Rosenheim – Schon im Vorfeld des WM-Turniers hat es große Fragezeichen rund um die DFB-Auswahl gegeben. Sei es die Auswahl des Kaders, das Verhalten von Coach Julian Nagelsmann oder die Leistungen der Mannschaft gewesen. Während der Weltmeisterschaft sind dann noch weitere Themen hinzugekommen und das vorzeitige Aus hat diese noch befeuert. Auch das OVB-Sportteam hat seine Meinung zum Geschehen rund um die DFB-Elf – und beantwortet folgende Fragen.
1. Wie bewerten Sie das Ausscheiden in der ersten K.-o.-Runde?
Thomas Neumeier (Teamleiter Sport): Das ist ein katastrophales Ergebnis. Mit Paraguay hatte Deutschland eines der schwächsten Vorrundenteams zum Gegner. Aufgrund der vorherigen Spiele war dieses Ausscheiden aber auch nicht ganz unerwartet: Gegen Curacao gewinnt auch ein deutscher Drittligist, gegen die Elfenbeinküste gab es nur 30 Minuten anständigen Fußball und einen Sieg, weil man in der Nachspielzeit getroffen hat. Die Spiele gegen Ecuador und Paraguay haben gezeigt, dass der deutsche Fußball bei Weitem nicht mehr das Niveau von früher hat.
Cihad Kökten (Teamleiter Beinschuss): Das Aus ist bitter, aber keine Überraschung. Das Elfmeterschießen kaschiert, dass Deutschland schon gegen Ecuador und teilweise sogar gegen die Elfenbeinküste große Probleme hatte. Paraguay hat diese Schwächen nur konsequent ausgenutzt.
Marinus Obermaier (Redakteur): Das Ausscheiden ist extrem enttäuschend, und war zumindest gegen einen Gegner wie Paraguay nicht erwartbar. Dass Deutschland aktuell nicht zu den besten Teams der Welt gehört, konnte man in den letzten Jahren allerdings immer wieder sehen. Leider steht das DFB-Team da, wo es 2018 schon stand – der deutsche Fußball hat sich nicht weiterentwickelt.
Leon Simeth (Redakteur): Das ist sehr enttäuschend. Nicht nur das Ausscheiden, sondern der komplette Turnierverlauf. Das 7:1 gegen Curacao war ein ordentlicher Start ins Turnier, gegen eine Karibikinsel mit weniger Einwohnern als der Landkreis Rosenheim aber lediglich die absolute Mindesterwartung. In den folgenden drei Spielen gegen die Elfenbeinküste, Ecuador und Paraguay lagen die Deutschen genau neun Minuten in Führung – von insgesamt 270. Für mich ist die Art und Weise viel erschreckender als das Ausscheiden selbst.
2. Was genau war entscheidend, dass Deutschland rausgeflogen ist?
Neumeier: Natürlich kann man sagen, dass eine andere Schiedsrichter-Entscheidung beim Tah-Kopfball die DFB-Elf ins Achtelfinale befördert hätte. Aber das hätte ja nur die vielen Probleme kaschiert. Dieses Team hatte keine Identität! Von Ecuador und Paraguay weiß man, dass sie robust spielen, bei Frankreich kennt man die schnellen, trickreichen Offensivakteure und bei Spanien die herausragende Ballzirkulation. Aber für welchen Fußball steht Deutschland? Für Leidenschaft, Zweikampfstärke oder gelungenes Passspiel jedenfalls nicht, denn das war alles nicht vorhanden. Wenn man teilweise Pässe ohne Zug spielt oder gar nicht an den Mitspieler bringt, dann fehlt es sogar an den Basics. Und etwas überspitzt gefragt: Was macht eigentlich unser Standardtrainer hauptberuflich?
Kökten: Es fehlte ein Plan B. Viel Ballbesitz, wenig Tiefgang, kaum Tempo gegen tief stehende Gegner. Deutschland war spielerisch zu ausrechenbar und fand gegen kompakte Mannschaften keine Lösungen. Selbst Curacao hat der Nationalmannschaft teilweise Schwierigkeiten bereitet.
