Rosenheim/Mühldorf – Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 hat bei der deutschen Nationalmannschaft einiges nicht gestimmt. Ein großes Thema war dabei die fehlende Kreativität im Angriffsspiel. Jamal Musiala und Florian Wirtz waren nicht in Topform, Kai Havertz machte bei Arsenal nicht mal ein Drittel der Spiele und Edeljoker Deniz Undav hatte vor der WM genau neun Länderspiele auf dem Buckel. Bei Frankreich, Argentinien oder auch Spanien – obwohl Lamine Yamal nicht immer seine ganze Klasse zeigen konnte – sah man, wie wichtig Ausnahmespieler in der Offensive sind. Die OVB-Sportredaktion und beinschuss.de hakten bei Stürmern aus der Region nach, wie sie die Leistung der DFB-Angreifer bewerten und wer in Zukunft für Deutschland auflaufen soll.
Wie groß ist die Schuld der deutschen Offensive am frühen Ausscheiden?
Tobias Sztaf (TSV Buchbach, Regionalliga): Bezogen aufs letzte Spiel schon groß. Es wurden viel zu wenige Großchancen kreiert und Abschlüsse gesucht, um den Gegner dauerhaft unter Druck zu setzen und damit auch nervös zu machen und Fehler zu provozieren. Es war auch zu wenig Bewegung drin, es wurden keine Laufwege gemacht, um Räume für andere frei zu machen.
Jonas Kronbichler (SV Kirchanschöring, Bayernliga): Also ich glaube, die ganze Mannschaft ist schuld. Es ist schwierig, da einzelne Spieler herauszupicken. Ich sehe einmal das Problem, dass wir in der Offensive zu unvariabel sind. Dieser Spielwitz, die klare Spielidee, dieser Spielspaß, ein bisschen zocken mit Musiala und Wirtz – die das ja eigentlich könnten –, hat mir ein bisschen gefehlt. Andererseits haben wir seit zwölf oder 13 WM-Spielen nicht mehr zu null gespielt. Das ist natürlich auch so eine Sache, die mit reinspielt.
Michael Renner (TSV Kastl, Landesliga): Ich würde da eigentlich gar nicht der deutschen Mannschaft die Schuld geben. Ich finde, man hat gegen Frankreich gesehen, zu was Paraguay allem im Stande ist, und letztendlich haben sie trotz den ganzen Topstars wie Olisé, Dembélé und Mbappé mit einem Elfmetertor nur gewinnen können, also auch kein Tor aus dem Spiel heraus. Für mich lag es grundsätzlich eher an dem Auftreten gegen Paraguay und der fehlenden Spielidee.
Felix Wieser (SG Reichertsheim-Ramsau/Gars, Bezirksliga): Grundsätzlich gehört der Sturm zur kompletten Mannschaft. Der Sturm kann jetzt nicht alleine unsere WM retten, da hat’s an mehreren Baustellen gefehlt. Ich finde aber, dass uns der klassische Stürmer abgeht – so ein Harry Kane. Für mich war’s im letzten Drittel irgendwie ein bisschen zu lasch, zu vorhersehbar und zu wenig Zug zum Tor. Gerade gegen Paraguay hatten wir kaum eine Torchance. Also kann man dem Sturm schon was ankreiden.
Josef Wittmann (SV Schechen, Kreisklasse): Fußball ist ja bekanntermaßen ein Mannschaftssport. Im deutschen Offensivspiel hat aus meiner Sicht vieles nicht gepasst: wenig Ideen im Spielaufbau, wenig Bewegung und wenig physische Durchsetzungskraft. Das hat sich aber von hinten bis vorne durchgezogen. Als Top-Stürmer muss man aber auch mal aus wenig viel machen – das hat in den meisten Aktionen schon gefehlt.
PhilippHerrmann (SV/DJK Heufeld): Ich denke nicht, dass nur die Offensive daran schuld ist. Das war einfach ein kollektives Versagen von allen Beteiligten. Es kam keiner auch nur annähernd an seine Form heran – auch den Trainer pack ich da insbesondere mit rein.
Wie sehen Sie die Debatte um Undav? Hätten Sie ihn von Anfang an spielen lassen?
