Raubling – Richtige Stimmung kommt bei Holger Raab noch nicht auf. Während die Welt langsam im kollektiven Fußballfieber versinkt, die ersten Tipprunden gegründet werden und die Grillkohle für die Eröffnungsspiele bereitliegt, herrscht beim 54-Jährigen vor allem eines: gähnende Leere in Sachen Euphorie. Der Raublinger schaut eher skeptisch auf die nahende Weltmeisterschaft. Und doch packt er in diesen Tagen seinen Rucksack. Das Ziel: Kanada. Zwei Vorrundenspiele wird Raab live im Stadion verfolgen. Es ist die Reise eines Mannes, der herausfinden will, ob seine alte Liebe zum Fußball noch zu retten ist.
Erster Halt: Toronto. Dort trifft die deutsche Nationalmannschaft am 20. Juni auf die Elfenbeinküste. Danach geht es direkt weiter nach Vancouver zu Neuseeland gegen Ägypten. Wahrlich kein Duell der Fußballgroßmächte, für den Raublinger aber eine Premiere: „Ich war noch nie in Vancouver. Die anderen großen Stadien in den USA habe ich schon besucht, deshalb bietet sich das an.“ Der Spielort sticht diesmal den sportlichen Reiz aus – es ist nicht das erste Mal, dass es den 54-Jährigen wegen des runden Leders über den Atlantik zieht. Wenn der FC Bayern München in Nordamerika tourt, ist der Blogger meist nicht weit. Seine Erlebnisse hält er dann in seinem Online-Blog „Life for Football“ fest, so wie bei seiner Reise zur WM 2022 in Katar.
Geplant war das alles aber eigentlich ganz anders. Raab wollte die volle Dröhnung: neun Spiele, drei Länder. Mexiko und die USA fielen aber weg. Der Grund ist so einfach wie auch verständlich: das Geld. „Unbezahlbar“, bringt es der Bayern-Fan kurz auf den Punkt. „Mit Tickets, Flügen und allem Drum und Dran wären wir bei 7.500 Euro gewesen“, fügt er an. Zu viel für den 54-Jährigen und seine Reisebegleitung aus München.
Mit diesem Problem ist das Duo nicht alleine. Fußballfans aus der ganzen Welt haben mit teuren Flügen, erhöhten Preisen für Unterkünfte und unverhältnismäßig hohen Ticketkosten zu kämpfen. Reguläre Eintrittskarten in der Vorrunde kosten zwischen 50 und 3.500 Euro, Finalkarten erreichen offiziell bis zu 9.500 Euro. Auch Raab musste für seine Tickets jeweils 180 Euro blechen. Gänzlich unbekannt sind ihm solche Preise zwar nicht – für das Champions-League-Finale 2012 in München zahlte Raab 260 Euro, für das Endspiel um die Europameisterschaft 2008 in Wien sogar 300 Euro – „für ein Vorrundenspiel hatte ich das aber noch nie“.
„Für die Fans ist es
eine Katastrophe“
Neben den astronomischen Preisen drückt im Vorfeld des Turniers aber noch ein ganz anderes Thema auf die Stimmung: die Frage nach der Sicherheit. Vor allem im Gastgeberland Mexiko scheint das Pulverfass kurz vor dem Explodieren zu sein. Dort haben mehrere Gruppen Streiks und Proteste angekündigt. Zudem gab es in Kansas City, nahe des englischen Quartiers, wenige Tage vor dem WM-Start eine Schießerei. Keine guten Vorzeichen für ein friedliches Fußballfest, für Raab aber kein Dämpfer. „Ich bin schon einmal in Mexiko, genauer gesagt in Mexiko-Stadt gewesen. Für mich war es eine der sichersten Städte, in denen ich war“, teilt der 54-Jährige seine Erfahrungen. Er rechne zudem damit, dass „die Sicherheitskräfte dementsprechend hochgeschraubt werden“. Mit offenen Augen durch die Städte ziehen, daran appelliert Raab: „Wir bleiben auf den großen Straßen und halten uns da auf, wo die meisten Leute sind. Da sind wir vorsichtig.“
Trotz der aktuellen Bedenken bleibt der Blick auf das große Ganze gerichtet. Denn die extremen Preise und logistischen Hürden werfen unweigerlich eine Frage auf, die viele traditionsbewusste Fans umtreibt: Wie sieht die Zukunft eines Sports aus, der sich immer weiter von seiner Basis zu entfernen droht? Die nächste Weltmeisterschaft 2030 findet in sechs Ländern auf drei Kontinenten statt. Die Hauptgastgeber sind Marokko, Spanien und Portugal. Zur Feier des 100-jährigen Jubiläums des Turniers werden zudem jeweils drei Eröffnungsspiele in Uruguay, Argentinien und Paraguay ausgetragen. „Für die Fans ist es eine Katastrophe“, sagt Raab deutlich. „Mich ärgert es, dass diese Events immer größer und immer teurer werden. Es geht nur noch um Geld. Ich bin echt am Überlegen, ob ich das alles noch so mitziehe.“ Ob der Blogger aus Raubling also auch 2030 wieder die Koffer packt, steht in den Sternen. Jetzt wartet erst einmal Toronto – und die Hoffnung, dass zwischen Stadionwurst und Fangesängen die alte Liebe noch einmal aufflammt.