Inzell – Von der Inzeller Eisbahn auf den Straßenbelag: Julia Bachl hat die Schlittschuhe gegen ein Rennrad getauscht und sich dem niederländischen „Liv-Uplus-Nwvg-Team“ angeschlossen. Eigentlich wollte die 23-Jährige im Frühjahr dort in die Rennsaison einsteigen, allerdings machte ihr eine Bänderverletzung einen Strich durch die Rechnung.
Mittlerweile hat sie das Schlimmste überstanden und die Reha mit dem DSV-Physio in München ist gut verlaufen. „Ich bin sehr glücklich darüber, wie gut das geklappt hat. Jetzt haben wir entschieden, dass ich in knapp zwei Wochen mein erstes Rennen seit der Pause bestreiten werde“, freut sich die Inzellerin. „Es handelt sich dabei bewusst um ein Spaßrennen, das ich gemeinsam mit einem Rennteam und Freunden aus München fahren werde. Wir gehen als Mixed-Team beim „Rad-Race-One-Twenty“ im Allgäu an den Start“, so die Sportlerin. Sie wird als einzige Frau im Team sein. „Für mich steht dabei vor allem im Vordergrund, zu testen, wie mein Fuß auf die Belastung reagiert und ob ich wirklich wieder vollständig fit bin oder ob wir weitere Anpassungen vornehmen müssen“, erklärt sie. Danach will Bachl gemeinsam mit ihrem Team die weitere Saisonplanung angehen. „Wenn der Fuß die Belastung gut verträgt, möchte ich Anfang Juli in die Niederlande reisen und dort zunächst noch ein paar „Classics“ bestreiten. Das wird der nächste Schritt auf dem Weg zurück in den Rennalltag sein“, hofft sie.
Die Sportlerin galt als großes Talent im Eisschnelllauf. Bei Schüler- und Junioren-Wettkämpfen landete sie meistens unter den Besten, ihr Weg in die internationale Klasse schien vorgezeichnet. Doch vor einem Jahr zog sie die Schlittschuhe aus und wechselte zum Profi-Radfahren. „Ich bin immer schon gerne Rad gefahren und es war ja auch ein Bestandteil meines bisherigen Trainings. Radfahren hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“, erklärt die 23-Jährige zu den Gründen. Im Eisschnelllaufen waren ihre Disziplinen die langen Strecken über 3.000 und 5.000 Meter, diese Disziplinen erfordern eine große Ausdauer und Willenskraft. Das gilt auch fürs Radfahren. „Viele Leute, die von der Materie was verstehen, haben mir gesagt, dass ich extrem gute Werte fürs Radfahren habe“, erzählt sie.
Der Kontakt zum niederländischen Team kam über eine Freundin, die auch in dieser Mannschaft ist. „Ich habe ein bisschen mit ihr gequatscht und sie meinte, ich kann für das Team fahren und muss dazu nicht extra wo hinziehen“, erklärt sie. „Ich kann bei den meisten Rennen entscheiden, ob ich sie fahren will oder nicht. Dadurch bin ich recht flexibel, das wollte ich für meinen Einstieg.“ Für ihre Entscheidung bekam sie viel Aufmunterung von der Familie. „Meine Eltern stehen 100 Prozent hinter mir und finden gefühlt alles, was ich mache, extrem cool. Sie wollen nur, dass ich glücklich bin und das schätze ich ungeheuer.“
Manchmal dreht sie in Inzell auf der Eisbahn immer noch ihre Runden. Eisschnelllauf und Radfahren sind aber zwei sehr unterschiedliche Sportarten. „Bis auf die Muskelgruppen“, meint sie lachend. „Eisschnelllauf ist einfach einzigartig. Wer kann schon sagen, dass man mit eigener Kraft mit bis zu 60 Stundenkilometer über das Eis fahren kann? Es ist eine extrem harte und schwierige Sportart, auch technisch. Auch das Training ist facettenreich“, erklärt sie. Beim Radfahren findet das Training überwiegend auf dem Rad statt. Bachl versucht trotzdem, möglichst vielfältig zu bleiben. „Ich trainiere aktuell ohne Trainer und habe so zwei bis drei Schlüsseleinheiten auf dem Rad. Den Rest baue ich drumherum, wie es mir ausgeht und worauf ich Lust habe. Ich spreche mich nur manchmal mit meinem sportlichen Leiter ab, da er aufpassen will, dass ich nicht zu viel mache. Zudem ist er mir eine große Hilfe, wenn ich Fragen habe, was das Training im Hinblick auf Rennen betrifft“, sagt sie. Sollte es dieses Jahr gut laufen, will sie in ein Profi-Team kommen. „Das nächste große Ziel wäre die ‚Tour de Femme‘, aber ich muss erst mal Erfahrung sammeln. Das ist der Grundstein, bevor ich an den nächsten Schritt denke.“ Das große Geld verdienen kann Bachl vorerst nicht. Es besteht aber die Möglichkeit, Preisgeld bei bestimmten Platzierungen zu gewinnen. „Ich bekomme kein Gehalt. Ein großer Bonus ist aber, dass wir die Übernachtungen bei Rennen und andere Dinge bezahlt bekommen. Zudem bekommen wir die Rennräder gestellt, das ist mehr, als andere Teams kriegen. Und wir sind ja auch kein Continental-Team“, erklärt sie. Es scheint also, als hätte Julia Bachl ihren Weg im Sport gefunden.