Rosenheim – Maximilian Vollmayer und die OVB-Sportredaktion hatten sich für dieses Interview in einem Café getroffen. Beim Reingehen hatte der Verteidiger schon die Kuchen in der Auslage erspäht. „Hauptsache etwas Schokoladiges“, meinte Vollmayer dann bei der Bestellung. Und fügte gleich mit an: „Jetzt darf ich ja.“ Der ein oder andere Trainer würde jetzt wohl die Nase rümpfen. Aber erstens hat der 30-Jährige jetzt Sommerpause und zweitens wird er künftig zwei Klassen tiefer spielen – neben seiner beruflichen Ausbildung tritt er noch für den Bayernligisten TEV Miesbach an. Mit seinen Trainern hat Vollmayer einiges erlebt in den zwölf Jahren in Rosenheim. Nicht immer war die Beziehung einfach. Im zweiten Teil des Interviews spricht Vollmayer über seine Trainer und besondere Spiele mit den Starbulls.
3. Trainer und Taktik
Sie hatten in den zwölf Jahren nur vier Trainer, die mehr als eine Saison bei den Starbulls tätig waren. Das ist im Eishockey schon eine Besonderheit, oder?
Ganz bestimmt. Die müssen sich ja auch mit dem Standort identifizieren. Ich finde, dass das auch ein sehr großer Zuspruch von der Vorstandschaft ist, dass sie an Trainern auch festgehalten haben. Der konnte sich dann auch ein bisschen was aufbauen. Das habe ich gut gefunden.
Haben Sie Ihre Trainer miteinander verglichen?
Nein, das mache ich nicht. Sicher war der eine mehr ein Taktikfuchs und der andere hat mehr aus dem Bauch heraus gecoacht. Da war mal einer dabei, der die Verbindung zur Mannschaft aufbaut, und dann auch jemand, der Tacheles über Eishockey spricht und einem dann auch mal nicht so erfreuliche Sachen sagt.
Wie schnell haben Sie sich an einen neuen Trainer gewöhnt?
Ich habe mich eigentlich immer schnell an einen neuen Trainer gewöhnt. Ob die sich allerdings schnell an mich gewöhnt haben, ist eine andere Frage! (lacht) Das ein oder andere Gespräch hatte ich schon, das kann ich jetzt sagen. Ich bin ja doch ein bisschen heißblütig, wenn es nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle.
Ihr erster Trainer in Rosenheim war Franz Steer. Wie hat er Sie auf Ihrem Weg in die DEL2 beeinflusst?
Wir haben immer ganz offen und ehrlich gesprochen. Er sagte damals: „Ich möchte dich gerne holen, du könntest bei mir den nächsten Karriereschritt machen. Ich plane dich als Nummer sechs oder sieben ein. Wenn du gut spielst, dann bist du die Nummer sechs. Aber du wirst viel lernen.“ Ich wog damals ein bisschen über 70 Kilogramm bei 1,83 Metern – also viel zu wenig. Er hat sich damals vom Sommertraining an um mich gekümmert und mir den Einstieg ins Profileben ermöglicht. Der hat mich super rangeführt. Seine Ehrlichkeit habe ich geschätzt.
Nach dem Abstieg musste Manuel Kofler eine schwierige Aufgabe übernehmen.
Er hat im Sommer richtig Gas gegeben, da hatten wir eine ganz hohe Trainingsbeteiligung und haben brutal geackert. In diesem Sommer habe ich sieben Kilogramm Muskelmasse zugenommen. Ich hatte dann auf 85 Kilogramm aufgebaut – alles dank ihm!
Ihm folgte John Sicinski, der die Mannschaft auch durch die Corona-Zeit brachte.
Er war ein sehr großer Befürworter von mir. Bei ihm war ich gefühlt andauernd auf dem Eis. Er hat mich auch machen lassen, wenn ich nach vorne marschiert bin, hat mich aber schon angewiesen, dann auch wieder zurückzukommen. Ich wollte immer relativ früh meine Verträge verlängern, und auch da hat er sich immer für mich eingesetzt.
