„Wiggerl“ in Action: Warum hieß der „Beinschuss“ nicht „Fallrückzieher“?
Rosenheim – Im zweiten Teil der 30-Jahre-Beinschuss- Serie geht es um die Entstehung des Fußball-Magazins und die Beinschuss-Gründer: Ludwig Simeth und Ingomar Weiß. Noch heute sind die beiden gut befreundet und philosophieren 30 Jahre später über die damaligen Zeiten.
Kein Internet, keine Handys. Zwei PCs, ein Drucker und ein Faxgerät – damals schon das Höchste der Gefühle. Damit wurde der Beinschuss im Jahr 1996 in einem kleinen Kellerraum am Rosenheimer Stadtrand – im wahrsten Sinne da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, produziert. Simeth und Weiß sahen eine „Lücke in der Berichterstattung im unteren Amateurbereich“ und machten sich selbstständig. Niemand wusste, ob sich Aufwand und Investitionen lohnen würden. Doch 30 Jahre später ist beinschuss.de ein beliebtes Online-Portal im heimischen Amateurfußball.
Kurios: Das Jubiläums-Interview mit den beiden Pionieren führt Beinschuss-Redakteur Leon Simeth, Sohn beziehungsweise Patenkind. „Das ist schon außergewöhnlich“, schmunzelt „Wiggerl“ Simeth. „Das freut mich natürlich. Dass es den Beinschuss noch gibt und dass ausgerechnet Leon das heute macht, ist toll“, ergänzt der 60-Jährige.
Ludwig Simeth machte nach dem Abitur ein Praktikum und später ein Volontariat bei den OVB-Heimatzeitungen. „Vielleicht ging das auch über den Bärli“, erinnert sich Simeth. Mit 18 Jahren spielte er zusammen mit dem langjährigen Sportredakteur Hans-Jürgen „Bärli“ Ziegler beim Landesligisten TSV 1860 Rosenheim. Von 1990 bis 1996 studierte er Romanistik und wechselte zum Sportbund Rosenheim, wo er ab 1993 mit Ingomar Weiß kickte. Der Niederbayer war beruflich nach Rosenheim gezogen. Nach seinem Diplom-Sportökonomie-Studium arbeitete er anderthalb Jahre für die Gebrüder März AG, danach bei einer Sportwerbefirma und bei der AOK. „Aber dann, Anfang 1996, hatten wir nur noch den Beinschuss im Kopf“, erzählt Weiß.
Die Idee kam wegen der journalistischen Lücke im niederklassigen Amateurfußball. „Über die heutige A-Klasse hast du damals so gut wie nichts gelesen. Wir waren ja Fußballer, und manche haben geklagt: ‚Ich hab fünf Tore gemacht, aber davon steht ja nichts in der Zeitung‘“, sagt der 62-jährige Weiß. Simeth: „Wir haben uns sehr gut verstanden, haben uns blind vertraut und uns gut ergänzt: Der eine hatte schon journalistische Erfahrung, der andere hatte das betriebswirtschaftliche Know-how. Und gut vernetzt in der Fußballszene waren wir beide.“
Doch wie sollte das neue Fußball-Magazin heißen? Den „Kicker“ gab es schon, eine „Bananenflanke“ oder „Steilpass“ aber noch nicht. „Sechzehner“, „Elfer“ oder „Doppelpass“ waren weitere Kandidaten. Doch es wurde der „Beinschuss“. „Das hatte was Freches, Pfiffiges“, so Simeth.