Obermaier: Plan A wirkte nicht ausgereift genug, einen Plan B gab es anscheinend nicht. Langsames Ballgeschiebe, keine Ideen im Spiel nach vorne und auch kaum überraschende Momente. Dazu kommen vermeintliche Leistungsträger, die nicht in Form sind oder falsch eingesetzt werden. Paraguay hat mit zwei einfachen Viererketten gezeigt, wie man Deutschland schlagen kann.
Simeth: Meiner Meinung nach kann man das nicht an einem einzelnen Punkt festmachen. Viele Sachen stimmen bei der deutschen Nationalmannschaft aktuell nicht. Wir haben keinen richtigen Weltklasse-Spieler, bei Nagelsmann hakt es komplett an der Kommunikation – gegenüber dem Fernsehen und scheinbar auch intern. Eine wirkliche Spielidee war nicht zu erkennen, vorne fehlt die Kreativität. Und auch der wichtigste Aspekt im Fußball geht ab: die Leidenschaft und das Herz. Der erste Moment, in dem ich vom deutschen Team richtig Feuer gesehen habe, war Musialas Frust-Grätsche tief in der Verlängerung. Es auf den Schiedsrichter zu schieben, ist für mich auch zu einfach. Ich hätte das Tor definitiv gegeben, der Schiedsrichter halt nicht. Was bei seiner Linie komisch war, darauf hast du aber keinen Einfluss. Auf das Spiel hingegen schon. Und als deutsche Nationalmannschaft musst du es einfach schaffen, ein Team aus Paraguay zu dominieren.
3. Welche Spieler haben Sie speziell enttäuscht?
Neumeier: Ich war überrascht, dass Pavlovic und Nmecha bei stärkerer Gegenwehr so dermaßen überfordert wirkten. Und abgesehen davon, dass Kimmich wohl mit Unwillen hinten rechts spielte, war auch er weit weg von seiner Normalform. Ansonsten hielten sich die negativen Überraschungen in Grenzen, denn dass Musiala und Wirtz nach deren Saisonverlauf keine Verstärkungen sein würden, war zu erwarten. Und wer von Sané wirklich Produktives erwartet hatte, der ist seit mehreren Jahren auf dem Holzweg.
Kökten: Manuel Neuer strahlte längst nicht mehr die Sicherheit aus, die ihn jahrelang ausgezeichnet hat. Leroy Aziz Sané war auf der Außenbahn zwar nahezu alternativlos, blieb offensiv aber erneut vieles schuldig. Genau deshalb hätte ich Karim Adeyemi mit seiner Dynamik und Tiefenläufe gerne im WM-Kader gesehen. Zwar bringt auch er nicht Woche für Woche Top-Leistungen, doch seine Dynamik hätte Deutschland gegen kompakte Gegner gutgetan. Auch Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha starteten stark ins Turnier, konnten ihr Niveau jedoch nicht halten.
Obermaier: Ich hatte von Beginn an keine großen Erwartungen an das DFB-Team, dementsprechend ist die Enttäuschung nicht allzu groß. Einige Spieler, wie Kai Havertz, Florian Wirtz oder Jamal Musiala, könnte man hier nennen, das würde ihnen aber nicht gerecht werden. Von Spielern, die eine durchwachsene Saison hinter sich haben, sei es sportlich oder aufgrund von Verletzungen, zu erwarten, sie schießen Deutschland zum Titel, war einfach nicht realitätsnah.
Simeth: Ganz ehrlich, keiner so richtig, weil sich meine Erwartung bei unserem Kader in Grenzen hielt. Unsere Hoffnungsträger sind: Musiala, der lange verletzt war und weder fit noch in Form ist. Wirtz, der mit Liverpool eine durchwachsene Saison gespielt hat. Havertz, der zwar Premier-League-Sieger ist, jedoch nur zwölf Einsätze hatte. Undav, der zwar brutale Zahlen vorweisen kann, allerdings erst vor zwei Jahren sein DFB-Debüt gab und im Vergleich zum Aufgebot anderer Nationen noch lange kein Weltklasse-Stürmer ist – zudem darf er kaum von Anfang an spielen. Kimmich, einer der besten Sechser der Welt, der auf einer anderen Position spielen muss. Pavlovic, der eine super Saison mit Bayern gespielt hat, ihm aber einfach die Erfahrung fehlt. Sané, der selbst bei Galatasaray durchschnittlich spielt, aber beim DFB immer. Ein 40-jähriger Neuer, der eigentlich gar nicht für die WM eingeplant war. Und das war’s dann auch schon mit den namhaften Spielern…
