Thorsten Nicklas geht in seine sechste Saison beim SV Kirchanschöring.Foto Btz
Traunsteins Patrick Dreßl fehlte beim DFB die Konsequenz. Foto Weitz
SBR-Kapitän Marco Oberberger: „Kimmich hätte auf die Sechs gehört.“
Rosenheim/Mühldorf – Beim frühen Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2026 sind einige Probleme der DFB-Elf ans Licht gekommen. Über die Defensive wurde sowohl im Vorfeld als auch im Laufe des Turniers immer wieder diskutiert. Ob es richtig war, Kimmich als Außenverteidiger aufzustellen, wer nach Schlotterbecks Verletzung hätte spielen und welche Verteidiger mit Blick auf die Europameisterschaft 2028 und die WM 2030 künftig für den DFB auflaufen sollen, argumentieren Abwehrspieler aus der Region im exklusiven OVB-Interview.
Wie groß war der Anteil der Abwehr, dass Deutschland ausgeschieden ist?
Thorsten Nicklas (SV Kirchanschöring, Bayernliga): 50/50! Man sagt ja immer: Verteidigen geht vorne los bei den Stürmern, also sind nicht nur die vier hinten schuld. Aber man muss schon sagen: Wenn man gegen vermeintlich schlechtere Gegner immer mindestens ein Gegentor bekommt, läuft nicht alles rund.
Patrick Dreßl (SB Chiemgau Traunstein, Landesliga): Tah hat unter seinen Möglichkeiten beziehungsweise nicht so gut wie bei Bayern gespielt. Im Großen und Ganzen ist Verteidigen ein Teil der ganzen Mannschaft, deswegen würde ich das nicht nur auf die Abwehr beziehen. Trotzdem kam es mir so vor, als hätten Konsequenz, Aufmerksamkeit und in hektischen Situationen die Zuordnung gefehlt.
Marco Oberberger (SB/DJK Rosenheim, Bezirksliga): Ich glaube, dass der Anteil der Abwehr am Ausscheiden nicht größer war als in den anderen Mannschaftsteilen, obwohl uns der Ausfall von Schlotterbeck schon sehr weh getan hat.
Johannes Lindner (TSV Bad Endorf, Kreisliga): Generell war gesamtmannschaftlich das Angriffs-Pressing und Gegenpressing gegen die tief stehenden Gegner für mich zu wenig intensiv. In den entscheidenden Momenten wurde zu sorglos verteidigt, wie beim 1:0 von Paraguay zu sehen, nicht konsequent und gewisse Unstimmigkeiten waren erkennbar.
Georg Lenz (DJK/SV Griesstätt, Kreisklasse): Der Anteil der Abwehr war nicht sehr groß, vorne fehlte einfach die Durchschlagskraft.
Tobias Daxenbichler (SV Tattenhausen, A-Klasse): Die Abwehr sehe ich etwas weniger in der Kritik, die offensive Durchschlagskraft hat gefehlt.
Hätten Sie Joshua Kimmich als Außenverteidiger oder Sechser aufgestellt?
Nicklas: Ganz klar auf die Sechs. Kimmich war als Außenverteidiger leider sehr unsicher und immer wieder an den Gegentoren beteiligt. Es war eine sehr unglückliche WM für ihn.
Dreßl: Kimmich muss auf die Sechs, ohne Zweifel.
Oberberger: Kimmich hätte in der aktuellen Konstellation auf die Sechs gehört. Beim letzten Turnier waren wir mit Kroos und Gündogan deutlich besser aufgestellt, daher konnte Kimmich auch leichter auf außen gestellt werden.
Lindner: In Nachbetracht hätte ich Kimmich nach Ecuador auf die Sechs gestellt. Pavlovic und Nmecha ist leider in dem Turnier die Ballsicherheit und Entscheidungsfindung abhanden gekommen.
Lenz: Wir sollten stabiler verteidigen und nicht nur gute Aufbauspieler aufstellen.
Daxenbichler: Auf jeden Fall auf die Sechs, unter anderem wegen seiner defensiven Schwächen und weil er ja bei Bayern immer auf der Sechs spielt. Der DFB-Kader war meiner Meinung nach insgesamt nicht darauf vorbereitet, jemand anderen auf der Außenverteidiger-Position spielen zu lassen.
Wen hätten Sie auf den Außenverteidiger-Positionen spielen lassen?
