Schlägt die Weltklasse das Risiko?

von Redaktion

Manuel Neuer gegen Oliver Baumann: So urteilen drei heimische Experten über die DFB-Torwartfrage

Wasserburg/Bruckmühl/ Burghausen – Manuel Neuer oder Oliver Baumann? Welcher Torhüter soll bei der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft das Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hüten? Kaum eine Frage beschäftigt aktuell mehr deutsche Fußballfans als die nach der deutschen Nummer eins. Lange Zeit schien es so, als wäre Baumann von der TSG Hoffenheim der neue Stammtorhüter im DFB-Kasten. Knapp einen Monat vor der WM sind die Spekulationen groß, dass Manuel Neuer noch einmal für ein großes Turnier zurückkehrt. Auch in der Region sind die Diskussionen entfacht. Bevor Bundestrainer Julian Nagelsmann am heutigen Donnerstag seinen Kader bekannt gibt, hat die OVB-Sportredaktion deshalb bei drei heimischen Experten nachgefragt: Manuel Neuer oder Oliver Baumann?

Eine Sache wird schnell klar: Es scheint nicht so, als würde es eine richtige Antwort geben. Sowohl für Neuer als auch für Baumann gibt es plausible Argumente. In einem Punkt sind sich die Experten aber einig: Manuel Neuer ist rein sportlich immer noch die beste Wahl für das deutsche Tor. Mike Probst, Trainer des Bezirksligisten SV Bruckmühl sowie in seiner aktiven Zeit Torhüter mit Einsätzen in der Bundesliga (2), Regionalliga (43) und Oberliga (116), sieht den Weltmeister von 2014 als stärksten Torhüter der Bundesliga. „Die vergangenen Leistungen haben gezeigt, dass er noch nicht über seinem Zenit ist. Deshalb sollte der beste Torwart in Deutschland auch in der Nationalmannschaft spielen“, gibt der 63-Jährige klar zu verstehen. In dieselbe Kerbe schlägt auch Markus Schöller, aktuelle Nummer eins beim Regionalligisten SV Wacker Burghausen. Er sieht Neuer im DFB-Gehäuse ebenfalls als unausweichlich an. „Ohne seinen Rücktritt vor zwei Jahren gäbe es auch keinen Anlass, seinen Status als Nummer eins zu hinterfragen“, sagt der 31-Jährige. Schöller sieht in Neuer aber auch noch einen weiteren Vorteil, abseits der sportlichen Leistungen. „Sportlich ist er in der Lage, punktuell Weltklasse abzuliefern. Aber schon alleine aufgrund seiner Ausstrahlung hebt er das Niveau der Mannschaft an“, merkt der Wacker-Keeper an. Immerhin ist der 40-Jährige nicht nur Weltmeister, sondern auch 13-facher deutscher Meister, sechsfacher Pokalsieger sowie zweifacher Champions-League-Sieger und wird von vielen Fußballfans weltweit als bester Torhüter aller Zeiten angesehen – Pokale und Auszeichnungen, die Baumann fehlen.

Ganz überzeugt von einer Rückkehr des Münchners ist Robert Mayer dennoch nicht. Der Torwarttrainer des Landesligisten TSV Wasserburg, der in seiner aktiven Zeit 201 Spiele in Österreichs Regionalliga West sowie 71 Partien in der Regionalliga Bayern bestritten hat und auch einen Einsatz im DFB-Pokal vorweisen kann, äußert klare Bedenken zur Gesundheit von Neuer. „Es ist Fakt, dass die Schwankungen mehr geworden sind. Und dass er viel verletzungsanfälliger ist. Und das sehe ich als größtes Problem: Ich glaube nicht, dass er ein Turnier komplett durchspielen kann“, sagt der 45-Jährige deutlich. Dieser Einwand ist auch nicht aus der Luft gegriffen. Neuer hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen, im letzten Bundesligaspiel der abgelaufenen Saison musste der 40-Jährige zudem wegen Problemen an der Wade ausgewechselt werden.

Rein sportlich sieht Mayer aber auch kein Vorbeikommen an Neuer. „Baumann ist ein absolut grundsolider Torhüter, der über die letzten Jahre wenig Fehler gemacht hat. Ich sehe ihn nicht im obersten Regal, der dir viele absolute Großchancen vereitelt, aber ich sehe ihn grundsolide, erfahren und auch von der Persönlichkeit total gefestigt, sodass er auch dem Druck standhalten kann“, sagt der ehemalige Rosenheimer zwar, allerdings sieht er in Baumann auch ein Problem: „Ich glaube nicht, dass du mit Baumann ein großes Turnier gewinnst.“ Hoffenheims Nummer eins sei laut Mayer nicht „Weltklasse“ – einen solchen Torwart benötigt man aber, um eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Hier kommt dann wieder Manuel Neuer ins Spiel. Mayer ist sich sicher: „Wenn Neuer fit ist und fit bleibt und annähernd an sein Level herankommt, dann hast du mit ihm die Chance, ein Turnier zu gewinnen.“

Worin sich alle Experten einig sind: Die öffentliche Kommunikation von Nagelsmann hätte besser sein können. In den vergangenen Wochen hat der Bundestrainer ein klares Statement für Baumann vermieden, dadurch sind die Gerüchte über eine mögliche Neuer-Rückkehr in den DFB-Kasten erst entstanden. „Es ist einfach schwierig, wenn ich mich nicht klar zu einer Situation bekenne, weil dann jeder vermeintliche Experte eine Meinung dazu hat – und das dementsprechend eine Stimmung erzeugt“, kritisiert Mayer. Schöller ist der gleichen Meinung, hat aber auch eine mögliche Erklärung: „Das hätte man vermutlich sauberer lösen können. Andererseits ist es bei dieser medialen Aufmerksamkeit und dem ständigen Nachfragen der Reporter zu dem Thema auch nicht ganz einfach, immer die richtige Wortwahl zu finden. Für Nagelsmann war wohl lange nicht klar, ob er mit Neuer planen kann. Und Neuer selbst muss mit 40 eben auch abwarten, was der Körper macht.“ Einzig Probst nimmt Nagelsmann deutlicher in Schutz: „Das wird Nagelsmann intern klären, da bin ich fest von überzeugt. Er wird auf der Position nicht ohne ein Wort eine Entscheidung treffen.“

Wie sich Julian Nagelsmann entscheidet, wird die Fußball-Republik am heutigen Donnerstag erfahren. Das Rad im DFB-Tor noch einmal zurückzudrehen, hält Mayer zwar für „eine sehr schwierige Situation“ – sportlich jedoch spricht für die heimischen Fachmänner fast alles für Manuel Neuer. Für Nagelsmann ist es eine Entscheidung zwischen moralischer Konsequenz und sportlicher Hoffnung. Klar ist: Holt er Neuer zurück, reist ein kleines Risiko mit. Lässt er ihn daheim, fehlt vielleicht genau das Quäntchen Weltklasse, um den Titel zu holen.

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