Kein Lautsprecher, aber eine Respektsperson

von Redaktion

Der Fußball im Osten Deutschlands weint um Harald Mothes – und auch die Region Inn/Salzach trauert mit

Aue/Ampfing/Rosenheim – Er war einer der großen Helden des Ost-Fußballs, hatte aber auch im Kreis Inn/Salzach viele Sympathien eingeheimst – jetzt ist Harald Mothes völlig überraschend im Alter von nur 69 Jahren verstorben. „Der FC Erzgebirge Aue ist fassungslos und ringt um Worte“, heißt es zu Beginn der Meldung, die der Noch-Drittligist, bei dem Mothes Legenden-Status hatte, verfasst hat. Vielen Fußballern aus der Region, die Mothes als Mitspieler oder Trainer beim TSV Ampfing und TSV 1860 Rosenheim erlebt haben, geht es ähnlich.

Im Erzgebirge und in Oberbayern, da war Mothes daheim. Seine fußballerische Laufbahn hatte er im sächsischen Lößnitz gestartet und war 1972 zu Wismut Aue in die Oberliga, die höchste Spielklasse der damaligen DDR, gewechselt. Während seiner Armeezeit spielte er für Vorwärts Plauen in der zweitklassigen DDR-Liga. Mothes hätte dann wieder zu Vorwärts Frankfurt/Oder ins Oberhaus wechseln können, hätte sich aber dafür drei Jahre lang beim Militär verpflichten müssen. „Ich lehnte ab und machte bei Plauen weiter“, erklärte er einst. Später ging es wieder nach Aue – und dann stetig aufwärts. Der Mittelstürmer stieg zum Nationalspieler auf und stand auch in der Olympia-Auswahl. Mit der schaffte er 1984 die Qualifikation für die Spiele, allerdings boykottierten die Ostblock-Staaten die Wettbewerbe in Los Angeles. „Für mich war das ein Schock“, bekannte Mothes, „das wäre der Höhepunkt meiner Laufbahn gewesen“. Eine Laufbahn, die ihm im Nationalteam mit absoluten Top-Spielern wie „Dixie“ Dörner und Joachim Streich, aber auch mit jungen, aufstrebenden Kickern wie Matthias Sammer und Olaf Marschall zusammenbrachte. Mit Wismut Aue bestritt er 303 Oberliga-Partien mit 88 Toren, 25 Pokalspiele mit acht Treffern sowie sechs Begegnungen im UEFA-Pokal. „Er war einer der besten Fußballer der Vereinsgeschichte, eine der prägenden Figuren in 80 Jahren Wismut Aue, stets Sympathieträger und Bestandteil der goldenen Generation“, ließ der Verein wissen.

Nach dem Mauerfall ging Mothes neue Wege. Mit 33 Jahren verließ er seine Heimat und wechselte nach Oberbayern, und zwar zum TSV Ampfing. „Ich brauchte Zukunftsgewissheit und habe dann auch neun schöne Jahre lang für den Verein gespielt“, erzählte die Aue-Legende einst. Bei den Schweppermännern kickte er unter anderem auch mit Mario Reichenberger, der von Mothes nur in den höchsten Tönen spricht: „Das war ein außergewöhnlicher Sportsmann und ein richtig guter Mensch. Ich habe selten mit so einem guten Typen zusammengespielt.“ In Ampfing hatte Mothes noch mit 42 Jahren in der Landesliga gekickt – das war damals noch die fünfte Spielklasse. „Er hat mit einer Gelassenheit und Übersicht gespielt, die ich selten so gesehen habe“, staunte Reichenberger. „Diese Ruhe hat er uns auf dem Feld auch weitergegeben. Wir haben viel von ihm gelernt.“

Nach seiner Zeit in Ampfing ging es für Mothes zu 1860 Rosenheim. Dort trainierte er die zweite Mannschaft in der Bezirksliga, ehe er auch das erste Team in der Landesliga übernahm. Und auch hier überzeugte er mit Fachverstand, vor allem aber als Mensch. „Herzlich und sympathisch“, das sind die ersten beiden Worte, die dem damaligen Kapitän Werner Wirkner auf Nachfrage zu Mothes einfallen. „Aufgrund seiner Vergangenheit war er eine Respektsperson, sein Fußball-Verstand war vom Allerfeinsten. Er war aber kein General, sondern immer auf der menschlichen Ebene daheim“, so Wirkner. In die gleiche Kerbe schlägt auch der ehemalige 1860-Stürmer Sepp Heller: „Davon abgesehen, dass er ein überragender Fußballer war, war er auch ein überragender Mensch. Auf diesem Level ist diese Konstellation fast schon einmalig.“ Rosenheims langjähriger Fußballchef Hans Klinger spricht von „ausschließlich angenehmen Gesprächen“ mit Mothes. „Er war eine herausragende Persönlichkeit und für uns ein Riesengewinn.“ Klinger weiß: „Den Respekt hat er nicht durch Lautstärke gewonnen, sondern durch seinen Umgang mit den Leuten.“

Vor knapp zwei Jahren war Mothes, der auch viele Jahre lang in Mühldorf als DFB-Stützpunkttrainer junge Fußballtalente förderte, in Rosenheim, als sich die Sechziger-Legenden im Rahmen der Saisoneröffnung trafen. Nachdem er sich als Leiter des Archivs im Mühldorfer Kreisklinikum aus dem Berufsleben verabschiedet hatte, ging es für Harald Mothes 2025 wieder zurück ins Erzgebirge. Dort war er bei fast jedem Aue-Heimspiel in der 3. Liga zugegen. „Harald verpasste kaum ein Spiel seiner Veilchen und war gern gesehener Stammgast“, schrieb der Verein. Zudem wirkte der frühere Nationalspieler als „Botschafter des FCE“. Anfang März wurde er im Rahmen des Festaktes zum 80. Vereinsgeburtstag in die „Elf aller Zeiten“ gewählt. Umso schockierender jetzt die Nachricht von seinem Tod – auch für die Region. „Es trifft mich sehr“, bekannte Heller. „Das geht mir sehr nahe“, meint auch Reichenberger. Damit sprechen sie bestimmt auch für alle Mitspieler und Teamkollegen, die mit Harald Mothes gespielt haben oder von ihm trainiert worden sind.

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