Ulf Kirsten bekam den ersten Beinschuss

von Redaktion

Der „Beinschuss“ feiert sein 30-jähriges Bestehen. 1996 erschien die erste Ausgabe des regionalen Fußball-Magazins aus Rosenheim – und schlug ein wie eine Bombe! Heute ist beinschuss.de ein beliebtes Online-Portal. Die OVB-Sportredaktion und beinschuss.de machen eine Zeitreise durch 30 Jahre Amateurfußball und alte Schlagzeilen: kuriose Geschichten, prominente Namen, lustige Anekdoten.

Saisonstart beim TSV 1860 Rosenheim nach Tests gegen Bayern München und Olympiakos Piräus.

Die erste Beinschuss-Auflage vom 30. Juli 1966.

Rosenheim – Heute vor exakt 30 Jahren – am 30. Juli 1996 – ist die erste Ausgabe des regionalen Fußball-Magazins „Beinschuss“ erschienen. Zum Jubiläum startet die OVB-Sportredaktion zusammen mit beinschuss.de die Serie „30 Jahre Beinschuss“. Im ersten Teil dreht sich alles um die Premieren-Ausgabe der ersten regionalen Amateurfußball-Zeitschrift.

Der erste Beinschuss umfasste 32 Seiten, gedruckt in Schwarz-Weiß. Rot eingefärbt war lediglich der Beinschuss-Schriftzug sowie Werbungen der Sparkasse, des Autohauses Opel Vodermayer, vom Sporthaus Güthlein und ein Platzhalter. Auf dem Titelbild grüßt Leverkusens Ulf Kirsten mit dem Beinschuss in der Hand – ein paar Tage zuvor gastierte die Werkself zum Testspiel in Raubling. In die Kamera hält der Bundesliga-Torjäger ein Beinschuss-Probeexemplar vom 4./5. Mai 1996, das entwickelt wurde, um Werbepartnern und Lesern einen Einblick in die geplante Fußball-Zeitschrift zu bieten. Darunter steht: „Für einen Beinschuss ist Schlitzohr Ulf immer zu haben…“ Betitelt wurde die erste Ausgabe des „Mini-Kickers“ mit Nr. 31/96 (Kalenderwoche 31, Jahr 1996; Anm. d. Red.), Heft 1. Das Datum schaffte es erst in der dritten Ausgabe (13. August 1996) auf die erste Seite. Der Beinschuss erschien wöchentlich jeden Dienstag – zurückgerechnet kam Heft 1 also am Dienstag, den 30. Juli 1996, heraus.

Oben auf dem Deckblatt steht „Beinschuss regional“ fett in Rot. Darüber „aktuell – kritisch – informativ“. Alle drei Aspekte trafen zu: Der Beinschuss war jede Woche am Dienstag im Postkasten sowie beim Zeitungshändler im Regal zu finden – für die damalige Zeit brandaktuell, nachdem die Nächte am Wochenende durchgearbeitet wurden. Über den niederklassigen Amateurfußball wurde nur beschränkt berichtet, daher war der Beinschuss höchst informativ. Und mit Kritik sparte die Redaktion keineswegs. „Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn man absteigt – auch wenn Glücksgöttin Fortuna den 60ern nicht gerade hold war“, heißt es auf Seite fünf. Kirsten wird als „Kraftpaket mit frechem Bürstenhaarschnitt“ beschrieben.

Auf der zweiten Seite ist der Abo-Coupon abgedruckt. Drei Deutsche Mark kostet die Ausgabe, 120 DM für 40 Ausgaben pro Jahr. Daneben findet man ein Inhaltsverzeichnis sowie einen kleinen Text der Redaktion: „Liebe Leser, endlich ist es soweit. Die Saison 96/97 steht vor der Tür und die erste offizielle Ausgabe von ‚Beinschuss regional‘ ist auf dem Markt. (…) Wir wünschen Ihnen und allen Fußballvereinen eine erfolgreiche und interessante Fußballsaison.“ Verantwortlich für den Inhalt: Ludwig Simeth und Ingomar Weiß – die Beinschuss-Gründer werden die Protagonisten der folgenden Teile der 30-Jahre-Beinschuss-Serie sein.

