„Da geht es jetzt um eine einmalige Chance“

von Redaktion

Nach der Hälfte der Saison in der Tennis-Bundesliga führt 1860 Rosenheim das Feld mit 9:1 Punkten an. So gut standen die Sechziger in der Vereinshistorie noch nie da. Im Interview erklärt Teammanager Lukas Jastraunig, warum es so gut läuft, welche Spieler ihn besonders beeindrucken und wie groß nun die Chance auf den Meistertitel ist.

Rosenheim – Vier Spiele haben die Sechziger in der aktuellen Saison noch zu bestreiten. Sie führen die Tabelle mit 9:1 Zählern an, dahinter folgen Aachen (8:2), Bredeney und Großhesselohe (je 7:3) sowie Mannheim (6:4). Am Freitag treten die Rosenheimer zum Derby in Großhesselohe an, am Sonntag ab 11 Uhr steht das Heimspiel gegen Schlusslicht TC Schießgraben Augsburg auf dem Programm. Der 37-jährige Jastraunig spricht mit der OVB-Sportredaktion über die große Titelchance und darüber, wie kompliziert die Kaderzusammenstellung an den einzelnen Spieltagen ist. Wie als Beweis ploppt bei Jastraunig kurz vor dem Ende des Interviews auf, dass Hugo Dellien beim Turnier in San Marino verletzungsbedingt aufgeben musste und fürs Wochenende ausfällt. „Alles gut, das kriegen wir hin“, lässt sich der Österreicher nicht aus der Ruhe bringen. Zu gut ist die bisherige Bundesliga-Spielzeit verlaufen.

Das Team Marc O’Polo von 1860 Rosenheim deutscher Tennis-Meister – wie hört sich das für Sie an?

Das wäre einfach unglaublich, schon fast surreal.

Was muss passieren, damit es real wird?

Na ja, es hängt natürlich auch vom Finanziellen ab. Ob wir das zusammenkriegen, sodass wir wirklich jede Partie in der vollen Besetzung spielen können. Und natürlich auch, wie diese Turniertage verlaufen und welche Spieler wir zur Verfügung haben.

Es hängt also auch vom persönlichen Erfolg bei anderen Turnieren ab?

Genau. Am Freitag ist meistens das Viertelfinale – und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass da die besten Spieler noch im Wettbewerb sind.

Im Gegensatz zu anderen Mannschaften hat 1860 noch nicht so viele Spieler in Amerika drüben, oder?

Nein. Ofner ist schon in Amerika drüben, Guinard und Miedler. Der Rest ist eigentlich noch in Europa.

Jetzt wartet am Freitag ein Derby, das auch ein Spitzenspiel ist.

Ich finde die Partie jetzt nicht unbedingt so entscheidend. Natürlich wäre es gut, wenn wir einen Punkt machen, aber der Sieg gegen Großhesselohe ist nicht Pflicht. Großhesselohe wird ziemlich sicher gut aufgestellt sein.

Wenn Sie die bisherigen Spieltage beurteilen: Müssen Sie sich nicht manchmal die Augen reiben?

Ja, vor allem wenn man bedenkt, wie wir begonnen haben. In Berlin, als wir eigentlich gesagt haben: Da geht es gegen den Abstieg. Diese Partie dürfen wir nicht verlieren. Und dann steht es nach den Einzeln 2:2, es hätte aber auch 1:3 stehen können. Und dann gewinnst du die zwei Doppel noch im Match-Tiebreak. Also, das hätte schon einmal in eine ganz andere Richtung laufen können.

Das ist auch bei den letzten beiden Heimsiegen so gewesen, oder?

Ja, definitiv. Vor allem das letzte Match, da steht es 0:2 gegen Gladbach, mit Giustino noch gegen van de Zandschulp, wo du jetzt nicht Favorit bist, in der zweiten Runde. Aber mit den Zuschauern im Rücken, die Lorenzo wirklich zum Sieg getragen haben, war das schon herrlich zum Anschauen.

Es war der erste Auftritt von Lorenzo Giustino heuer für Rosenheim. Er hat gleich bewiesen, wie wertvoll er seit Jahren schon für die Mannschaft ist!

Er ist einer der wichtigsten Spieler in der Mannschaft. Es war heuer so ausgemacht, dass er die ersten vier Partien nicht spielen wird, weil er noch die kleineren Challenger-Turniere spielt und dann eben ab der fünften Partie wieder voll dabei ist.

Welcher Spieler hat Sie bislang besonders begeistert?

Stefano Napolitano spielt eine richtig gute Saison. Er hat sich schon zu einem Stammspieler gemacht. Er spielt auch wirklich für den Verein, das merkst du. Und natürlich Andrew Paulson, der jedes Jahr im Doppel unglaublich spielt und auch im Einzel gute Leistungen bringt. Er spielt immer mit Abstand sein bestes Tennis bei uns. Man merkt halt einfach, dass wir diese Spieler, diesen Stamm die letzten Jahre schon zusammenhaben, und dass das immer besser wird. Wir haben jetzt nicht wirklich einen aktuellen Top-100- oder Top-50-Spieler im Kader. Aber dadurch, dass wir so einen guten Teamgeist haben, wachsen die auch über ihre Verhältnisse hinaus. Und das merkt man vor allem im Doppel.