4. Hätten Sie eine andere Aufstellung gewählt?
Neumeier: Ich war vor dem Turnier ein Verfechter, dass Kimmich auf rechts spielt. Die Gruppenspiele haben aber gezeigt, dass er im Mittelfeld vielleicht ein Anker für Pavlovic oder Nmecha sein hätte können. Grundsätzlich hätte ich gegen Paraguay also mit Raum und Brown auf den defensiven Außenbahnen gespielt und mit Kimmich auf der Sechs. Ich verstehe auch nicht, warum Sané auf rechts aufgestellt wurde. Wenn es der Plan war, dass er aufgrund seines stärkeren linken Fußes nach innen ziehen soll, dann spielt man einer eng stehenden Defensive wie Paraguay doch genau in die Karten!
Kökten: Ja. Deniz Undav hätte sich nach seinen Leistungen einen Platz in der Startelf verdient gehabt. Außerdem würde ich Joshua Kimmich dauerhaft wieder auf die Sechs ziehen. Dort kann er dem Spiel seinen Stempel eher aufdrücken als als Rechtsverteidiger. Die Kehrseite: Dann muss Nagelsmann entscheiden, wie er mit Pavlovic, Nmecha, Jamal Musiala oder gar Kai Havertz plant – ein Luxusproblem, das allerdings lösbar sein sollte.
Obermaier: Ich war von Anfang an kein Fan der Taktik und auch der Nominierungen von Julian Nagelsmann. Für mich bleibt zum Beispiel ein Rätsel, wieso Joshua Kimmich als rechter Verteidiger aufgestellt wurde. Spieler wie Flo Wirtz oder Kai Havertz wurden meiner Meinung nach auch falsch eingesetzt. Allerdings muss man Nagelsmann zugutehalten: Es fehlt Deutschland an Weltklasse-Spielern.
Simeth: Sehr schwierig. Mir fehlen einfach starke, kreative Flügelspieler. Der Ausfall von Karl tut im Nachhinein schon weh, er hätte gegen so beherzt verteidigende Südamerikaner vielleicht ein bisschen Wirbel reingebracht. Vielleicht hätte ich es mit einer Dreierkette probiert, aber dann scheitert’s auch wieder an den Außenverteidigern. Ich hätte gerne mal Leweling auf der rechten Schiene gesehen. Ich denke, das macht eventuell mehr Sinn, als Spieler, die alle nur ins Zentrum ziehen wollen, wenn eh jeder Gegner sehr kompakt verteidigt.
5. Kann Julian Nagelsmann Bundestrainer bleiben?
Neumeier: Nein, auf gar keinen Fall. Mit derart vielen fragwürdigen Personalentscheidungen und ähnlich vielen diskussionswürdigen Medienauftritten hat er sich so angreifbar gemacht, dass nur ein spektakulärer Spielstil oder Erfolgserlebnisse eine Fortsetzung der Amtszeit gerechtfertigt hätten. Die Auftritte in Nordamerika wecken aber die Befürchtung, dass sich nichts ändern würde – und es muss sich dringend etwas ändern. Das gilt aber für den gesamten DFB!
Kökten: Ja. Ein Trainerwechsel nach jedem enttäuschenden Turnier bringt den deutschen Fußball nicht weiter. Julian Nagelsmann muss allerdings selbstkritischer werden, seine Sturheit bei Personal- und Systemfragen ablegen und flexibler auf Gegner reagieren. Der DFB hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sich Geduld auszahlen kann: Franz Beckenbauer feierte seinen ersten Titel erst beim dritten großen Turnier als Teamchef. Berti Vogts musste zuvor massive Kritik einstecken und führte Deutschland später dennoch zum EM-Titel. Der Unterschied zu heute: Beide konnten auf einen Kader mit deutlich mehr Weltklasse-Spielern zurückgreifen.
Obermaier: Ich bleibe dabei: Nagelsmann ist kein Bundestrainer, sondern Vereinstrainer! Für mich wäre jetzt der Zeitpunkt, die Reißleine zu ziehen. Sportliche Gründe sind dabei nur eine Hälfte der Medaille, auch die Außendarstellung des Bundestrainers vor und während der WM spielen eine Rolle. Ich sage nur: Deniz Undav.