Die Anweisung, wieder nach hinten zurückzukommen, haben Sie bei Jari Pasanen wohl noch öfter vernommen. Eine Liebe auf den ersten Blick war das nicht, oder?
Das würde ich so nicht sagen. Er hat mich so akzeptiert, wie ich bin, umgekehrt habe ich ihn so akzeptiert, wie er ist.
Wie haben Sie denn zusammengefunden?
Dazu hat Jamie Bartman (Co-Trainer der Starbulls, d. Red.) viel beigetragen. Er hat viel mit mir gesprochen und dafür gesorgt, dass ich den Jari verstehe. Ich war in meiner Spielweise sehr festgefahren: Ich wollte nach vorne, offensiv spielen, Chancen kreieren. Mir war ein 7:6 immer lieber als ein 1:0. Jari hat gemeint, dass er in Rosenheim mehr vorhabe. Schließlich wollten wir ja alle aufsteigen. Und dazu müsse man hinten dicht machen. So sind wir dann zusammengekommen. Und erzähle jetzt noch etwas.
Ja, bitte!
Ich habe zu ihm gemeint, dass ich vorne nichts mehr produzieren kann, wenn ich nur hinten bin. Er hat zu mir gesagt: „Warte ab, gib dem System eine Chance. Du kriegst deine Möglichkeiten und produzierst dann schon.“ Es hat nie jemand gesagt, dass ich nicht nach vorne darf! Ich sollte halt nicht der Erste vorne drin sein, sondern bei der zweiten Welle mit dabei, weil diese viel wichtiger ist. Ich habe dem System dann Zeit gegeben – und es hat funktioniert! Ich habe dann unglaubliches Eishockey gespielt und bin defensiv viel besser gestanden. Jari hat mir in der Defensivzone am meisten beigebracht. Ich war immer derjenige, der auch hinten alles spielerisch lösen möchte. Er hat das so akzeptiert und hat mir gezeigt, wie ich stehen und was ich machen muss, dass das für ihn so passt.
Was haben Sie daraus noch mitgenommen?
Wie man ein Spiel zieht, wenn man mal 1:0 führt. Dass es nicht immer „Hurra, die Gams“ nach vorne geht, sondern geordnet von hinten raus. Mei, dann spielst du die Scheibe halt auch mal tief, um Zeit von der Uhr zu nehmen – auch, wenn das nicht meine Mentalität ist. Diesen Satz werde ich nie vergessen: Die Uhrzeit diktiert, wie du spielst.
4. Teil: Spiele und Stadien
An welches Spiel erinnern Sie sich noch ganz besonders?
Wenn ich jeden Morgen in den Spiegel schaue, dann weiß ich zwei Spiele noch ganz genau. Einmal vor drei Jahren in Kassel. Da bin hinterm Tor mit einem Spieler zusammengeprallt und bin auf dessen Kufe gefallen. Seitdem habe ich einen Cut im Gesicht. Das andere Spiel war das, in dem wir aufgestiegen sind – da haben sie mir die Zähne rausgeschossen. Unglücklich abgefälscht damals.
Okay, das sind sichtbare bleibende Erinnerungen. Und was ist sonst im Gedächtnis geblieben?
Natürlich das Spiel gegen Weiden mit dem Aufstieg. Und davor das Heimspiel gegen Hannover im Halbfinale, als wir dreimal mit drei Toren im Rückstand waren und dann noch gewonnen haben. Tyler McNeely hat dann das Tor geschossen und ich habe sofort geschrien: „Hey, wir gehen ins Finale!“ Das werde ich nie vergessen.
Haben Sie lieber daheim gespielt oder doch auswärts?
