Mit Mut und 130 km/h kopfüber nach vorne

von Redaktion

Wie Skeletoni Charlize Reimann den Spagat zwischen Polizeiausbildung und Medaillenjagd meistert

Berchtesgaden – Es erfordert eine gehörige Portion Mut, sich mit dem Gesicht nur wenige Zentimeter über dem blanken Eis in eine gefrorene Rinne hinabzustürzen. Skeleton ist ein Sport der Extreme – eine Millisekundenjagd, bei der Athletik und mentale Stärke oft über Sieg und Niederlage entscheiden.

Die Wege zum Skeleton sind vielfältig: Manche wechseln vom Rennrodeln, andere werden in der Leichtathletik gesichtet. Bei Charlize Reimann, einer Athletin des WSV Königssee, die in Berchtesgaden wohnt, war es jedoch eine Aneinanderreihung „dummer Zufälle“, wie sie selbst sagt. Als sie ihre jüngeren Geschwister zum Rodel-Schnuppertraining nach Berchtesgaden brachte, traf sie vor der Halle zufällig den damaligen Skeleton- Bundestrainer. Da Reimann für den Einstieg ins Rennrodeln bereits zu alt war, schlug dieser kurzerhand Skeleton vor – Videos der Weltmeisterin Tina Hermann inklusive. Begeistert war sie anfangs nicht gerade. Erst auf sanften Druck ihrer Mutter absolvierte sie das erste anstrengende Sommertraining – und sie blieb. Tina Hermann wuchs von der Video-Vorlage schnell zum realen Vorbild heran.

An ihre allererste Fahrt erinnert sich die mittlerweile 20-Jährige als ein absolutes Gefühlschaos: „Schon bevor es richtig losging, hat sich eine gewisse Angst vor dem großen Ungewissen angestaut. Als ich dann das erste Mal mit dem Schlitten auf dem Eis lag, wusste ich: Hier komm ich jetzt so schnell nicht mehr raus. Jetzt heißt es Mut zusammennehmen.“ Nach ein paar Sekunden purer Orientierungslosigkeit kam sie sicher am Ziel an. Der erste Schock wich sofort der Begeisterung – gemeinsam mit ihren heutigen Trainingspartnerinnen ging es sofort wieder nach oben für die nächste Fahrt.

Der Alltag von Reimann findet aber nicht nur im Eiskanal statt. Als Angehörige der Spitzensportförderung der Bayerischen Polizei absolviert sie parallel ihre Ausbildung. Dies bedeutet einen straffen Zeitplan: Vier Monate herrscht strikte Präsenzphase mit intensivem Lernen und Prüfungen. „Wir haben ein sehr privilegiertes Leben durch unseren Sport“, zeigt sie sich reflektiert. „Dazu gehört aber auch, die Ausbildung diszipliniert durchzuziehen. Da wir durch die langen Trainingspausen oft den Bezug zum Stoff verlieren, müssen wir in den ersten Wochen das Erlernte mühsam wieder aus dem Gedächtnis kramen.“

Nach den harten Theoriewochen folgt daraufhin die Belohnung: eine achtmonatige Freistellung für Training und Wettkämpfe. Das Training im Sommer ist ein Fulltime-Job. In verschiedenen Phasen wird das Fundament für den Winter gelegt: Tempo-, Bergan- und Treppenläufe sowie Kraftzirkeltraining stehen zu Beginn an. Später verschiebt sich der Fokus auf den Aufbau von Maximalkraft, Rumpfstabilität und Schnelligkeit. Um den Start, die wichtigste Phase des Rennens, nicht zu vernachlässigen, wird auch im Sommer auf Tartanbahnen oder speziellen Eisstartanlagen wie in Oberhof intensiv trainiert.

Ein schwerer Einschnitt für das gesamte Team war die Zerstörung der traditionsreichen Kunsteisbahn am Königssee durch ein Unwetter vor einigen Jahren. Für Reimann und viele andere Athleten brach damals eine Welt zusammen. Besonders für den Nachwuchs sei eine Heimbahn als stabiler Stützpunkt essenziell – ohne sie verzeichnet der Verein laut Reimann einen spürbaren Rückgang an vielen jungen Talenten. Doch auch im professionellen Bereich sind die Einschränkungen massiv: Während viele Nationen und Stützpunkte ihr Material in aller Ruhe auf den eigenen Bahnen testen können, müssen die heimischen Athleten zu fernen Bahnen reisen.

Trotz dieser schwierigen Bedingungen feierte Reimann schon beachtliche internationale Erfolge. Ihr bislang emotionalster Meilenstein: U20-Vize-Europameisterin im lettischen Sigulda, kombiniert mit einem fünften Platz im Europacup. Zu dieser Bahn, die als eine der technisch anspruchsvollsten und schwersten der Welt gilt, pflegt Reimann eine ganz besondere Verbindung, da sie dort zwei Jahre zuvor ihr Europacup-Debüt gegeben hatte.

Skeleton ist Kopfsache. In der Vergangenheit neigte Reimann dazu, im Wettkampf zu viel zu wollen und verkrampft an den Start zu gehen. „Ich habe mich mental so unter Druck gesetzt, dass ich mein eigener Feind wurde“, gesteht sie offen. Heute geht sie Rennen so entspannt wie ein Training an. Ein festes Ritual ist geblieben: Eine feste Umarmung mit ihrer Trainingskollegin und mittlerweile engen Freundin Marie Angerer vor dem Start sorgt für den nötigen Halt. Auch dem enormen Leistungsdruck im deutschen Nachwuchskader begegnet sie heute mit Reife. Statt die Konkurrentinnen nur als Rivalinnen zu sehen, pflegt sie bewusst eine enge Freundschaft zu ihnen: „Wir haben alle das gleiche Ziel, und nicht jede kann es schaffen – so viel ist sicher. Aber sie als Gleichgesinnte und Freunde zu sehen, nimmt den Druck und bereichert mein Leben um tolle Persönlichkeiten.“

Die Ziele für die kommenden Jahre sind bei Charlize Reimann klar gesteckt: Sie möchte sich fest in der Favoritengruppe des Europacups etablieren. Ein großer Herzenswunsch ist zudem eine Medaille bei den Junioren-Weltmeisterschaften. Und der Traum von Olympia? Der steht definitiv über allem. Doch die Nachwuchssportlerin nimmt Kurve für Kurve: „Olympia ist der ganz große Traum, aber er liegt dann doch noch weit in der Zukunft.“

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