„Haben keine fünf Topstars auf der Bank“

von Redaktion

War die WM eine Nummer zu groß für Pavlovic und Nmecha? Das sagen Mittelfeldspieler aus der Region

Au-Legende Franz-Xaver Pelz sieht beim DFB „eine super Truppe“.Foto Ruprecht

Wasserburgs Danilo Dittrich: „Was haben wir jetzt noch zu verlieren?“

Rosenheim/Mühldorf – Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann ist sowohl vor der Weltmeisterschaft 2026 als auch während des wichtigsten Fußball-Turniers extrem in der Kritik gestanden. Gehört Joshua Kimmich nicht eigentlich ins Mittelfeld? Sollte man an Kimmich, Goretzka und Co. festhalten oder ist es jetzt Zeit für neue, junge Spieler? Die OVB-Sportredaktion und beinschuss.de haben sich bei den Mittelfeldspielern aus der Region umgehört.

Hätte Kimmich statt Rechtsverteidiger lieber im Mittelfeld spielen sollen?

Felix Bachschmid (SV Wacker Burghausen, Regionalliga): Nein. Für mich ist Kimmich der beste Rechtsverteidiger, den Deutschland zu bieten hatte. Das Problem war für mich nicht seine Position, sondern dass er in Ballbesitz kaum als echter Rechtsverteidiger gespielt hat. Durch den ständigen Dreieraufbau ist er oft eingerückt und seine Flankenstärke kam viel zu selten zur Geltung.

Danilo Dittrich (TSV Wasserburg, Bayernliga): Ist eine gute Frage, aber ich sage ganz klar nein. Ich finde nicht, dass er den absoluten Unterschiedsspieler gibt – dass er im Zentrum so viel mehr Einfluss hat. Er ist für mich kein Thiago, kein Pedri. Er macht seine Sache gut. Aber ich glaube nicht, dass er die Mannschaft auf der Sechs zu was anderem hätte führen können. Wir haben schon Turniere gehabt, da hat er auf der Sechs gespielt, da kam dann auch nicht so viel mehr dabei rum.

Michael Summerer (TSV 1860 Rosenheim, Bayernliga): Ja, Kimmich hätte im Mittelfeld spielen müssen, da er dort einen größeren Einfluss aufs Spiel hätte nehmen können.

Maximilian Hosp (SB Chiemgau Traunstein, Landesliga): Meiner Meinung nach hätte Kimmich auf der Sechs gespielt.

Michael Gruber (TuS Raubling, Bezirksliga): Jein. Zumindest gegen die Elfenbeinküste hätte er definitiv auf der Sechs spielen sollen. Bei solch schnellen Außenspielern ist Kimmich als Rechtsverteidiger ein massives Missmatch.

Nicolai Estermann (TuS Prien, Bezirksliga): Im Nachhinein ja, von Anfang an hätte ich gesagt nein.

Franz-Xaver Pelz (ASV Au, Kreisliga): Ja, Kimmich hätte auf der Sechs spielen müssen. Wenn man sieht, wie er bei Bayern spielt – okay ja, anderes System, Vereinsmannschaft, das muss man alles ein bisschen im Blick haben –, aber wie er gespielt hat und was er gemacht hat, hat immer Hand und Fuß. Und er ist für mich auch in der Nationalmannschaft von der Position Sechs eigentlich nicht wegzudenken.

War es richtig, den noch unerfahrenen Nmecha und Pavlovic das Vertrauen auf der Doppel-Sechs zu geben?

Bachschmid: Pavlovic war nach seiner Saison für mich zum WM-Start gesetzt und auch Nmecha ist gut ins Turnier gekommen. Spätestens nach dem Ecuador-Spiel hätte ich Pavlovic aber rausgenommen, denn es war einfach nicht sein Turnier.

