen Rechtsverteidiger in einer Sonderstory als „vorbildlich bescheiden“ mit „sportlichem Lebenswandel“, der „auf weitere Erfolge hoffen lasse“. Tatsächlich avancierte Kaniber als gebürtiger Würzburger (29. Januar 1934) und echtes SC-Eigengewächs – Vater Georg war Spielausschuss-Vorsitzender, Mutter Thessa leitete die Vereinsgaststätte – zum ersten Fußballer der Mainmetropole, der in den Kreis der deutschen Nationalmannschaft aufstieg. Damals fanden die Partien noch als „Amateur-Länderspiele“ statt. Nachdem der spätere Wahl-Reichenhaller im Juli 1954 als Zuschauer beim „Wunder von Bern“ im Wankdorf-Stadion dabei war, trat das DFB-Team am 12. November 1955 im Tottenham-Stadion gegen Gastgeber England an – und gewann 3:2. Das Spiel wird in den Verbandsannalen als „bemerkenswerter Erfolg“ geführt.
Erich Kaniber bildete mit Alfred Post das „solide deutsche Verteidigerpaar“ und erhielt in der Presse inklusive Bild ein Sonderlob wegen seines „sicheren Kopfballspiels“ und seiner „weiten und fast immer am eigenen Mann ankommenden Pässe“. Es blieb neben einer Partie im B-Nationalteam (0:1 in den Niederlanden) sowie zuvor bei den DFB-Junioren (6:3 in der Schweiz) – alle in der Kickers-Zeit – sein einziger A-Team-Einsatz. Für Olympia 1956 in Melbourne war Kaniber ebenfalls im Gespräch. „Schweren Herzens“ musste er absagen, weil ihm ein geplantes Bau-Ingenieur-Studium im Zusammenhang mit einem Gestrüpp an Satzungen und starrer Statuten seitens des Fußballverbandes einen Strich durch die Rechnung machte. Als Vertragsspieler hätte er 320 Mark bekommen und damit seinen Lebensunterhalt bestreiten können. In der VfB-Zeit kam schließlich keine DFB-Nominierung mehr dazu, mit den Schwaben holte Kaniber 1958 jedoch den süddeutschen Pokal.
Hochinteressant mutet an, wie damals Einladungen „ausgesprochen“ wurden. Kanibers Erinnerungsarsenal beherbergt dutzende Briefe des Deutschen Fußball-Bundes (DFB): Darin wurde ihm die „angenehme Aufgabe“ des Verbandes mitgeteilt, dass ihn „Bundestrainer Herberger in den Kreis der Spieler einbezogen hat, aus dem er für die nächsten Spiele der Amateur-Ländermannschaft die Auswahl zu treffen gedenkt“. Wie schwierig diese Auftritte auf der britischen Insel lediglich ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg sein würden, brauche „wohl nicht besonders betont werden“, hieß es weiter. Deshalb sollten sich die Einberufenen „gewissenhaft und gründlich“ auf diese Aufgaben vorbereiten. In der Anschrift wurde sein Familienname falsch geschrieben: Kanieber. In den Zeitungen wurde er damals ebenfalls immer wieder mal nicht korrekt genannt, oft war er auch der Kanniber. „Unser Name scheint eine echte Herausforderung zu sein“, schmunzelt Sohn Thomas, dem es schon ganz ähnlich erging. Er spielte ebenfalls Fußball, von klein auf beim TSV Bad Reichenhall.
Die Fußball-Höhepunkte seines Vaters sprengen jeden Rahmen: Neben einem Spiel mit dem VfB Stuttgart bei den Tottenham Hotspur am 11. November 1957 in Luton Town auch ein Treffen zwei Jahre zuvor, nur wenige Monate nach dem WM-Gewinn in der Schweiz. Ein Bild zeigt Kaniber mit Bundestrainer Sepp Herberger und 1:2-WM-Finaltorschütze Maxl Morlock aus Nürnberg – das Stadion in der Frankenmetropole ist nach ihm benannt. Am Ende seiner Karriere schoss Kaniber in einem Test der Saison 1952/53 gegen die noch nicht ganz so großen, jedoch höher als die Kickers spielenden Bayern ein Tor: Die „Main-Post“ würdigte das 1:0 mit den Worten „ein Direktschuss, scharf verwandelt, ein sehenswerter Treffer“. Als „bedeutende Verstärkung“ wurde der 22-jährige Spieler im Februar 1957 beim VfB Stuttgart gefeiert, nachdem er in einem Test gegen das spanische Nationalteam im Kampf mit dem großen Alfredo Di Stéfano von Real Madrid trotz dessen Hattricks fantastische Abwehrarbeit geleistet hatte – 1:3 der Endstand im großen Atlético-Stadion.
