Rosenheim – Vor 30 Jahren ist der erste Beinschuss als Schwarz-Weiß-Magazin erschienen. Jeden Dienstag gab es darin die Spielberichte des Wochenendes aus dem heimischen Amateurfußball zu lesen. Heute ist das Online-Portal beinschuss.de ausschließlich im Internet zu finden, Spielberichte und Fotostrecken werden rund um die Uhr veröffentlicht. In drei Jahrzehnten veränderte sich enorm viel – nicht nur im Beinschuss, sondern auf der ganzen Welt. In Teil 3 der 30-Jahre-Beinschuss-Serie reisen wir zurück ins Jahr 1996: Politische Ereignisse, die die Welt bewegen, Bierhoffs Golden Goal und die Protagonisten im heimischen Amateurfußball.
Festnetz und Zeitung statt Smartphone und Google
Sommer 1996 – die Zukunft ist bereits sichtbar, aber noch nicht angekommen. Internet, Mobiltelefone und andere digitale Technologien gibt es bereits, sind aber noch längst kein selbstverständlicher Teil des Alltags. Sie sind vergleichsweise teuer und daher für viele Menschen eher Luxus als Notwendigkeit. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung besitzt beispielsweise einen Internetanschluss oder ein Mobiltelefon. Der Alltag der meisten Menschen bleibt deshalb weiterhin überwiegend analog. Ein durchschnittlicher Haushalt besteht aus Röhrenfernseher, Videorekorder und Stereoanlage. Telefoniert wird per Festnetz, Kontakte gibt es im Telefonbuch. Auf dem Tisch liegt die Zeitung. Kein WLAN, kein Smartphone, kein Google.
Deutschland ist seit sechs Jahren wiedervereinigt, die Unterschiede zwischen Ost und West allerdings noch deutlich. Bundeskanzler Helmut Kohl befindet sich in seiner vierten Amtszeit und wird mit über 5.000 Tagen im Amt Deutschlands Rekordkanzler. Die Bundesregierung tagt noch immer in Bonn, obwohl Berlin seit 1990 die Hauptstadt ist. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, besonders in Ostdeutschland sind die wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung noch deutlich. Die Diskussionen um den Sozialstaat, Renten, Arbeitslosigkeit und Kürzungen sind allgegenwärtig – im Juni 1996 demonstrieren in Bonn rund 350.000 Menschen gegen die Finanz- und Sozialpolitik. Gezahlt wird mit D-Mark und Pfennig. Eingekauft wird in Läden, Preise vergleicht man in Prospekten oder Katalogen – nicht im Internet.
In den USA regiert Bill Clinton, in Russland setzt sich Demokrat Boris Jelzin gegen den Kommunisten Gennadi Sjuganow durch – der Westen atmet auf. Belgien schafft als letztes europäisches Land die Todesstrafe ab. Südafrika befindet sich mitten im gesellschaftlichen und politischen Umbau. Nelson Mandela spricht im Bundestag und bedankt sich bei den Deutschen für die Unterstützung im Kampf gegen die Apartheid. In Israel gewinnt Benjamin Netanjahu überraschend die Präsidentschaftswahl. In Afghanistan nehmen die Taliban im September 1996 Kabul ein.
Einige Katastrophen bewegen die Welt. Die Irish Republican Army (IRA) beendet die Waffenruhe mit einem Bombenanschlag im Londoner Stadtteil Docklands. Zudem erschüttert das Dunblane-Massaker in Schottland, bei dem 16 Grundschulkinder und eine Lehrerin getötet werden, Großbritannien und löst eine massive Debatte über Waffenbesitz aus. Beim Massaker von Qana im Libanon werden während eines israelischen Militäreinsatzes über 100 Zivilisten getötet. Die Tragödie sorgt weltweit für Entsetzen und wird zu einem prägenden Ereignis im Nahostkonflikt. Im Mai folgt die Mount-Everest-Katastrophe: Bei einem schweren Sturm sterben mehrere Bergsteiger, darunter bekannte Expeditionsleiter. In den Vereinigten Staaten wird der „Unabomber“ Theodore Kaczynski gefasst, nachdem seine Anschläge die USA über Jahre beschäftigt hatten. Am 17. Juli stürzt TWA (Trans World Airlines)-Flug 800 vor Long Island (New York City) ins Meer – alle 230 Passagiere sterben. Der Absturz sorgt für Spekulationen. Zwei Tage später starten die Olympischen Spiele in Atlanta. Muhammad Ali, der sichtbar bereits stark an Parkinson leidet, entzündet die olympische Flamme mit einem emotionalen Auftritt. Die Spiele 96 werden vom Olympic-Park-Anschlag – zwei Menschen sterben bei einem Bombenanschlag – am 27. Juli überschattet, aber trotzdem fortgesetzt.