In der ersten Ausgabe der Rosenheimer „Fußballerbibel“ standen die Amateurkicker von der Regional- bis zur Bezirksliga vor dem Auftakt-Wochenende der neuen Saison. Dabei wurden – Liga für Liga – die heimischen Mannschaften vorgestellt. Los geht es mit dem TSV 1860 Rosenheim, der in der Vorsaison aus der heutigen Regionalliga (siehe Infobox) abstieg und nun unter der Leitung von Trainer Bernd Weiß und Co-Trainer Emil „Zico“ Kammerer in der Bayernliga an den Start ging. Groß abgebildet ist das Mannschaftsfoto, darauf zu sehen sind unter anderem Mario Brandl, Franz Höhensteiger, Thomas Rothstein, Stefan Mayr, Andi und Gerald Schunko, Armin Parstorfer sowie Abteilungsleiter Peter Wimmer. Daneben eine Übersicht der Testspielergebnisse mit einer 1:7-Pleite gegen Bayern München und 1:2 gegen Olympiakos Piräus. Bei der Rosenheimer Stadtmeisterschaft spielten die Sechziger gegen Westerndorf 1:1, gewannen gegen Türkspor 2:0 und schossen Pang (6:0) und Happing (9:0) ordentlich ab. Auf der nächsten Seite sind der 1860-Kader und die Spielerwechsel aufgelistet, zudem ist die voraussichtliche Mannschaftsaufstellung für das erste Ligaspiel gegen Ismaning zu sehen.

Im Interview zeigt sich Trainer Bernd Weiß gedämpft optimistisch. „Ein Platz unter den ersten drei bis fünf sollte möglich sein, wenn es uns gelingt, das spielerische Potenzial der Mannschaft voll auszuschöpfen“, sagte Weiß vor seiner sechsten Saison bei den Sechzigern. Abteilungsleiter Hans Klinger spricht sehr zuversichtlich über die bevorstehende Spielzeit: „Ich bin überzeugt davon, dass die Mannschaft das Zeug dazu hat, den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen.“ Unten auf der Seite – etwa genauso groß wie die beiden Interviews – ist eine Werbung der ehemaligen Rosenheimer Diskothek „Cäsar‘s“ abgedruckt – der Inhaber: 1860-Trainer Bernd Weiß. Auf den folgenden Seiten werden alle anderen Bayernliga-Vereine mit einem kleinen Text und der Auflistung des Kaders sowie Transfers vorgestellt.

In der Landesliga wurde explizit der 1. FC Traunstein beleuchtet. Im Jahr zuvor belegten die Chiemgauer überraschend den dritten Platz – obwohl der FC vor der Saison als Abstiegskandidat abgestempelt wurde. „Letzte Saison passte einfach alles zusammen. (…) Der dritte Platz war für uns eine sensationell gute Platzierung“, resümierte die niederbayerische Trainerlegende Helmut Wirth, der im März 2026 verstarb, im Interview und wies sein Team als Titelkandidaten ab. Mit in der Landesliga spielten damals unter anderem Freilassing, Ampfing und die Amateure der SpVgg Unterhaching.

Aus heutiger Sicht bietet die Bezirksliga Ost der Saison 96/97 eine wilde Mischung: Mit Wasserburg, Erlbach, Deisenhofen und Heimstetten spielten vier heutige Bayernligisten mit. Gleich vier Rosenheimer Derbys gab es zwischen dem SB/DJK Rosenheim (heute Bezirksliga), dem TSV 1860 II, dem SV Westerndorf (beide heute Kreisliga) und dem ESV, der nun in der A-Klasse spielt.

Beim SBR wurde spekuliert, ob ein Vizeweltmeister für die Grün-Weißen auflaufen würde. Trainer Norbert Eder († 2019), der im WM-Finale 1986 gegen Maradonas Argentinien verlor, wechselte sich in der Vorbereitung mehrfach selbst ein. Die Personalsituation bei den Rosenheimern war prekär und bei der Stadtmeisterschaft reichte es nur für Platz sechs. „Eine Blamage. Mit Fußball hatte das nichts zu tun“, ärgerte sich Eder. Und tatsächlich wurde der Trainer zum Spielertrainer: Eder brachte es sogar auf 21 Punktspiel-Einsätze. Nach der Spielzeit war allerdings Schluss: Im Sommer 1997 schmiss der Ex-Nationalspieler nach internen Schwierigkeiten hin.

In der Bezirksliga kam es zu einem Beinschuss-internen Aufeinandertreffen zwischen den Herausgebern Ludwig Simeth, Mittelfeldspieler beim Sportbund, und Ingomar Weiß, Coach bei 1860 II. Ein weiterer bekannter Name – auch aus Sicht der OVB-Heimatzeitungen – ist ESV-Aufstiegstrainer Hans-Jürgen „Bärli“ Ziegler. Der langjährige OVB-Sportchef legte sein Amt im Sommer 96 nieder.

