Rosenheim/Mühldorf – Der Sommer hat den bayerischen Amateurfußball mit voller Wucht erwischt – und der Bayerische Fußball-Verband reagiert mit einem drastischen Schritt. Wegen der anhaltenden Extremhitze hat der BFV sämtliche von ihm organisierten Verbandsspiele und Turniere für das Wochenende vom 26. bis 28. Juni im gesamten Freistaat abgesagt. Fast 4.400 Partien sind betroffen. Was auf den ersten Blick nach einer nüchternen Vorsichtsmaßnahme klingt, ist in Wahrheit ein Eingriff mit Wucht: in Terminpläne, in Saisonabschlüsse, in Turniere – und in einen Spielbetrieb, der in diesen Tagen eigentlich noch einmal Fahrt aufnehmen wollte.
„Wir haben eine Fürsorgepflicht und der kommen wir mit dieser Entscheidung nach“, sagt BFV-Präsident Christoph Kern. Der Schutz der Gesundheit habe oberste Priorität. Gerade Kinder und Jugendliche sollten nicht unnötig gesundheitlichen Risiken durch hohe Temperaturen und körperliche Belastung ausgesetzt werden. Fußball, so der Verband, solle Freude bereiten – „aber nicht auf Kosten der Gesundheit.“ Der Satz wirkt wie ein Stoppschild. Und er kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Thermometer in Bayern vielerorts Richtung 35 Grad klettert und die Warnungen vor körperlicher Belastung in der Mittagshitze immer schriller werden. Besonders betroffen sind die Juniorinnen und Junioren. Während bei den Frauen und Herren vielerorts bereits Sommerpause herrscht oder nur noch Testspiele laufen, befinden sich zahlreiche Jugendteams noch mitten im Saisonendspurt.
Abgesagt wurden nicht nur Punktspiele, sondern auch eine Reihe prominenter Veranstaltungen: der „Erdinger Meister-Cup“ in Gaimersheim, das Landesfinale des U15-Junioren-Verbandspokals in Rödental, die bayerische Meisterschaft der Ü40-Herren in Schierling, die Endrunde des Futsal-Verbandspokals in Erlangen sowie sämtliche Minifußball-Festivals. Ein ganzes Wochenende, das im bayerischen Fußballkalender voll war, wird damit auf einen Schlag leer geräumt. Und doch ist das Bild nicht ganz so eindeutig. Denn die BFV-Absage gilt nur für die vom Verband organisierten Wettbewerbe. Bei Totopokal- und Freundschaftsspielen liegt die Entscheidung bei den Vereinen. Der Verband appelliert zwar „ausdrücklich an die Vernunft der Verantwortlichen“ und empfiehlt, Partien abzusagen oder zumindest in die kühleren Morgen- und Abendstunden zu verlegen. Doch am Ende bleibt es eine Einzelfallentscheidung. Genau das sorgt in der Region nun für einen bemerkenswerten Flickenteppich. Besonders deutlich zeigt sich das in Kirchanschöring. Dort soll am Samstag der SILOKING-Cup stattfinden – mit dem Gastgeber SV Kirchanschöring, dem SV Wacker Burghausen, dem TSV Buchbach und der SpVgg Unterhaching. Ursprünglich war Turnierbeginn um 13 Uhr angesetzt, also zu einer Uhrzeit, bei der man derzeit schon beim Zuschauen ins Schwitzen kommt. Die Verantwortlichen reagierten deshalb schnell und verlegten den Start auf 10 Uhr vor. Aus dem geplanten Nachmittagsturnier wird nun, wie es Abteilungsleiter Simon Wadislohner treffend formuliert, „halt ein Frühschoppen-Event“. Ein schöner Satz für eine Lage, die im Kern ziemlich ernst ist. Denn auch wenn die Spiele nun am Vormittag angepfiffen werden: Die Hitze reist natürlich trotzdem mit.
Kirchanschöring ist damit ein Beispiel für jene Vereine, die nicht absagen, sondern improvisieren. Möglichst früh spielen, viel trinken, Pausen einplanen, Schatten suchen – und hoffen, dass es reicht.
Der TSV 1860 Rosenheim denkt in eine ähnliche Richtung. Das Testspiel gegen Heimstetten soll stattfinden, allerdings bereits um 9.45 Uhr. Auch der TSV 1880 Wasserburg zieht sein Programm durch, das Duell mit dem VfR Garching ist für 11 Uhr angesetzt. Beim SBC Traunstein soll das Derby gegen den ESV Freilassing ebenfalls gespielt werden, möglichst schon um 10.30 Uhr. Beim TSV Peterskirchen ist die Lage etwas offener: Das für Freitagabend um 19 Uhr geplante Spiel in Moosinning soll stattfinden, ein kurzfristiger Kurswechsel bleibt aber möglich. Andere Vereine gehen vorsichtiger vor – oder haben sich bereits entschieden, ganz auf die Bremse zu treten. So wurde das Testspiel des SV Bruckmühl beim SV München West, ursprünglich für Sonntag um 15 Uhr angesetzt, inzwischen abgesagt. Der Termin ist bereits gemeldet, ein Ersatz wird gesucht.
Noch spannender ist die Lage bei Partien, die bislang offiziell noch stehen, aber wie Wackelkandidaten wirken. Das Testspiel des TSV Kastl beim 1. FC Passau ist für Samstagnachmittag um 14 Uhr angesetzt – also ausgerechnet dann, wenn die Hitze ihren Tageshöhepunkt erreicht. Eine Absage oder Verlegung ist zwar noch nicht kommuniziert, doch viel Fantasie braucht es nicht, um sich vorzustellen, dass dort noch Bewegung hineinkommt. Auch beim Sportbund Rosenheim versucht man, der Glut mit einem späten Anstoß zu entgehen: Das Spiel gegen den TSV Buch wurde bereits auf 19 Uhr verlegt.
Dass die Debatte um Hitzeschutz im Fußball plötzlich mit solcher Wucht geführt wird, hat in diesen Tagen noch einen zweiten Grund. Die Bilder vom Zusammenbruch des Erlbacher Spielers David Vogl beim Testspiel in Dingolfing sind noch frisch. Der 29-Jährige war in der vergangenen Woche auf dem Platz kollabiert und musste reanimiert werden. Sein Fall steht zwar nicht in direktem Zusammenhang mit der BFV-Entscheidung, schwingt aber zwangsläufig mit, wenn jetzt über Verantwortung, Belastung und Vorsicht gesprochen wird.