„Neuer kann sich nichts ankreiden lassen“

von Redaktion

Neuer oder Baumann? Wer wird der Nachfolger? Heimische Torhüter diskutieren über die Lage beim DFB

Rosenheim/Mühldorf – Die deutsche Nationalmannschaft ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 kläglich im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Nun wurde Bundestrainer Julian Nagelsmann entlassen und beim DFB braucht es einen Umbruch. Ein großes Thema ist die Neubesetzung der Torwartposition. Die OVB-Sportredaktion und beinschuss.de hörten sich bei den heimischen Keepern um, ob sie Manuel Neuer mit zur WM genommen hätten, wie sie seine Leistung bewerten und wer sein Nachfolger werden soll.

War es die richtige Entscheidung, Neuer doch noch mit zur WM zu nehmen? Wen hätten Sie ins Tor gestellt?

Harald Huber (Torwart-Trainer SV Wacker Burghausen, Regionalliga): Ich persönlich hätte ihn wahrscheinlich nicht mitgenommen und wäre bei Baumann geblieben, Ich weiß nicht, ob es das im Endeffekt wert war, da so viel Unruhe reinzukriegen. Das ist bei der Mannschaft wahrscheinlich auch nicht so gut angekommen, denke ich jetzt mal. Neuer ist natürlich eine Legende und ein Weltklasse-Torwart, aber das Alter ist halt doch schon fortgeschritten.

Egon Weber (SV Erlbach, Bayernliga): Natürlich hat das ganze ein „Geschmäckle“, allerdings bin ich schon auch der Meinung, dass der Beste fangen sollte – und Neuer hat auf höchstem Niveau nach wie vor Weltklasse-Leistungen gebracht, siehe das Spiel gegen Real Madrid. Baumann hatte seine Sache in der DFB-Elf richtig gut gemacht, allerdings keine Wettkampf-Praxis auf höchstem internationalen Niveau gehabt, daher fand ich es nicht ganz so verkehrt. Über die Art und Weise der Kommunikation lässt sich natürlich streiten.

Lino Volkmer (TSV Wasserburg, Bayernliga): In meinen Augen definitiv. Die deutsche Nationalmannschaft war – beziehungsweise ist – in einer unsicheren und instabilen Situation. Deshalb war die Entscheidung, diese wichtige Position mit einem der erfahrensten und besten Torhüter der Welt zu besetzen, absolut nachvollziehbar. Ich hätte mir neben Manuel Neuer nur eine andere Lösung vorstellen können: einem jungen, aufstrebenden Torwart wie Jonas Urbig oder Noah Atubolu die Chance zu geben.

Andreas Peller (TSV Kastl, Landesliga): Ich glaube, prinzipiell kann ein Torwart mit so viel Aura nicht schaden. Die Tore, die der Neuer bekommen hat, hätten Baumann, Ter Stegen oder Urbig genauso bekommen. Von dem her hat diese Diskussion für mich keine Daseinsberechtigung, weil das, was der Neuer halten hat können, hat er gehalten, inklusive der letzte Elfmeter. Ein anderer Torwart, auch ein Martinez oder ein David Raya, hätten die Bälle meiner Meinung nach auch nicht gehalten.

Stefan Schönberger (Torwart und Torwart-Trainer ESV Freilassing, Landesliga): Nein, Neuer kurz vor der WM zu nominieren war keine gute Idee. Baumann hätte das Tor bei der WM hüten sollen, da er die Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert hatte.

Mike Probst (Ex-Profi-Torwart, Trainer SV Bruckmühl, Bezirksliga): Die Entscheidung war sicherlich hochgradig diskussionswürdig, wenn man bedenkt, welchen Einfluss diese Position auf die Gesamtheit des Kaders hat. Trotzdem ist er für mich nach wie vor in der Gilde der besten Torhüter der Welt zu finden. Damit stellt sich die Frage, ob es die richtige Entscheidung war, für mich gar nicht.

Sebastian Amann (SV Ostermünchen, Kreisliga): Im Nachhinein nein, weil er nicht den Unterschied gemacht hat, den man sich erhofft hatte. Ich hätte Oliver Baumann mitgenommen.

Wie bewerten Sie Neuers Leistung bei der WM?

Huber: Im Endeffekt ist das Turnier für ihn blöd gelaufen, denn er hat sich nicht groß auszeichnen können – es war ja fast jeder Ball drin. Und dementsprechend wird er auch selbst nicht zufrieden sein. Es war aber auch nicht einfach. Gegen Ecuador zum Beispiel schaut er nicht gut aus, ist aber nicht alleine schuld. Aber ob man jetzt mit einem anderen Torwart weitergekommen wäre, das ist immer hypothetisch, das kann man schwer sagen.

Weber: Schwierig zu sagen. Viel Bälle, bei denen er sich auszeichnen hätte können, hatte Neuer nicht. Bei den Gegentoren würde ich aber sagen, war er meist machtlos. Aber klar: Für einen Keeper ist es immer bitter, wenn du fünf Schüsse aufs Tor bekommst und vier davon drin sind – ich weiß, wovon ich rede (lacht).