„Was müssen das für Erlebnisse für meinen Papa gewesen sein, mit diesen Größen“, fragt sich Sohn Thomas. Erich Kaniber erzählte über seine Fußball-Zeit nur, wenn man ihn explizit danach fragte. Viel öfter, berichtet die 1958 geborene Tochter Vera, sprach er über ein ganz anderes Erlebnis: Zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Amerikaner bereits in Würzburg, es herrschte Ausgangssperre. Erich war zehn Jahre alt, sie spielten auf den Feldern und stibitzen etwas zu Essen. Die Besatzer erwischten und verhafteten ihn, er musste eine Nacht im Gefängnis verbringen, seine Schuhe wurden ihm abgenommen. „Das war offenbar derart einschneidend, dass er deshalb ein so überkorrekter Mensch wurde, der niemals etwas gesetzeswidriges getan hätte“, vermutet Vera. Da gefiel ihm sicher auch, dass Sohn Thomas eine Polizei-Laufbahn einschlug. Die zweite Tochter, Gisela, kam 1959 ebenfalls in Würzburg zur Welt und sagt über ihren Vater: „Er war ein absoluter Familienmensch, ein Denker und Macher, sehr akkurat, nie laut, nie streitbar. Ein ,geht nicht‘ gab’s bei ihm nicht, alles wurde möglich gemacht.“
Anfang der Sechziger zog die Familie in die Heimat der Mutter. Im November 1965 lief Erich Kaniber nach 13-monatiger Spielpause als spielender Trainer und Regisseur für die Reichenhaller auf, die damals in der Bezirksliga antraten. Bei einem Spiel in Traunreut wurden die Mannschaften von einem Schneesturm überrascht und regelrecht eingeschneit. In der TSV-Aufstellung tauchten in der Kurstadt so bekannte Kicker-Namen wie Ringlstätter, Heitauer, Eiler, Schuster, Haas oder Wurm auf. Kaniber hatte nach seiner aktiven Karriere als Trainer bei den Reichenhallern gewirkt, beim WSC Bayerisch Gmain und beim TSV Berchtesgaden.
Im Januar verstarb Erich Kaniber fünf Tage vor seinem 92. Geburtstag. Er folgte seiner Frau Anni, die am 30. März letzten Jahres im Alter von 94 Jahren verstarb. Erichs jüngerer Bruder Wolfgang, der es ebenfalls in höhere Fußball-Sphären geschafft hatte und unter anderem bei Racing Straßburg, beim VfL Osnabrück und regional beim SC Inzell spielte, verstarb im April 2021 im Alter von 81 Jahren. Zusammen kickten beide auch noch beim TSV Bad Reichenhall. Sie hatten zwei weitere Brüder: Walter (leitete die Fußballschule in Oberhaching) und Herbert, die es ebenfalls in die Würzburger Erste geschafft hatten – beide gleichfalls bereits verstorben. Die durch und durch sportliche Familie rundete Erichs Cousine Renate ab, die mit den Kickers 1955 und 1956 deutsche Hockeymeisterin wurde.
Seine Anni lernte Erich Mitte der 1950er-Jahre kennen, als die Würzburger Kickers ein Trainingslager in Marzoll bestritten und sie im Schlossberghof aushilfsweise bediente. Die Hochzeit wurde am 30. September 1957 in Würzburg gefeiert. Aus beruflichen Gründen zog die Familie nach Erichs Engagement beim VfB Stuttgart im Februar 1961 in die Heimat seiner Frau, einer geborenen Aschauer aus Marzoll. Beruflich war Kaniber unter anderem als Leiter des städtischen Bauhofes tätig. Aufgrund eines Infarktes Anfang der 1990er-Jahre musste er seinen Beruf mit 59 schweren Herzens aufgeben, schaffte es dank seines großen Willens aber, wieder auf die Beine zu kommen.
Das besondere Ballgefühl blieb Erich Kaniber erhalten: Nach dem frühen Karriereende 1961, also mit 27 Jahren – ein Milzriss und eine künstliche Achillessehne zwangen ihn dazu – fuhr er leidenschaftlich Ski und übte auch andernorts gern Schwünge aus. Sei es mit dem Tennisracket beim RTC, er feierte einmal sogar den dritten Platz bei der oberbayerischen Seniorenmeisterschaft, im Winter mit dem Eisstock beim EC und bis zu seinem 85. Lebensjahr mit dem Golfschläger in Ruhpolding.