Nicklas: Links Brown oder Raum, beide sind auf gleichem Level, würde ich sagen. Rechts ist es sehr, sehr schwer. Meiner Meinung nach ist kein top Rechtsverteidiger dabei gewesen. Alternativ zu Kimmich, den ich ja auf der Sechs sehe, halt Anton.
Dreßl: Ich hätte Raum und Brown auf die Außenverteidiger-Positionen gestellt.
Oberberger: Brown hat auf links ordentlich gespielt und Raum ist auch gut, das ist nicht die Problemposition. Auf rechts wäre ich eher mit Anton gegangen. Für den ist das zwar auch ungewohnt, aber er hat Geschwindigkeitsvorteile gegenüber Kimmich und kommt im Aufbau in einer Dreierkette besser zurecht.
Lindner: Brown und Raum. Brown hätte seine angestammte Position dann verlassen müssen. Bleibt man Nagelsmanns Spielanlage treu, sehe ich keine anderen Optionen aus dem WM-Kader.
Lenz: Rechts Brown oder Anton und links Brown oder Raum.
Daxenbichler: Thiaw oder Anton als Außenverteidiger – ähnlich wie Höwedes oder Boateng 2014. Aber ein klassischer rechter Außenverteidiger war ja nicht dabei, beziehungsweise hat Deutschland wenig Gute…
Hätten Sie nach dem Schlotterbeck-Aus anders reagiert? Wen hätten sie reingenommen?
Nicklas: Ich hätte einfach noch einen dazu geholt, schadet ja nicht. Obwohl Tah und Rüdiger eigentlich zwei Stars in ihren Vereinen sind. Ein Linksfuß-Innenverteidiger ist immer gut, aber davon gibt es leider wenige.
Dreßl: In meinen Augen ist Rüdiger zu alt und daher hätte ich Bisseck mitgenommen und ihn aufgestellt – oder Anton.
Oberberger: Rüdiger war schon die richtige Wahl. Obwohl Thiaw mit seinem Potenzial auch eine Chance verdient gehabt hätte. Hier kommt es aber auch darauf an, wer sich mit Tah besser ergänzt.
Lindner: Das war natürlich eine ganz bittere Nummer, für mich ist Schlotterbeck aktuell einer der besten Innenverteidiger überhaupt. Rüdiger war klar dran, einzuspringen und Verantwortung zu übernehmen.
Lenz: Ich hätte auch Rüdiger reingestellt.
Daxenbichler: Das hat meiner Meinung nach gepasst. Immerhin hast du einen Stamm-Innenverteidiger von Real Madrid als Ersatz.
Mit Blick auf die EM 2028 und WM 2030: Auf welche Abwehrspieler würden Sie setzen? Und wer gehört aussortiert?
Nicklas: Raum, Brown, Tah, Schlotterbeck, Thiaw, Jeltsch plus junge, hungrige Jungs.
Dreßl: Sané, Rüdiger, Groß und Goretzka würde ich aussortieren. In der Abwehr würde ich auf Tah und Brown, Bisseck oder Thiaw setzen. Die Rechtsverteidiger-Position ist ganz klar eine Schwachstelle ohne wirkliche Optionen. Man muss schauen, wer sich entwickelt, sonst wäre für mich David Raum eine Option.
Oberberger: Tah gehört für mich auf jeden Fall rein. Rüdiger wird aus Altersgründen rausfallen. Schlotterbeck auf jeden Fall dabei. Brown und Raum auch. Der Rest wird sich noch zeigen, wer in den nächsten Jahren den nächsten Schritt geht. Ich denke da an Personalien wie Thiaw, Jeltsch, Bisseck und vielleicht den ein oder anderen Newcomer.
Lindner: Aussortiert wird niemand. Jeder hat nun Zeit seine sportlichen Fähigkeiten und Soft Skills auf und neben dem Platz unter Beweis zu stellen.
Lenz: Tah, Schlotterbeck Brown, kein Thiaw, Koch.
Daxenbichler: Setzen würde ich auf Schlotterbeck, Tah (zumindest bei der EM 2028, sonst Bisseck oder Thiaw) und auf außen Brown und Bischof oder Baku. Aber bis zur WM 2030 ist noch lange hin, vielleicht gibt’s da wieder etwas besseres Spielermaterial für die Außenverteidiger-Positionen.