Simeth: Ich denke nicht. Er stand vor dem Turnier schon in Kritik und konnte seine Versprechen, dass wir der Mannschaft und seinem Plan vertrauen sollen, nicht halten.
6. Wenn nein, wer soll es dann machen?
Neumeier: Es braucht einen Menschenfänger – und da gibt es nur einen: Jürgen Klopp. Wenn man sieht, wie er in Dortmund und Liverpool den Glauben in ganze Städte zurückgebracht und mit seinen Teams spektakulären Fußball zelebriert hat, dann ist er der einzige Bessermacher. Aber da muss zuvor beim Verband einiges passieren, denn Klopp braucht Entscheidungsfreiheit. Ein „Weiter so“ hat es beim DFB seit 2018 immer wieder gegeben, das muss ein Ende haben!
Kökten: Wenn es doch zu einem Wechsel käme, gibt es für mich nur eine naheliegende Lösung: Jürgen Klopp. Er vereint Fachkompetenz, Führungsstärke und die Fähigkeit, einer Mannschaft wieder Identität und Begeisterung zu vermitteln. Der DFB wartet seit Jahren auf seinen „Normal One“.
Obermaier: Die wahrscheinlich einfachste Lösung wäre Jürgen Klopp. Er ist ein Mann mit Erfahrung und viel Charisma – beides ist mir bei einem Bundestrainer wichtig.
Simeth: Viele Trainer kommen nicht infrage und noch weniger sind frei. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre es Klopp.
7. Welche Spieler sind künftige DFB-Hoffnungsträger?
Neumeier: Das hängt vom neuen Trainer ab. Sollte Klopp übernehmen, dann braucht er Spieler, die im Gegenpressing spezialisiert sind und mit höchstem Tempo und größter Mentalität agieren. Da muss man dann schauen, welche Akteure sich da herauskristallisieren. Es gibt ein paar junge Spieler, die man unbedingt testen muss, beispielsweise Finn Jeltsch, Tom Bischof oder Nicolo Tresoldi. Sollten Said El Mala und Lennart Karl nicht abheben, dann dürften sie sich bald zu Stammspielern entwickeln, auch Assan Ouedraogo, wenn er verletzungsfrei bleibt. Angreifer Kevin Schade sollte unbedingt beim Neuaufbau dazugehören. Bei Florian Wirtz bin ich guter Dinge, dass er sich in der Premier League etabliert und dann auch im DFB-Team maßgebend sein wird. Apropos Premier League: Wenn Deutschland in dieser Liga einen Stammtorwart hat, dann gehört dieser auch ins Nationalteam. Die Nichtberücksichtigung von Bernd Leno gehört auch zu den Nagelsmann-Entscheidungen, die aus Trotz statt fußballerischer Abwägungen getroffen wurde.
Kökten: Said El Mala bringt außergewöhnliches Tempo und enormes Potenzial mit. Yann Aurel Bisseck hat sich bei Inter Mailand auf höchstem Niveau etabliert und kann eine Säule der Defensive werden, die spätestens nach der Verletzung von Nico Schlotterbeck zu wackeln anfing. Dahinter drängt mit Lennart Karl das nächste Top-Talent nach, das die WM nur verletzungsbedingt verpasste. Und auch Kenneth Eichhorn zählt mit seinem Wechsel nach Leverkusen zu den spannendsten Spielern seines Jahrgangs.
Obermaier: Die Generation um Kimmich, Goretzka und Co. ist gescheitert. Es muss nun aber kein harter Cut her, viel mehr sollten junge, talentierte Spieler langsam eingebaut werden. Dazu zählen zum Beispiel Tom Bischof, Yann Aurel Bisseck oder Said El Mala. Die deutsche U21-Nationalmannschaft wurde 2025 Vize-Europameister, diesen Jungs muss man nun die Chance geben!
Simeth: Nach wie vor Wirtz und Musiala. Wir haben ja bei der EM gesehen, was die beiden in Top-Form abliefern können. Auf jeden Fall Karl und Pavlovic. Auch Schlotterbeck ist bei der nächsten WM noch nicht zu alt, sein Ausfall tat weh. Bischof und El Mala machen sicher noch einen Schritt und der 16-jährige Eichhorn ist ein riesen Talent, da ist es aber fast zu früh, um große Prognosen zu treffen.