Sztaf: Ich hätte ihn gegen Ecuador anfangen lassen, wo es um nichts mehr ging, dann wäre auch die Stimmung innerhalb der Mannschaft positiv geblieben. Hätte er getroffen, wären alle glücklich gewesen und er wäre mit einem anderen Gefühl in die K.-o.-Phase gegangen. Hätte er nicht getroffen, hätte er auch selbst positiver über die Rolle des Einwechselspielers gedacht. Dadurch, dass er gegen Ecuador von der Bank kam, fand ich es schwierig, ihn dann gegen Paraguay auflaufen zu lassen und erst dann die eigene Philosophie von Nagelsmann zu ändern.
Kronbichler: Ich persönlich bin kein riesen Undav-Fan. Und ich finde, dass es Havertz echt gut gemacht hat. Ich finde, Nagelsmann hat das ganz gut gemacht. Es hat ja auch funktioniert: Undav ist reingekommen und dann sind die Tore gefallen. Und ich glaube einfach nicht, dass Undav über 90 Minuten so einen großen Einfluss auf das deutsche Spiel gehabt hätte wie in den letzten 20 oder 25, wo er frischen Wind reinbringt.
Renner: Für mich ist das Thema heißer gekocht worden, als es eigentlich hätte sein müssen. Ich finde, dass es mit der Jokerrolle super funktioniert hat. Und, dass die Umstellung gegen Paraguay eigentlich direkt eiskalt bestraft worden ist – aber da ist man hinterher halt immer schlauer. Bei mir wäre Undav nicht in der Startelf gestanden. Und wenn schon, dann nicht für Musiala, dass er weiterhin die Kreativköpfe halt hinter sich hat.
Wieser: Das war immer das Thema mit den Rollengesprächen, wie sie das so schön genannt haben. Ich hab’s einerseits verstanden, dass man Undav gegen eine müde Mannschaft bringt, weil er denen recht gut wehtun kann. Das haben wir ja gegen die Elfenbeinküste gesehen. Gegen Paraguay hat er dann angefangen und keine gute Figur gemacht. Also ich hätte es tatsächlich dabei belassen und ihn vielleicht ein bisschen eher gebracht.
Wittmann: Gerade nach den ersten beiden Partien hätte ich stark damit gerechnet, Undav in der Startelf zu sehen. Gegen Paraguay durfte er dann auch ran – da war es aber nicht sein Spiel. Da hätte Nick Woltemade mit seiner Größe vermutlich mehr bewegen können.
Herrmann: Ich verstehe den Punkt, dass er Einwechselspieler ist und das immer ganz gut gemacht hat. Aber durch die Aussagen von Nagelsmann vor der WM wurde das eigentlich unnötig zu dem Thema aufgebauscht. Man hat gemerkt, dass da ein persönliches Problem von Nagelsmann mit Undav ist – aus welchen Gründen auch immer.
Wen hätten Sie in der Offensive aufgestellt?
Sztaf: Sané hätte ich auf der Bank gelassen und mit den Fakten aus der Aufstellung des Ecuador-Spiels Musiala für ihn spielen lassen. So hätte ich mir Undav gegen Ecuador schon gewünscht und aus dem Resultat dieses Spiels eben Undav oder Havertz anfangen lassen – eventuell auch zusammen als Doppelsturm.
Kronbichler: Das ist ein bisschen schwierig. Ich bin eigentlich echt Havertz- und Woltemade-Fan. Havertz ist aber kein klassischer Stürmer. Und ich hätte Kevin Schade mitgenommen, weil der einfach diesen extremen Speed und dieses Robuste aus der Premier League kennt. Das fehlt uns ein bisschen auf dem Flügel – diese Geschwindigkeit. Natürlich hat Sané Geschwindigkeit, aber Sané ist immer eine Sache für sich, sag ich jetzt mal.
Renner: Im System 4-2-3-1 mit Wirtz auf der Zehn, Leweling und Musiala auf den Außen und Havertz vorne im Zentrum. Und wenn es den Bedarf gegeben hätte zu wechseln, dann auf 4-1-3-2, Woltemade für Havertz, Undav für Leweling und dann Wirtz, Musiala, Nmecha oder Amiri dahinter. Um da eben diese Kreativität vor allem gegen tiefstehende Gegner zu haben.
Wieser: Es war allgemein ein Problem, dass wir ohne wirkliche Außenspieler gespielt haben – für mich ist Wirtz keiner und Sané hätte ich auch nicht genommen. Ich fand es schade, dass wir für den Ausfall von Lennart Karl keinen adäquaten Ersatz hatten. Da haben wir noch einen zentralen Mittelfeldspieler mitgenommen. Im Endeffekt haben sie schon die besten auf den jeweiligen Positionen aufgestellt. Aber wir waren halt allgemein schlecht besetzt.