Wie nervenaufreibend ist denn diese Woche? Wie oft schauen Sie aufs Handy und beobachten die Turnierergebnisse?

Vor allem diese Woche mit dem Freitag-Spieltermin ist extra spannend. Da läutet das Handy ständig und in jeder Pause wird mal kurz abgecheckt, wie die Gegner oder auch unsere Spieler gerade spielen, damit man dann sofort reagieren kann, damit der nicht gleich zum nächsten Turnier abreist, sondern weiß: Okay, wir brauchen dich.

Nach welchen Kriterien basteln Sie dann das Aufgebot für den Spieltag zusammen?

Wenn ich mehrere Spieler zur Verfügung habe, schaue ich immer, dass die Spieler, die ich im Einzel zur Verfügung habe, auch mit den jeweiligen Doppelspielern, die ich habe, zusammenpassen. Federico Gomez ist da ein super Beispiel. Er ist ein super Einzelspieler und wirklich ein sehr guter Doppelspieler. Und wenn ich jetzt weiß, ich habe Jiri Vesely zur Verfügung, dann schaue ich auch, dass ich Gomez dazu holen kann. Und wenn ich Paulson habe, dann will ich Guinard oder Nouza dabei haben. Weil ich weiß, dass die sehr, sehr gut harmonieren. Ich schaue, dass sich das mit Doppel- und Einzelspielern gut ergänzt und natürlich auch, wo die in der nächsten Woche hinmüssen – nicht, dass die während des Spiels mit dem Kopf quasi schon wieder im Flieger sitzen.

Sie haben gesagt, dass die Titelchance auch vom Finanziellen abhängig ist. Was muss noch gemacht werden, damit der bestmögliche Kader aufläuft?

Unser Budget ist eigentlich ganz klar für den Klassenerhalt ausgelegt. Wir können mit diesen ganz klassischen Meisterteams wie Gladbach, Aachen, Bredeney oder Großhesselohe finanziell nicht einmal annähernd mithalten. Und wir haben ja auch noch am dritten Spieltag, als wir gegen Bredeney den Punkt gemacht haben, gesagt: Okay, jetzt haben wir fünf Punkte, jetzt sollten wir den Klassenerhalt geschafft haben. Wir haben bis jetzt nie damit gerechnet, dass wir wirklich um den Meister mitspielen können. Wir haben wirklich super, super tolle Sponsoren und es hilft auch wirklich jeder mit, damit wir da noch einmal ein kleines Budget zusammenkriegen. Am Ende des Tages fehlt uns noch knapp ein Spieltag, damit wir wirklich noch einmal mit zwei Doppelspielern extra und Ersatzspielern antreten können.

Sie kennen jetzt die Liga schon ein paar Jahre, Sie wissen, was in Rosenheim machbar ist: Sagen Sie, dass das jetzt vielleicht eine einmalige Chance ist?

Ja, ich glaube, dass das wirklich eine einmalige Chance ist. Und das spüren wir alle im Verein auch. Deswegen versuchen wir jetzt, Vollgas zu geben. So schnell kommt das nicht mehr, dass wirklich alles so läuft, wie wir das erhofft haben. Da geht es jetzt wirklich um eine einmalige Chance. Die wollen wir natürlich auch nutzen.

Das M-Wort, sprich Meisterschaft, ist jetzt nicht verboten, oder?

Nein, es ist natürlich nicht verboten. Wir wissen alle: Es sind noch vier Partien zu spielen, das ist noch fast die Hälfte der Saison. Da kann noch immer viel passieren. Aber auch unsere Auslosung mit Augsburg, Köln, Mannheim ist jetzt nicht so schlecht. Die anderen Mannschaften haben viele Spitzenspieler nicht mehr zur Verfügung. Wenn wir gegen Großhesselohe einen Punkt machen, dann sind wir vor dem letzten Wochenende wahrscheinlich noch einmal Tabellenführer und spielen dann wirklich komplett mit. Und das ist unser Ziel.

Rosenheim deutscher Meister in der Tennis-Bundesliga: Das ist ungefähr so wie früher Kaiserslautern als Aufsteiger Meister in der Fußball-Bundesliga oder Leicester City Premier-League-Sieger in England, oder?

Ja, definitiv. Das kann ich nur unterschreiben.

Das Wunder von Rosenheim?

Ja, es wäre wirklich ein Wunder. Und wir werden natürlich unser Bestes geben, damit wir auch am Ende der Saison von der Tabellenspitze runterlächeln können.

Artikel 7 von 11