Bis zur ersten Ausgabe war es aber noch ein weiter Weg: „Ein wahrer Marathon – alle Vereine kontaktieren, um an Ansprechpartner, Telefonnummern und Spielerkader zu kommen“, erklärt Weiß und ergänzt: „Da haben uns viele unterstützt – der damalige Kreisspielleiter Horst Winkler († 2015) hat uns Tabellenprogramme und Spielpläne gegeben. Damals hast du die nirgends bekommen.“ Hilfe bekamen die Beinschuss-Gründer auch von ihren Frauen: Nina Simeth und Sibylle Weiß. „Das war eine spannende Zeit, wir haben viele Fußballplätze kennengelernt, Aufstellungen abgetippt, die Hefte mit den Abonnenten-Stickern beklebt – alles händisch“, erzählt Nina Simeth. „Das war schon geil, was wir mit den spärlichen Mitteln damals geleistet haben“, sagt die gelernte Krankenschwester stolz. „Das war schon heftig. Ich hatte meinen Vollzeitjob und dann kamen noch einmal knapp 30 bis 40 Stunden für den Beinschuss dazu“, erzählt Sibylle Weiß.
Der Start verlief positiv:
„Die Resonanz war riesig“
Für alle waren die Wochenenden extrem stressig. „Wir haben die Nächte bis zu 24 Stunden durchgearbeitet“, so Simeth. „Klar, mal an die frische Luft gegangen oder was gegessen, aber eine richtige Pause gab es nicht.“ Weiß formuliert es pragmatisch: „Viel Kaffee, viel Rauchen, viel Schreiben. Jede Stunde war ein Wettlauf gegen die Zeit. Das war schon echt krass.“
Aber es lohnte sich, der Start glückte: Jede Ausgabe erschien pünktlich am Dienstag, die Abonnentenzahlen stiegen steil an und es gab von allen Seiten großen Zuspruch. „Die Resonanz war riesig – aber hinter jeder Ausgabe steckte harte Arbeit. Von der Bayernliga bis zur A-Klasse waren das jedes Wochenende an die 100 Spiele. Und wir mussten jeden Bericht selber reintippen, alle Infos telefonisch einholen oder vom Fax – ein Fax war damals das Höchste der Gefühle – abtippen: Name für Name, Tor für Tor, Rotsünder für Rotsünder. Copy-Paste gab es nicht“, erinnert sich der heutige OVB-Redakteur an die digitale Steinzeit.
Damals ganz normal: „Du rufst im Klubheim, beim Trainer oder Pressesprecher an – und es geht stundenlang keiner hin. Zum Beispiel, weil kräftig gefeiert wird und keiner das Telefon hört“, erinnert sich Weiß. Dann hebt die Wirtin endlich ab, aber alle sind schon weg. Sie weiß immerhin, „dass mia zwoa-oans gwunna ham“ und dass „da Maier Maxi – a Hund is er scho – glei zwoamoi eigschwoaßt hod“. Das war Sportjournalismus im Jahr 1996.
Die Spielinfos wie Aufstellungen und Torfolge fragten Simeth und Weiß anfangs nur bei den Heimvereinen ab, weil die Zeit nicht mehr hergab: „Da war so mancher Bericht schon von der Vereinsbrille eingefärbt. In der Euphorie des Sieges war jeder zweite eigene Treffer ein Tor des Jahres.
Aber das hatten die Beinschuss-Macher schnell bemerkt – „und immer mehr Auswärtsvereine versorgten uns dann auch mit Infos“, fügt Weiß hinzu. Wenn absolut niemand zu erreichen war, stand im Beinschuss: „Es wurden keine Informationen übermittelt.“ Allerdings war das nur in der Anfangsphase und selten der Fall. „Die Vereine waren ja dankbar und wollten natürlich ja was über sich selbst lesen. Daher wurde das schnell besser“, so Weiß.
Der Beinschuss brachte einiges an Innovation in die heimische Berichterstattung. Zum Saisonstart waren alle Kader mit Neuzugängen und Abgängen aufgelistet, es gab in jeder Liga eine Torschützenliste. „Da waren wir exklusiv, die hast du in keiner Zeitung gefunden“, erinnert sich Simeth. Zudem wurde viel über Jugendfußball berichtet. „Wir waren die Ersten, die spätere Profis schon früh auf dem Schirm hatten“, sagt Weiß mit Blick auf spätere Weltmeister und Profis wie Bastian Schweinsteiger, Thomas Hitzlsperger, Florian Heller, Leo Haas, Maxi Nicu, Benny Lauth oder Raphael Obermaier – alle tauchten im Beinschuss auf, als sie noch keiner kannte.