Wittmann: Undav hätte ich gegen Paraguay durch Woltemade ersetzt – allein schon wegen seines Größenvorteils. Leroy Sané bekam zwar viele Bälle, blieb mit seinen Dribblings aber fast immer hängen (auch wegen fehlender Optionen). Ihn hätte ich wohl eher gegen Leweling ersetzt. Felix Nmecha hatte zwar ein super erstes Spiel, konnte dann aber nicht mehr überzeugen. Mit Musiala wäre das Spiel vielleicht nochmal kreativer geworden.
Herrmann: Ganz schwierige Frage. Ich hätte wahrscheinlich schon ganz anders nominiert. Ich hätte Führich und El Mala mitgenommen. Ich hätte wahrscheinlich Musiala auf der Bank gelassen, weil der weit von seiner Form weg war und man in einem WM-Turnier einfach auch keine Zeit hat, zu hoffen, dass jemand jetzt doch noch in Topform kommt. Deswegen hätte ich mit Führich auf links gespielt, Havertz auf der Zehn, Wirtz auf rechts und Woltemade im Sturm, der uns in der WM-Quali besonders geholfen hat. Aber das war das nächste Problem: Du hast in den letzten Spielen vor der WM gar nichts mehr ausprobiert – immer die gleiche Aufstellung. Und im WM-Turnier kannst du das halt auch nicht ausprobieren. Du hättest die Chance gegen Ecuador gehabt, hat er aber auch nicht gemacht. Also es ist sehr schwierig zu sagen, wie man hätte anders aufstellen können, weil man sich selbst die Optionen wegnimmt.
Auf welche Angreifer sollte der DFB mit Blick auf die EM 2028 und die WM 2030 setzen?
Sztaf: Sané würde ich ersetzen, ansonsten hätte ich keine Veränderung vorgenommen. Eventuell Woltemade mehr zum Zug kommen lassen als bei der WM und auch einen Doppelsturm in Betracht ziehen.
Kronbichler: Eben Kevin Schade finde ich extrem gut, er ist kopfballstark, extrem schnell und abschlussstark eigentlich auch. Woltemade würde ich wieder mitnehmen. Wen ich noch ein bisschen sehe, ist Tresoldi, der jetzt im Sommer, glaube ich, den Schritt zu einem größeren Club macht. Und da muss man dann schauen, wie die Entwicklung ist.
Renner: Also ganz klar Lennart Karl, der hätte uns bei dieser WM wahrscheinlich schon weitergeholfen. Woltemade. Musiala und Wirtz werden trotzdem wieder wichtig werden. Und wen man weiterhin beobachten sollte, sind Maxi Beier und Nelson Weiper, den finde ich auch nicht verkehrt.
Wieser: Lennart Karl hätte uns bei dieser WM schon gutgetan. Er ist auf jeden Fall einer, auf den man für die Zukunft bauen muss. Vor der WM ist immer der Name Said El Mala gefallen, da muss man schauen, ob der seine Leistung konstant so hoch halten kann – wenn ja, ist er ein Muss. Ansonsten muss man schauen, wer aktuell performt und wer nicht. Zum Beispiel Sané spielt bei Galatasaray nicht und bei uns ist er absoluter Stammspieler. Das ist nicht optimal gelöst, finde ich.
Wittmann: An Wirtz und Musiala in Topform führt vermutlich kein Weg vorbei. Lennart Karl und Said El Mala werden in Zukunft gute Chancen haben, die Offensive zu ergänzen, wenn sie ihre Leistungen auch bestätigen können. Dazu kommt meiner Meinung nach noch Nick Woltemade – und dann wird es spannend, was vielleicht auch noch aus dem Nachwuchs hochkommt.
Herrmann: Ich denke, dass Führich und El Mala Optionen sind, besonders 2028. Aber du musst einen kompletten Umbruch machen. Du musst eigentlich alle, die die letzten drei Turniere dabei waren, raushauen und vielleicht von der Taktik etwas verändern. Wir sind weit von der Weltspitze weg und vielleicht sollten wir nicht mehr die talentiertesten Spieler mitnehmen, sondern die Spieler, die am meisten für die Nationalmannschaft brennen und auch wirklich da sein wollen. Bei manchen hatte ich das Gefühl, die wären lieber im Urlaub, als dass sie WM spielen.