Raubling/Sierra Nevada – Der Countdown zur Tour de France läuft. In einem Monat (4. Juli) fällt der Startschuss zur 113. Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt im spanischen Barcelona und die Aufmerksamkeit aus deutscher Sicht richtet sich vor allem auf Florian Lipowitz vom Raublinger WorldTour-Team Red Bull – BORA – hansgrohe. Nach seinem sensationellen dritten Platz im Vorjahr gehört der 25-Jährige erstmals zum erweiterten Favoritenkreis für das Gesamtklassement.
Dass Lipowitz 2025 hinter den Superstars Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard auf das Podium fuhr und zudem das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers gewann, kam für viele überraschend. Für ihn selbst war der Erfolg auch das Resultat seiner Herangehensweise. „Ich konnte die Tour fahren, ohne mir großen Kopf zu machen. Deshalb ging das eigentlich relativ leicht für mich“, erinnert sich Lipowitz. Während der drei Rennwochen habe er kaum wahrgenommen, welche Aufmerksamkeit seine Leistungen auslösten. „Während der Tour merkt man nicht, was außenrum passiert. Das wurde mir dann erst danach alles bewusst.“
Die Zeit nach seinem Tour-Coup sei deshalb nicht einfach gewesen. „Dann ging’s mir erstmal nicht ganz so gut. Ich musste mit dem ganzen Trubel und den Medienfragen zurechtkommen. Das hat mir super viel Kraft gekostet.“ Rückblickend hat ihn diese Erfahrung jedoch reifen lassen. „Daran bin ich dann auch gewachsen.“
Vier Wochen vor dem Grand Départ absolviert Lipowitz derzeit ein Höhentrainingslager in der spanischen Sierra Nevada. Dort stehen Schlafen, Essen und Training im Mittelpunkt. Ablenkungen gibt es kaum. „Hier gibt’s nicht so viel, was man sonst noch machen kann, außer schlafen, essen und trainieren“, sagt der Tour-Dritte. „Es ist der beste Weg, um sich wirklich zu konzentrieren und sich auf ein großes Rennen vorzubereiten, weil einfach wenige Störfaktoren da sind und das Team einen mit einem optimalen Setup unterstützt.“ Nach dem Trainingslager reist Lipowitz zur Slowenien-Rundfahrt, bevor ein weiteres Höhentrainingslager folgt. Bewusst verzichtet das Team auf die traditionell stärker besetzten Vorbereitungsrennen wie das Critérium du Dauphiné oder die Tour de Suisse. „Wir erhoffen uns, dass die Rundfahrt etwas ruhiger ist, ohne allzu große Erwartungen und ohne zu viel Stress“, erklärt Lipowitz. Die Dauphiné sei in diesem Jahr ein extrem hartes Rennen mit langen und anspruchsvollen Etappen. „Sich davon rechtzeitig bis zur Tour zu erholen, ist schwierig.“ Deshalb hat man sich gemeinsam für Slowenien entschieden. „Ich hoffe, dass ich dadurch etwas frischer und auch mental frischer in die Tour reinkomme.“
Als größte Favoriten auf den Gesamtsieg gelten erneut Titelverteidiger Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard. Doch auch zahlreiche junge Fahrer drängen in die Weltspitze. Besonders den 23-jährigen Spanier Juan Ayuso hat Lipowitz dabei im Blick: „Wenn man die Rennen von ihm dieses Jahr anschaut, dann wird er auf jeden Fall ein Kandidat fürs Podium sein. Ich denke, dass da auch ein Vingegaard oder ein Pogacar ein Auge auf ihn haben“.
Die Streckenführung der Tour 2026 dürfte Lipowitz entgegenkommen. Der ehemalige Biathlet zählt zu den stärksten Kletterern im Peloton und freut sich besonders auf die schweren Alpen- und Pyrenäenetappen. „Alpe d’Huez ist natürlich wieder ein ikonischer Anstieg, auf den ich mich definitiv freue“, sagt er. Auch der legendäre Mont Ventoux hat bei ihm bleibenden Eindruck hinterlassen. „Das war letztes Jahr eine super schöne Erfahrung.“ Die entscheidenden Tage sieht Lipowitz vor allem in der Schlussphase der Rundfahrt. „Ich freue mich auf jeden Fall auf die letzten Etappen 18, 19 und 20. Ich glaube, die werden super hart, aber auch ein schönes Erlebnis, wenn man da noch fit ist und gute Beine hat.“
Erstmals wird Lipowitz die Tour gemeinsam mit Olympiasieger und Zeitfahr-Weltmeister Remco Evenepoel als Doppelspitze seines Teams bestreiten. Entsprechend wird der Deutsche auch in Entscheidungen rund um die Mannschaftsaufstellung eingebunden. Einen persönlichen Wunsch hat er dabei ebenfalls: „Am Ende hätte ich natürlich immer gerne noch einen deutschen Fahrer an der Seite. Das macht es manchmal ein bisschen einfacher in den drei Wochen, wenn man auch mal ein Wort auf Deutsch wechseln kann.“
Besonders Teamkollege Nico Denz hätte er gerne im Tour-Aufgebot. Ob dieser nach seinem Sturz beim Giro d’Italia rechtzeitig fit wird, bleibt jedoch offen. „Da ist einfach die Frage, wie gut er sich erholt und dann bereit für die Tour sein wird.“ Unabhängig von der endgültigen Besetzung blickt Lipowitz optimistisch auf die kommenden Wochen. „Wir haben insgesamt eine gute Stimmung im Team“, sagt er. Die gemeinsamen Trainingslager würden die Mannschaft zusätzlich zusammenschweißen.
Wenn am 4. Juli die Tour de France startet, wird der Druck auf den jungen Deutschen größer sein. Anders als vor einem Jahr reist Florian Lipowitz nicht mehr als Außenseiter an. Er gehört mittlerweile zu den Fahrern, die im Kampf um das Podium erwartet werden. Auch in diesem Jahr begleitet der OVB-Podcast „Inside Red Bull – BORA – hansgrohe“ die Tour de France hautnah: Direkt nach jeder Etappe meldet sich Teamchef Ralph Denk zu Wort. Zu hören ist der Podcast bei Spotify, Apple Podcasts, auf ovb-online.de und überall dort, wo es Podcasts gibt.