ESV-Verteidiger Christian „Wiggerl“ Donbeck traf damals als Spieler auf den TSV Wasserburg, am vergangenen Dienstagabend empfing er die Löwen als Trainer des FC Sportfreunde Schwaig. Dass er bei den Mannen vom Flughafen einen guten Job macht, steht außer Frage: Vor einem Jahr schaffte Donbeck mit dem FC den Aufstieg in die Bayernliga und am Dienstag schickten sie die Wasserburger mit 5:1 zurück an den Inn.

Im Kader des SV Westerndorf sind mehrere bis heute vertraute Namen zu finden: Harald Melnik war lange Trainer bei Westerndorf und Ostermünchen. Michael Jackl, Thomas Rohner und Ludwig Kollmer kickten damals für den SVW, heute laufen deren Söhne Michael und Marinus Jackl, Daniel Rohner und Maximilian Kollmer (zugleich Sportlicher Leiter) an der Römerstraße auf.

Danach kommt der Meggle-Cup in Edling, wo sich der SBR zum Sieger krönte. Walter Edbauer schoss den SBR im Finale gegen Wasserburg zum Titel. Torschützenkönig wurde Edlings Axel Stillner mit sieben Treffern. Fünf davon machte er beim 10:3 über Genc. Wasserburg. Knapp die halbe Seite zeigt allerdings eine Anzeige von Betten Klobeck. „Zeigen Sie Ihrer ‚Alten‘ die Rote Karte und leisten Sie sich eine ‚Neue‘…“, heißt es darin doppeldeutig.

Mit einem echten Highlight wird die Premieren-Beinschuss-Ausgabe beendet: Bayer 04 Leverkusen gastierte zum Vorbereitungsspiel in Raubling. Viele prominente Namen fanden den Weg ins Inntalstadion. In der ersten Halbzeit setzte Trainer Christoph Daum auf die B-Elf um Carsten Ramelow und Robert Kovac. Das Stammpersonal sahen die über 1.000 Zuschauer in Raubling erst im zweiten Durchgang. Dafür waren mit Christian Wörns, Jens Nowotny, Paulo Sergio – der Brasilianer wurde 1994 zusammen mit Ronaldo, Romario und Cafu Weltmeister sowie 2001 mit dem FC Bayern Champions-League-Sieger –, Hans-Peter Lehnhoff, Nico Kovac, dem heutigen TV-Experten Erik Meijer und Publikumsliebling Ulf Kirsten, der von der Beinschuss-Redaktion mit Dynamit-Wadln beschrieben wurde, einige namhafte Profis auf dem Feld. Am Ende gewann die Werkself mit 9:0, den Raublingern wurde der Ehrentreffer verwehrt. Für den TuS spielten unter anderem Keeper-Legende Uli Maier, der den Leverkusenern einen zweistelligen Erfolg mit „tollkühnen Hechtsprüngen“ verwehrte, Gottfried und Markus Kellerer, Clemens Zanetti, Zarko Jukic sowie Klaus Schöffel und Klaus Ziemba, deren Söhne heute noch für Raubling spielen. Lukas Schöffel (spielte über zehn Jahre beim TuS) wechselte vor einem Jahr nach Kiefersfelden, Valentin Schöffel, Luca und Julian Ziemba gehören zum aktuellen Bezirksliga-Kader.

Die Torfolge sowie die Entstehung der Buden beim Leverkusener 9:0-Sieg war im Beinschuss aufgelistet. TuS-Coach Roland Hattenberger „grantelte“: „Die Hälfte der Treffer haben wir quasi selber erzielt.“ Torjäger Kirsten blickte im Gespräch mit der Beinschuss-Redaktion positiv auf die bevorstehende Saison und den neuen Trainer: „Mit Christian Daum (Anm. d. Red.: Kannte er den Vornamen seines Trainers noch nicht oder war auch der Beinschuss nicht fehlerlos?) geht es sicher aufwärts. Er steht auf meine Art, Fußball zu spielen. Das kommt mir zugute.“

„Jungs, blast die Backen auf“, heißt es auf der Rückseite der ersten Ausgabe mit Blick auf Heft 2 und den Saisonstart in den unteren Klassen, die im ersten Teil nicht berücksichtigt wurden. Darunter nahm ein riesiger Werbe-Platzhalter über die Hälfte der letzten Seite ein. Nun dürfen Sie, liebe Leser, die Backen aufblasen und sich in den weiteren Teilen der 30-Jahre-Beinschuss-Serie auf eine Zeitreise durch 30 Jahre Amateurfußball mit unterhaltsamen und interessanten Geschichten freuen.

Damals gab es noch keine Kreisliga

Artikel 1 von 11