Berchtesgaden – Kopfüber, mit rasanten Geschwindigkeiten von weit über 100 Kilometern pro Stunde, das Kinn nur wenige Zentimeter über dem blanken Eis – Skeleton verlangt absoluten Fokus, Mut und feinste Körperbeherrschung. Eine, die diese Kunst bereits seit ihrer Kindheit perfektioniert hat, ist die Berchtesgadenerin Marie Angerer. Als einst jüngste Skeletoni Deutschlands mit nur zehn Jahren, hat sich die heute 19-Jährige bereits jetzt an die internationale Nachwuchsspitze vorgearbeitet. Die vergangene Wintersaison krönte die Fahrerin vom WSV Königssee mit Gold in der U20-Wertung sowie im Mixed-Rennen und Silber in der Gesamtwertung der Juniorenweltmeisterschaften.
Der Einstieg in den Skeletonsport erfolgt meist im Teenageralter. Sie haben diesen Weg schon extrem früh eingeschlagen. Wie kam es dazu?
Ich habe tatsächlich schon im Alter von zehn Jahren angefangen und war die jüngste Skeletoni in ganz Deutschland. Geprägt hat mich mein Papa, der selbst erfolgreicher Bobfahrer war und zahlreiche Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften gewonnen hat. Nach einiger Zeit überredete er mich, den Sport zumindest einmal auszuprobieren. Ehrlich gesagt hatte ich anfänglich überhaupt kein Interesse. Das änderte sich schlagartig, als eine Schulfreundin erzählte, dass sie Skeleton ausprobieren möchte. Nach der Schule bin ich sofort zu meinem Vater und meinte: ,,Ich will das jetzt auch machen!“
Gab es für Sie prägende Vorbilder auf der Bahn?
Absolut, Vorbilder spielen eine riesige Rolle. Das Schöne an unserem Stützpunkt am Königsee ist, dass man dort völlig ungezwungen Weltmeistern und Olympiasiegern über den Weg läuft. Als Kind war das völlig wahnsinnig und inspirierend, wenn ich Idole wie Tina Hermann oder Felix Keisinger getroffen habe.
Skeleton ist nicht gerade ungefährlich. Spielt Angst oder das Bedenken vor Stürzen bei Ihnen eine Rolle?
Bedenken hatte ich tatsächlich noch nie. Die Bewegungen und Abläufe sind völlig natürlich geworden. Trotzdem soll man nie den Respekt vor der Bahn verlieren, da schon kleinste Fahrfehler enorme Folgen haben können.
Wenn Sie auf Ihre sportliche und persönliche Entwicklung der letzen Jahre zurückblicken. Was wäre Ihr Fazit?
Ich bin mit meinen Fortschritten sehr zufrieden. In den letzen Jahren konnte ich nicht nur persönliche Bestzeiten aufstellen, sondern auch fahrtechnisch an vielen Feinheiten arbeiten. Natürlich verläuft nicht immer alles super, es gibt viele Höhen und Tiefen oder Rennen, die total daneben gehen. Ich sage mir dann immer, in solchen Momenten darf man den Spaß nicht verlieren. Genau diese Lockerheit ist bei mir ein Kernpunkt, der mir sehr hilft, mich wieder neu zu motivieren.
Dieser Fleiß hat sich ausgezahlt! Nehmen Sie uns einmal mit durch Ihren letzen Winter.
Die Saison war für mich ein voller Erfolg. Das ging schon mit der Vorbereitung in Norwegen los, die mir riesigen Spaß gemacht hat. Im Europacup lief es anfangs noch etwas mühsam, aber ich konnte mich von Rennen zu Rennen steigern. Das Saisonhighlight war dann natürlich der zweite Platz bei den Juniorenweltmeisterschaften zum Abschluss.
Waren die erreichten Titel eher eine Überraschung?
Und was für eine! Ich war im ersten Moment total fassungslos. Eine Medaille wäre schon ein Traum gewesen, dann aber sogar mit drei heimzureisen war überwältigend, und gab mir auch die Bestätigung für das harte Training.
Aktuell befinden wir uns in der warmen Jahreszeit. Wie läuft die bisherige Vorbereitung auf den kommenden Winter?
Die Vorbereitung läuft super, auch wenn das Training momentan sehr intensiv und körperlich anstrengend ist. Als Wintersportlerin mag ich das Sommertraining sehr gerne. Vor allem, weil das Training für mich ein perfekter Ausgleich zum Polizeialltag in Ainring ist.
Direkt nach so einer kräftezehrenden WM-Saison wieder in den Ausbildungsalltag zu starten klingt nach einem harten Kontrastprogramm.
Ein bisschen mehr Pause nach der Juniorenweltmeisterschaft wäre schön gewesen. Aber der Start in mein mittlerweile drittes Ausbildungsjahr in Ainring ist mir nicht schwergefallen. Ich freue mich jedes Jahr darauf, wieder anzupacken.
Mit welchen Zielen gehen Sie in die anstehende Saison?
Sportlich möchte ich genau dort anknüpfen, wo ich im Winter aufgehört habe. Das bedeutet konkret, dass ich im Europacup konstant vorne mitmischen und Top-Ergebnisse einfahren will. Abseits der Platzierungen habe ich mir vorgenommen, mehr internationale Kontakte im Weltverband zu knüpfen und im Wettkampf noch öfter meine eigene Komfortzone zu verlassen.