Rosenheim – Der neue Top-Center der Starbulls Rosenheim steht endlich fest. Mit Jordan Bellerive kommt ein Mittelstürmer zum Eishockeyclub an die Mangfall, der erstmals in Deutschland aufs Eis geht. Vor seinem Wechsel nach Rosenheim war der 27-jährige Kanadier in der Slowakei und in Schweden – dort in der zweiten Spielklasse – aktiv. Die OVB-Sportredaktion hat sich Bellerives bisherige Stationen angeschaut und dabei auch eine Verbindung mit einem Ex-Rosenheimer gefunden. Zudem sorgte ein tragischer Unfall für einen großen Einschnitt in seiner Laufbahn.
Der in North Vancouver geborene Bellerive hatte gleich zwei Familienmitglieder, an denen er sich in jungen Jahren orientieren konnte: Sein älterer Bruder Matt (heute 31) spielte im Nachwuchsbereich hochklassig, die ältere Schwester Brielle (heute 29) wurde Weltmeisterin mit der kanadischen U18. Jordy Bellerive spielte von 2015 an für die Lethbridge Hurricanes in der kanadischen Juniorenliga WHL und war dort in den letzten beiden Jahren der Kapitän. Im Team waren damals unter anderem die jetzigen NHL-Profis Stuart Skinner (Pittsburgh) und Dylan Cozens (Ottawa, 2024 im Allstar-Team der Weltmeisterschaft).
Bellerive hatte in diesen beiden Spielzeiten als Kapitän einen Punkteschnitt von 1,30 und 1,22 pro Spiel – zum Vergleich: Eisbären-Berlin-Topstürmer Ty Ronning kam auf 1,20, DEL2- Goalgetter Mark Rassell auf 1,14 und der DEL-erfahrene Cole Fonstad, jetzt ein herausragender Stürmer beim Starbulls-Konkurrenten Bietigheim, auf 1,01 und 1,09. Der Neu-Rosenheimer wurde zwar nie für die NHL gedraftet, seine Leistungen fielen dennoch auf. Und so unterschrieb er 2017 einen Drei-Jahres-Vertrag für die Organisation der Pittsburgh Penguins.
Eishockey war zu diesem Zeitpunkt das Leben von Jordy Bellerive, das sollte sich aber ein Jahr später drastisch ändern. In der Sommerpause hatte er sich mit Teamkollegen am Wohnsitz der Familie des früheren Mannschaftskapitäns Tyler Wong eingefunden. „Ich kann gar nicht beschreiben, was passiert ist. Es gab ein Lagerfeuer, das explodierte, und es hat ein paar von uns schwer erwischt“, erklärte Bellerive hinterher. Der kanadische Angreifer war mit am schwersten betroffen, er erlitt Verbrennungen im Gesicht, am Körper, den Beinen und an den Händen. Zwölf Tage verbrachte Bellerive im Krankenhaus in Calgary. „Im Großen und Ganzen hatten wir riesiges Glück, noch am Leben zu sein“, fasste er zusammen. Die Polizei war nach Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass wohl mit Brandbeschleuniger hantiert wurde.
Gerade die Verbrennungen an den Händen machten dem Eishockeyspieler zu schaffen. Ihm wurde mitgeteilt, dass voraussichtlich eine Hauttransplantation erforderlich sein würde und dass er möglicherweise ein ganzes Jahr nicht Eishockey spielen könnte. „Wenn man sich Verbrennungen an den Händen zuzieht, können sich diese zusammenziehen und vernarben. Doch ich hatte das Glück, dass ich vom ersten Tag an alle Behandlungen absolvieren konnte. Ich habe jede Therapie mitgenommen, die mir möglich war“, erklärte Bellerive hinterher. Weil die Verletzungen letztlich gut verheilten, konnte eine Transplantation umgangen werden und der Angreifer kam schneller wieder aufs Eis zurück als geplant. Nach einem weiteren starken Jahr in der Juniorenliga bestritt er seine ersten Einsätze in der American Hockey League (AHL).
Doch es war noch längst nicht so wie zuvor: „Ich dachte, ich bin bereit – doch das war ich definitiv nicht! Es war vor allem eine mentale Sache. Im Laufe der Jahre habe ich dann wieder zu meinem alten Ich zurückgefunden“, musste sich Bellerive eingestehen. Er erklärte gegenüber nordamerikanischen Medien auch, was anders war: „Im ersten Jahr war mein Schuss noch nicht wieder derselbe. Ich habe auch nicht mehr so viel geschossen.“ Jetzt sei dies wieder anders. „Es hat eine Weile gedauert, aber ich schieße wieder normal.“
Das merkte man dann auch in den weiteren AHL-Spielzeiten. Drei Saisonen lang ging er für die Wilkes-Barre/Scranton Penguins aufs Eis und kam in der Saison 2021/22 auf 0,40 Punkte pro Spiel. Zum Vergleich: Die DEL-Spieler Evan Barrett (Nürnberg) oder Patrick Khodorenko (Eisbären Berlin) waren mit 0,44 und 0,41 nur unwesentlich besser. Weitere Stationen in der AHL waren die Lehigh Valley Phantoms (mit Co-Trainer John Snowden, der 2007/08 im Starbulls-Kader stand), San Jose Barracuda und Syracuse Crunch. In sechs Jahren kamen so 294 AHL-Spiele mit 105 Punkten (46 Tore und 59 Vorlagen) zustande. Noch ein Vergleich: C.J. Stretch, Tyler McNeely oder Wade MacLeod hatten nicht so viele AHL-Begegnungen auf der Karte, bevor sie an die Mangfall gewechselt waren, Shawn Weller kam auf 13 Spiele mehr, hatte aber 16 Scorerpunkte weniger.
Den Schritt nach Europa machte Bellerive dann 2024: Zunächst spielte er für AIK Stockholm in der schwedischen Allsvenskan, dann für Dukla Trencin in der ersten slowakischen Spielklasse. Nun also Rosenheim. Dort dürfen sich die Fans auf einen Spieler freuen, der sich für das Team aufarbeitet. „Ich glaube, ich kann körperlich und bissig spielen, Face-Offs gewinnen und die kleinen Dinge richtig machen“, beschreibt sich Bellerive selbst. Gerade die letzten beiden Attribute dürften Starbulls-Coach Jari Pasanen überzeugt haben. Aktuell wird der Neuzugang bei den Starbulls mit der Rückennummer 15 gelistet. Das dürfte sich aber noch ändern, denn diese Nummer gehört dem dreimaligen Meisterspieler Wacki Kretschmer und hängt schon seit vielen Jahren unter dem Hallendach.