„Der Schweinsteiger-Papa Fredl, der damals den SV Nußdorf trainiert hat, war ein regelmäßiger Anrufer in der Redaktion“, lacht Ingomar Weiß. „Paul Pogba hat mal in Prien gespielt mit Frankreichs U17 – gegen Julian Draxler, Antonio Rüdiger und Loris Karius. Ebenso waren Größen wie Toni Kroos, Leon Goretzka, Niklas Süle und Julian Brandt mit der Jugend-Nationalmannschaft in der Region am Ball. Wir hatten schon große Namen hier“, erinnert sich Simeth.
Ebenso war im Rosenheimer „Minikicker“ halbjährlich die Elf der Vorrunde oder des Jahres, gewählt von Experten, abgebildet. „Jeder Trainer benannte seine beste Elf, die haben wir alle klein abgebildet, und in einer großen Grafik natürlich auch die Traum-Elf jeder einzelnen Liga abgebildet. „Das war schon etwas Besonderes damals“, unterstreicht Weiß.
Besonderheiten erlebten die Beinschuss-Herausgeber auch im amüsanten Sinne. „Ich weiß noch, als die Sechziger Landesliga-Meister geworden sind, haben uns die siegestrunkenen Spieler im Büro förmlich überfallen“, lacht Weiß.
„Einmal habe ich mir die Achillessehne gerissen, aber ich musste erst den Beinschuss fertigmachen, bevor sie mich operieren konnten. Dann bin ich da mit dem hochgelagerten Fuß gesessen und habe gearbeitet“, erzählt der 62-Jährige, der heute seine Fußball-Akademie in Popayán (Kolumbien) leitet. „Das ging mir auch mal mit einem doppelten Bänderriss so. Da hast du zwei Tage gearbeitet und dich dann mal um den geschwollenen Knöchel gekümmert“, ergänzt Simeth. „Oder als Nina hochschwanger mit Pudeldame Lisi – dem Hund meiner Mama, bei ihr haben wir ja im Keller gearbeitet – auf dem Schoß Aufstellungen abgetippt hat.“
Spieler mit falschem Pass
fliegt im Beinschuss auf
Oft mussten manche Spieler bewusst aus der Mannschaftsaufstellung entfernt werden. „Dadurch, dass erstmals Aufstellungen und Spielberichte drin waren, haben sich manche Vereine an uns gewendet und gesagt: ‚Der Hans Huber darf nicht vorkommen, weil er krankgeschrieben ist.‘ Damit der Chef nichts im Beinschuss liest“, schmunzelt Simeth. „Aber wenn er dann ein Tor gemacht hat, wollte er es in der Torschützenliste schon nachgetragen haben“, lacht Weiß. In der Kreisklasse hat damals ein Spieler „die ganze Liga schwindelig gespielt“. Bis der wirkliche Schwindel durch die Fotos im Beinschuss ans Licht kam. „Das war irgendein Profi aus Südosteuropa, der mit einem falschen Pass gespielt hat und durch unsere Bilder entlarvt wurde“, so Simeth.
Neben der umfangreichen Beinschuss-Arbeit am Wochenende waren beide selbst aktiv im heimischen Fußball: Wiggerl Simeth spielte beim SB/DJK Rosenheim und Ingomar Weiß trainierte die Reserve des TSV 1860 Rosenheim – beide in der Bezirksliga. An die direkten Duelle können sie sich nicht erinnern. „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt gespielt habe. Ende 1996 habe ich aufgehört“, erklärt Simeth. „Das war extrem stressig, eine extreme Doppelbelastung“, erzählt Weiß. „Du arbeitest vor dem Spiel und musst danach sofort wieder ins Büro. Als Trainer musst du dich ja um einiges kümmern: mit Spielern und der Abteilungsleitung reden, Spiele und Trainings vor- und nachbereiten. Das war einfach zu viel“, blickt der ehemalige Trainer zurück.
