Offener Brief an das IOC

von Redaktion

A4U-Gründer und -Vorsitzender Jens Steinigen warnt vor der Rückkehr Russlands in den Weltsport

Siegsdorf – Seit das Internationale Olympische Komitee (IOC) Sanktionen gegen das Russische Olympische Komitee (ROC) aufgehoben hat und russische Athleten nach über drei Jahren wieder an internationalen Wettbewerben teilnehmen dürfen, ist beim Verein Athletes for Ukraine (A4U) nichts mehr wie es war. „Mit großem Entsetzen haben wir die Entscheidung zur Kenntnis genommen, dass die Rückkehr Russlands in den Weltsport geebnet wurde“, sagt Jens Steinigen, Biathlon-Olympiasieger von 1992 und Gründer von Athletes for Ukraine, aus Siegsdorf. Der Verein wurde am 6. März 2022 ins Leben gerufen, also kurz nach Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine. In einem offenen Brief hat sich Steinigen jetzt an das IOC und direkt an Präsidentin Kirsty Coventry gewandt.

„Unser Verein ist vielfältig gemeinnützig tätig, liefert und verteilt zum Beispiel Hilfsgüter in die Ukraine, setzt sich für die Integration Geflüchteter, vor allem von Kindern, ein, betreibt Wiederaufbauhilfe vor Ort in der Ukraine und unterstützt auch ukrainische Sportler. A4U handelt ganz im Sinne der olympischen Bewegung, den Sport in den Dienst der Menschheit zu stellen, dadurch den Frieden zu fördern und zur Schaffung einer friedlichen und besseren Welt beizutragen“, schreibt der Siegsdorfer und berichtet über seinen letzten Besuch 2025 in der Ukraine.

„Als wir dort waren, um Hilfsgüter zu übergeben, mit unseren Freiwilligen vor Ort zu sprechen, diese zu motivieren, nach unseren Projekten zu sehen und Verantwortliche vor Ort davon zu überzeugen, den Kindern, die unter dem Krieg besonders leiden, durch Sport etwas Normalität, Selbstvertrauen und Zukunftsperspektive zu geben, konnten wir die Schrecken des Krieges hautnah erleben“, heißt es. Körperlich erschöpft und vor allem mental von den Eindrücken geprägt, habe man mit den Menschen in der Ukraine auf die nächtlichen Luftangriffe aus Russland gewartet, die der tagtägliche Luftalarm ankündigt. Es gebe fast täglich Tote und Verletzte durch die massiven russischen Luftangriffe. All das sei der alltägliche, unfassbare Wahnsinn in der Ukraine.

„Ich habe auf unserer Reise in Bucha die Stätten unfassbaren Grauens gesehen, die die russische Besatzung für die Bevölkerung der Ukraine mit sich bringt. Die russischen Soldaten sind dort mit Listen von Haustür zu Haustür gegangen, auf denen Namen von Einwohnern standen. In der Kleinstadt mit rund 30.000 Einwohnern wurden in den 33 Tagen unter russischer Besatzung 509 Einwohner ermordet. Von 37 Einwohnern, die nach Russland verschleppt wurden, fehlt immer noch jede Spur“, heißt es weiter. Steinigen selbst habe lange benötigt, um all das Erlebte zu verarbeiten.

Der Siegsdorfer weist auch darauf hin, dass es keine „neutralen Athleten“ in Russland gibt. Jeder Sportler, ausgenommen vielleicht Tennis- und Fußballprofis, sei in Russland bei einer staatlichen Behörde angestellt, sehr, sehr viele seien bei der Armee. Wörtlich heißt es: „Der russische Sport unterstützt den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands, den Völkermord am ukrainischen Volk!“ Die ehemalige russischen Weltklasse-Biathletin Olga Zaitseva habe zur Teilnahme am Krieg aufgerufen und möchte selbst als Soldatin daran teilnehmen. Der frühere ROC-Präsident Stanislav Pozdnyakov habe im September 2022 betont, dass der Dienst im Militär eine „ehrenvolle Pflicht jedes Bürgers, einschließlich der Mitglieder der Nationalmannschaften“ sei und die Sportler dazu aufgefordert, sich im Rahmen der Mobilmachung zur Verfügung zu stellen.

Steinigen schreibt ganz deutlich: „Russische Athleten helfen der russischen Diktatur bei der Kriegspropaganda. Sie helfen dabei, alle Gesellschaftsschichten in Russland für den Völkermord am ukrainischen Volk zu begeistern. So nahmen die russischen Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2022 etwa im März 2022 an der Propagandashow für den russischen Angriffskrieg im Moskauer Luschniki-Stadion teil, um gemeinsam mit Diktator Putin in der russischen Bevölkerung für die Unterstützung des russischen Angriffskrieges zu werben. Russland wird die sportlichen Erfolge seiner Athleten auch weiter für seine Kriegspropaganda missbrauchen.“

Und der A4U-Gründer und -Vorsitzende nennt auch Zahlen: hunderttausende Tote, Verstümmelte, zerstörte Leben und Träume, tausende vergewaltigte Frauen, zehntausende entführte Kinder, tausende zerstörte ukrainische Dörfer und Städte, Tod von fast 1.000 ukrainischen Sportlerinnen und Sportlern. Und weiter: „Die Teilnahme russischer Athleten am internationalen Sport unterstützt den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und verstößt gegen den Friedensauftrag des IOC. Wer russischen Athleten die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ermöglicht, unterstützt damit auch die russische Kriegspropaganda.“

Der Sinn der olympischen Bewegung, den Sport in den Dienst der Menschheit zu stellen, dadurch den Frieden zu fördern und zur Schaffung einer friedlichen und besseren Welt beizutragen, habe die Welt inspiriert. Niemand, dem diese Werte wichtig sind, dürfe sich für die russische Kriegspropaganda benutzen lassen. Deshalb dürfe es keine Teilnahme von russischen Sportlern am internationalen Sport geben, solange Russland diesen Krieg gegen die Ukraine, letztlich auch gegen uns alle, führt. Und abschließend: „Wir müssen gemeinsam verhindern, dass der internationale Sport von Russland für seine Kriegspropaganda missbraucht wird, wie das in der Vergangenheit regelmäßig geschehen ist und auch weiter erfolgen wird, wenn russische Athleten in den internationalen Sport zurückkehren.“

Steinigen fleht die IOC-Präsidentin am Ende seines Briefes förmlich an: „Ich bitte Sie, alles zu tun, um die Teilnahme von russischen Sportlern am internationalen Sport, die den Friedensauftrag des IOC nicht klar unterstützen, zu verhindern. Ich bitte Sie auch, gemeinsam mit mir in die Ukraine zu fahren, damit Sie sich selbst ein Bild davon machen können, was der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg dort anrichtet. Wir müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen und dürfen nicht wegschauen, wenn Russland Krieg, Tod, Zerstörung und Unterdrückung über die Menschen bringt!“

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