Dittrich: Letztendlich sind es zwei gute Spieler, die auf einem sehr hohen Niveau spielen und einfach Vertrauen brauchen. Und wenn man ehrlich ist, hatten wir auch keine anderen. Also es ist jetzt nicht so, dass wir die aufgestellt haben und noch fünf Topstars auf der Bank hatten. Am Ende des Tages waren Nmecha und Pavlovic gefühlt die Einzigen, die auf dieser Position infrage kommen. Goretzka hat lange nicht gespielt und überhaupt keinen Rhythmus gehabt.

Summerer: Für die Zukunft war es richtig. Für die WM 2026 hätte ein erfahrener Spieler im Zentrum sicher gutgetan.

Hosp: Bei mir hätte Kimmich zusammen mit Pavlovic im Mittelfeld spielen sollen, das wäre die bessere Entscheidung gewesen.

Gruber: Das war richtig, auch wenn Pavlovic leider nicht an seine Leistungen aus der Saison anknüpfen konnte. Nmecha war einer der wenigen mit guter bis sehr guter Leistung im Turnier.

Estermann: Ich hätte schon irgendwann reagiert, weil man schon gesehen hat, dass Pavlovic sich schwergetan hat. Und dafür Kimmich auf die Sechs gestellt.

Pelz: Einerseits ist es super, wenn man so zwei jungen Leuten das Vertrauen gibt. Aber zurückführend zur ersten Frage wiederum nicht, wenn man so einen Sechser wie Kimmich hat. Bei einer WM ist das vielleicht ein bisschen zu früh, die zwei Jungen dieses Jahr schon reingeschmissen zu haben. Von dem her: Vertrauen super, alles top, vielleicht als Wechselspieler, aber nicht von Anfang an. Die beste Lösung wäre für mich Kimmich und Pavlovic gewesen – so wie es bei den Bayern auch ist.

Wen hätten Sie im Mittelfeld aufgestellt? Und auf welcher Position?

Bachschmid: Zu Turnierbeginn hätte ich im defensiven Mittelfeld ebenfalls auf Pavlovic und Nmecha gesetzt. Nach den ersten Spielen hätte ich Pavlovic aber durch Amiri oder Goretzka ersetzt. Außerdem hätte ich im Spielaufbau mit einer klassischen Viererkette gespielt. Denn wir hatten bei der WM zu oft uninteressanten Ballbesitz in unattraktiven Räumen. Davor hätte ich offensiv mit Wirtz, Undav und Havertz gespielt. Vorne dann Woltemade.

Dittrich: Außer Toni Kroos hat es definitiv keiner verdient, immer spielen zu müssen. Also, ich hätte niemanden vor Nmecha und Pavlovic gesehen. Auf der Zehn kann man klar mal ein bisschen streiten, ob man dann jedes Mal mit Musiala anfängt. Der war einfach noch nicht im Rhythmus, aber auf der Sechs hätte ich genau so aufgestellt.

Summerer: Kimmich als Sechser und Pavlovic als Achter. Sie sind bei den Bayern ein eingespieltes Duo und haben in dieser Saison gemeinsam überzeugt und sich gut ergänzt.

Hosp: Ich hätte eben Kimmich und Pavlovic auf die Sechs gestellt, weil es einfach bei Bayern gut klappt. Dafür hätte ich Musiala tendenziell eher als Joker eingesetzt und wahrscheinlich Nmecha auf die Zehn gepackt. Goretzka hätte bei mir tatsächlich keine Rolle gespielt. Da hätte ich eher Stach mitgenommen oder vielleicht Groß mehr Möglichkeiten gegeben.

Gruber: Pavlovic und Nmecha zentral. Bei einem Gegner mit schnellen Außen hätte ich Nmecha und Kimmich auf die Sechs, links Wirtz, Undav als Zehnter und rechts Leweling aufgestellt.

Estermann: Ich hätte auch einfach mal den Sané rausgetan und Leweling gebracht – schlechter hätte er es nicht machen können.

Pelz: Für mich wäre es richtig gewesen, Pavlovic und Kimmich aufzustellen und Nmecha als Backup für einen der beiden, sollte mal die Kraft ausgehen.