Heute hätte es Simeth anders gemacht: „An dem Tag, wo wir angefangen haben, hätten wir beide sagen sollen, wir hören auf zu spielen und der Ingomar hört als Trainer auf – volle Konzentration auf den Beinschuss.“ Knapp ein halbes Jahr spielte er beim SBR, bevor der Mittelfeld-Stratege eine Pause einlegte. „Wir hatten ein Heimspiel, ich habe in der Früh noch gearbeitet, war eh schon spät dran, im letzten Moment dann noch schnell was essen und alles – das ist ja keine Spielvorbereitung. Dann bin ich mit dem Fahrrad von Fürstätt zum SBR gefahren und bei einer Kreuzung mit rechts vor links einfach weitergefahren. Zwei Mädels, die ihr Altpapier wegbringen wollten, kamen von rechts und sind mir in die Seite gefahren. Da wusste ich: ‚Das ist jetzt ein Zeichen‘“, dachte Simeth. „Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert.“ 1999 hörte er beim Beinschuss auf und Weiß machte alleine weiter. „Ich bin 1998 und 2000 Vater geworden, von dem her konnte Nina auch nicht mehr helfen.“
„Dann war A die Überlegung, ob sich das zu zweit langfristig rentiert. Und B familiär natürlich: Mit zwei Kindern das ganze Wochenende arbeiten ist auch nicht so einfach“, schildert Weiß. „Also haben wir gemeinsam die Entscheidung getroffen: Ich mache weiter und du gehst zum OVB“, ergänzt der Niederbayer. „Wir waren beim Skifahren und haben gesagt: ‚Wir machen das so und Punkt‘“, erinnert sich Simeth an die reibungslose Trennung. Seitdem arbeitete der Redakteur für die OVB-Heimatzeitung, wo er heute für die „3 Ws“ zuständig ist: Wiesn, Wahlen, Weihnachtsspendenaktion.
Ingomar Weiß hatte zu dieser Zeit schon mehrere Mitarbeiter und machte den Beinschuss bis 2006, ehe Martin Weidner (Bericht folgt im Laufe der 30-Jahre-Beinschuss-Serie) übernahm. „Ich bin dann irgendwann krank geworden – ich hatte einen Ruhepuls von 110. Das habe ich noch nicht so gemerkt, aber es war klar, dass ich bald die Bremse reinhauen musste“, erzählt Weiß.
Heute ist Ingomar Weiß in Kolumbien bei seiner AAFP – der „Academia Alemana de Fútbol Popayán“ (Deutsche Fußball-Akademie Popayán) – tätig. Er gründete die Fußballschule im Jahr 2017 mit dem Ziel, junge Kicker, vor allem aus den ärmeren Küstenregionen Kolumbiens, zu entdecken, sie auszubilden und ihnen den Weg zum Profi-Fußball zu öffnen. Knapp die Hälfte des Jahres verbringt er daher in Südamerika, wohnt aber noch in Deutschland. Bis 2022, als es die „Weißens“ zurück in die niederbayerische Heimat nach Mallersdorf-Pfaffenberg zog, wohnte er mit Sibylle in Kolbermoor.
Abschließend lässt Wiggerl Simeth die Beinschuss-Zeit Revue passieren. „Mit Menschen reden, telefonieren, sie treffen – das hat richtig Spaß gemacht. Dann hat man ein Bild vor sich, das man beschreiben kann: Ob der Torjäger klein und quirlig ist oder groß und wuchtig“, betont Simeth und überträgt dies auf das alltägliche Leben: „Das ist mein Rat im heutigen Medienzeitalter: dass man auch in diesen Zeiten den Kontakt zu den Menschen findet. Eine Stimme ist was ganz anderes als eine E-Mail. Das macht es doch aus, das Menschliche.“