Ich habe gerne in Rosenheim gespielt, noch lieber zum Schluss mit der neuen Bande. Aber auswärts war auch schön. Ich mag die Busfahrten, mit den Jungs war es da schon lustig. In den Play-offs habe ich immer gerne auswärts gespielt, gerade in der Oberliga, wenn du gegen die Vereine aus dem Norden spielst und auch mal andere Stadien siehst.
Welches Stadion ist Ihr Favorit?
In Rosenheim habe ich schon am liebsten gespielt, das ist klar. Aber danach? In Landshut habe ich gerne gespielt. In Tilburg auch, da ist es immer rundgegangen, da war drei Stunden lang Party. Und bei den Hannover Indians, das war geil.
Was haben Ihnen Heimkabine und Stimmung daheim bedeutet?
Die Kabine war mein zweites Kinderzimmer, da war ich zwölf Jahre lang gefühlt jeden Tag drin. Die Stimmung war immer ein Traum. Wenn du dann einläufst, in die Kurve schaust und da stehen dann 3.000 Leute und plärren deinen Namen – das war schon immer Gänsehaut!
Was war denn Ihr schönstes Tor für Rosenheim?
Ich erinnere mich an ein Tor gegen Daniel Fießinger (der neue Starbulls-Torhüter, d. Red.) gegen Garmisch. Ich stehe im Slot, wo ich als Verteidiger natürlich überhaupt nicht hingehöre, nehme die Scheibe an und die hüpft mir von der Kelle nach oben und ich habe sie dann aus der Luft mit der Rückhand reingetippt. In Leipzig habe ich auch mal ein schönes Tor gemacht. Ich habe vom „Tölle“ (Steffen Tölzer, d. Red.) den Pass bekommen, habe noch einen Gegner vernascht und dann dem Torwart den sauber reingedrückt.
Der wichtigste Jubel war sicherlich der nach dem Tor von Brad McGowan zum Titel in der Oberliga!
Der zahnlose Jubel, ja.
Wie ist das mit den Eishockeyspielern und ihren Zähnen?
Bei vielen fehlt mal einer, aber bei mir hat ja oben komplett alles gefehlt. Der Rubes (Starbulls-Neuzugang Tomas Rubes, d. Red.) ist an der Bande gestanden und wollte die Scheibe an den zweiten Pfosten spielen. Ich bin rausgefahren, habe den langen Schläger gemacht, er passt und ich fälsche mir die Scheibe voll ins Gesicht. Der eine Zahn war gleich weg, ein anderer abgebrochen und der dritte ebenfalls, war aber noch drin.
Sie verlassen die Starbulls jetzt aber nicht, weil der Rubes kommt?
Nein, überhaupt nicht. Das ist ein total netter Kerl, ich habe eigentlich immer gerne gegen den gespielt.
Was haben Ihnen die Derbys gegen Landshut bedeutet?
Einfach Gänsehaut. Früher waren diese Spiele sogar noch krasser. Da ist es noch mehr zur Sache gegangen. Am intensivsten waren eigentlich die Spiele in der Oberliga, weil Landshut da auch viele heimische Spieler hatte. Bei uns waren da auch viele Rosenheimer in der Mannschaft, da war das schon giftig.
Gibt es denn ein Spiel, das Sie gerne noch einmal spielen würden?
Die Verlängerung vom Aufstiegsspiel gegen Weiden würde ich gerne noch einmal spielen. Und das Spiel mit den vielen Overtimes gegen Regensburg. Weil ich einer bin, der liebend gerne Eishockey spielt.
Würden Sie das deshalb noch einmal spielen, um es zu verändern?
Es tut schon weh, dass wir gegen Regensburg ausgeschieden sind und uns wahrscheinlich auch dieses Rekordspiel das Genick gebrochen hat. In den Jahren zuvor hätte ich wahrscheinlich jedes Spiel gegen Hannover, in dem wir nicht aufgestiegen sind, gerne nochmal gespielt. Gott sei Dank haben wir die ja irgendwann auch rausgekegelt.
Im dritten und letzten Teil spricht Maximilian Vollmayer über Statistiken und die Zukunft.