Volkmer: Er hatte wenig zu tun, aber das ist eigentlich genau das, was ein erfolgreiches Torwartspiel ausmacht. Seine Vorderleute so zu coachen und ihnen so zu helfen, dass erst gar nichts oder nur wenig aufs Tor kommt. Klare Torwartfehler waren keine dabei und im Aufbauspiel hat er seine gewohnte Sicherheit ausgestrahlt. Lediglich im Elfmeterschießen fand ich persönlich seine Leistung nicht gut, da er meistens schon sehr früh unterwegs war.

Peller: Meiner Meinung nach hätte er nicht mehr machen können. Er hat mit dem letzten Elfmeter Deutschland irgendwie doch noch im Elfmeterschießen gehalten. Alles andere hat er in meinen Augen nicht halten können. Klar, diese eine Szene beim 1:2 gegen Ecuador hätte man anders klären können. Das war aber kein turnierentscheidendes Spiel. Von dem her kann er sich in meinen Augen nichts ankreiden lassen und ein anderer Torwart hätte auch nichts anderes bewirkt.

Schönberger: Neuers Leistungen waren in Ordnung. Solides Torwartspiel. An ihm ist das frühe Ausscheiden nicht gelegen.

Probst: Es waren absolut undankbare Partien dabei, aber er ist über eine mittelmäßige Leistung nicht hinausgekommen. Letztendlich hat ihm die gewohnte Dominanz und Souveränität gefehlt.

Amann: Seine Leistung war in Ordnung, eine unglückliche Gruppenphase und gegen Paraguay ein gutes Spiel gemacht. Ich würde ihm die Note drei geben.

Wen sehen Sie als möglichen Nachfolger von Neuer mit Blick auf die EM 2028 und WM 2030? Und wieso?

Huber: Auch ein schwieriges Thema. So viele junge Deutsche, die auch regelmäßig spielen, fallen mir nicht ein. Klar, Urbig ist sicher ein Top-Torhüter, aber man muss erst einmal abwarten, wie viel er spielt. Ich war schon immer ein Freund davon, dass man seine Leistung über einen längeren Zeitraum abrufen muss. Ter Stegen würde ich auch nicht komplett abschreiben. Wenn der komplett fit ist, dann ist er für mich nach wie vor ein Weltklasse-Torhüter. Wenn der seinen Körper im Griff hat und regelmäßig spielt, kann er wieder eine Option werden.

Weber: Wir brauchen wieder Keeper auf Weltklasse Niveau, da würde ich sofort an Jonas Urbig denken. Er hat es in seinem jungen Alter auf nationaler und internationaler Ebene schon einige Male bewiesen, dass er ein ernsthafter Nachfolger von Manuel Neuer sein kann – nicht nur bei den Bayern. Er hat natürlich den Vorteil, dass er mit Weltklasse Spielern wie Olise, Kane und so weiter trainiert und auch einiges von Neuer lernen und sich abschauen kann. Ich finde, Jonas Urbig hat ein feines Füßchen und ist auch auf der Linie eine Maschine, der Rest kommt mit der dauernden Spielzeit dazu, davon bin ich überzeugt.

Volkmer: Wie bereits erwähnt sehe ich Urbig oder Atubolu weit vorne. Beide haben schon auf Top-Niveau ihr Können unter Beweis gestellt und werden langfristig ihre Chance bekommen.

Peller: Als Neuer-Nachfolger sind für mich zwei Namen sehr interessant. Zum einen Jonas Urbig, da muss man jetzt schauen, wie er sich beim FC Bayern hinter Manuel Neuer entwickelt. Und auch Noah Atubolu, wo sich’s für mich entscheidet, wohin er jetzt geht. Ich weiß nicht, was da jetzt aktuell Sache ist. Und dann muss man schauen, ob er dann möglicherweise in der Premier League auch konstant diese Leistungen bringt. Andere Namen wie beispielsweise Nübel – ich glaube nicht, dass sein Wechsel zu Besiktas der richtige Schritt war – sind für mich außen vor. Für mich persönlich entscheidet sich’s zwischen den beiden, wer letztendlich in die Kiste kommt. Ich glaube, beide werden ihre Leistungen abrufen und dann haben wir die nächsten Jahre keine großen Bauchschmerzen auf der Torwartposition.

Schönberger: Es gibt viele Kandidaten, teils noch sehr junge mit viel Potenzial. Lassen wir uns überraschen…

Probst: Das wird sich in den kommenden Jahren durch die Leistung der infrage kommenden Akteure in den einzelnen Wettbewerben entscheiden. Der Kampf beginnt und ist offener denn je. Jetzt schon einen Nachfolger im Kopf zu haben, wäre unseriös.

Amann: Jonas Urbig, er ist meiner Meinung nach aktuell schon der beste deutsche Torhüter.

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