Mit Blick auf die EM 2028 und WM 2030: Auf welche Spieler sollte man setzen und sie gegebenenfalls an die DFB-Elf heranführen?

Bachschmid: Ich halte nichts davon, wenn man Spieler aufgrund ihres Potenzials gezielt heranführen möchte. Wer sich im Verein auf höchstem Niveau beweist, sollte spielen. Wirtz und Musiala haben bei dieser WM nicht ihr bestes Turnier gespielt, aber man hat gesehen, wie wichtig Unterschiedsspieler bei großen Turnieren sind. Diesem Anspruch müssen sie 2028 und 2030 gerecht werden. Spannend finde ich für die Zukunft vor allem Bischof und Tresoldi. Entscheidend ist aber, welche Leistungen sie zeigen.

Dittrich: Einfach die jungen, hungrigen Wilden. Also, man muss Said El Mala eine Chance geben. Lennart Karl muss man reinbauen. Natürlich müssen die erst auch einmal konstante Leistungen in der Bundesliga bringen, aber was haben wir denn jetzt noch zu verlieren? Wir sind ja schon ziemlich am Boden als deutsche Nationalmannschaft. Und wenn wir jetzt nicht den jungen, hungrigen Wilden die Chance geben, machen wir uns auch irgendwo ein bisschen lächerlich.

Summerer: Für mich sind Tom Bischof, Finn Jeltsch, Said El Mala und Brajan Gruda interessante Kandidaten für die deutsche Nationalmannschaft.

Hosp: Ich glaube, Lennart Karl wird ein ganz wichtiger Faktor sein. Auch, dass Musiala wieder zur alten Stärke zurückkommt. Ich hoffe, dass es irgendeine Überraschung über die Flügel gibt – irgendwie so ein deutsches Talent, was jetzt noch hochkommt und eine Chance bekommt. El Mala ist auch spannend zu beobachten, wie er sich so macht. Wen ich recht geil finde, ist Tom Bischof, weil er einfach überall einsetzbar ist – Linksverteidiger, Sechs, Acht, Zehn. Wenn man da eine Position findet, dann könnte er richtig einschlagen. Und generell auf junge Spieler setzen. Ich glaube, dass man was erreichen könnte, jetzt, wenn Klopp das macht.

Gruber: Schlotterbeck, Brown, Nmecha, Pavlovic, Wirtz, Musiala, Karl, El Mala, Bischof, Jeltsch, Tresoldi, Eichhorn.

Estermann: Das kommt natürlich dann immer darauf an, wer sich wie entwickelt. Ich glaube, man hat da schon ein paar Kandidaten mit Bischof, Nmecha, Pavlovic. Kimmich muss ja nicht zwingend auf der Sechs spielen, wenn man hinten rechts weiterhin diese brutale Lücke hat und die Zentrumsspieler sich weiterentwickeln. Das muss man sich halt offenhalten. Kimmich kann man nie vorwerfen, dass der Wille oder der Ehrgeiz fehlt. Goretzka war eh schon länger ein Streitkandidat, um überhaupt mitgenommen zu werden. Deswegen Goretzka und Sané raus, aber Kimmich wirst du als gestandenen Spieler brauchen.

Pelz: Die Mannschaft, die bei der WM gespielt hat, ist meiner Meinung nach eine super Truppe. Man muss es nur schaffen, diese Truppe zu vereinen als Mannschaft. Ich glaube, erstens stinkt es ein bisschen von oben herab, in der Führungsebene passt irgendwas nicht. Der Nagelsmann war wahrscheinlich für die Nationalmannschaft nicht zu 100 Prozent der richtige Trainer. Wenn man dieses Team zu einer Einheit macht, dann bin ich davon überzeugt, dass das Turnier mit einem fitten Lennart Karl ganz anders ausgegangen wäre. Von dem her, ich würde jetzt nicht 20 Spieler austauschen, die Basis ist da.

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