Hollywood befindet sich mitten in der großen Blockbuster-Ära: Die Filmreihe „Mission: Impossible“ mit Tom Cruise startet im August und Will Smith wird durch „Independence Day“ zum Megastar. Im Radio läuft der absolute Sommerhit „Macarena“ von „Los del Rio“ rauf und runter. Genauso wie „Coco Jamboo“ (Mr. President), „They Don’t Care About Us“ (Michael Jackson) oder „Killing Me Softly“ (FuGees). Rapper Tupac Shakur ist noch am Leben, wird aber am 13. September erschossen.
Southgate vergibt Elfer, Bierhoff entscheidet Finale
Während Victoria „Posh Spice“ Adams und die „Spice Girls“ mit dem Hit „Wannabe“ ihren Durchbruch feiern, befindet sich ganz England – darunter der 21-jährige Shootingstar David Beckham, Victorias heutiger Ehemann – im Fußballfieber. Im Halbfinale der Europameisterschaft 1996 gegen Deutschland ist die Reise der Engländer allerdings beendet. Nach zwei frühen Toren durch Alan Shearer und Stefan Kuntz geht die Partie mit 1:1 ins Elfmeterschießen. Gareth Southgate scheitert als sechster Schütze an Andreas Köpke und Andreas Möller donnert die Kugel zum Finaleinzug unter die Latte. Im Finale bezwingt Deutschland Tschechien, der eingewechselte Oliver Bierhoff gleicht per Kopf aus (73.) und erzielt in der Verlängerung nach Zuspiel von Jürgen Klinsmann per Drehschuss das erste Golden Goal in einem Endspiel. Der DFB mit Bundestrainer Berti Vogts sowie Kapitän – und „Beinschuss-Model“ – Jürgen Klinsmann ist Europameister.
1860 wird Achter und spielt im Europacup
In der Champions League setzt sich Juventus Turin im Finale im Elfmeterschießen gegen Ajax Amsterdam durch, wird in der Liga aber Zweiter hinter dem AC Mailand. Manchester United gewinnt den zehnten englischen Meistertitel, Alan Shearer wird zum zweiten Mal in Folge Torschützenkönig. In Spanien feiert Atlético Madrid die Meisterschaft vor Valencia und Barcelona, Real Madrid belegt nur Platz sechs. AJ Auxerre wird in Frankreich zum ersten und einzigen Mal Meister. In der Bundesliga krönt sich Borussia Dortmund mit Ottmar Hitzfeld zum zweiten Mal in Folge zum Deutschen Meister, Bayern wird Zweiter und 1860 München qualifiziert sich als Achter für den UEFA-Intertoto-Cup.
Im heimischen Amateurfußball ist der TSV 1860 Rosenheim das Maß aller Dinge. Die Mannschaft von Trainer Bernd Weiß steigt in der Saison 1996/97 in die heutige Regionalliga (damals Bayernliga) auf. Thomas Rothstein (21 Tore) und Armin Parstorfer (17) schießen die Sechziger zum Bayernliga-Meistertitel. In der Landesliga wird der TSV Ampfing Erster. Die Torschützen-Kanone räumt Freilassings Bernhard Brüderl mit 23 Buden ab.
In der Bezirksliga wird Ebersberg mit Ex-Bayernprofi Norbert Janzon als Trainer Meister. Bad Endorf belegt mit Trainer Franz Danzl Rang drei, Wasserburg wird mit Coach Hubert Kleinschwärzer Sechster, der SB/DJK Rosenheim mit Norbert Eder Neunter, Westerndorf mit Trainer Josef Stockbauer Elfter und der ESV Rosenheim – den Hans-Jürgen Ziegler während der Saison von Miro Datko übernommen hat – steigt als Drittletzter ab. 1860 Rosenheim II schafft mit sechs Siegen in Folge (viermal Liga, zweimal Relegation) noch das Wunder Klassenerhalt. Torschützenkönig wird Westerndorfs Thomas Rohner mit 17 Treffern.
Nußdorfs Franz Schick ballert sich in der Kreisliga 1 zum Torschützenkönig, der Ex-Profi trifft 27-mal. Roland Hattenberger und der TuS Raubling stehen am Ende an der Tabellenspitze. In der Kreisliga 2 wird der TSV Reischach mit Top-Torjäger Thomas Vitzthum (26 Tore) vor dem SV Kirchanschöring Meister.
In den Kreisklassen sind alle Augen auf den TSV Buchbach gerichtet: Der Aufsteiger marschiert durch die Kreisklasse 3 und schafft ohne Niederlage mit 14 Punkten Vorsprung den Durchmarsch in die Kreisliga. Das Team von Anton Bobenstetter stellt zu dieser Zeit eine unfassbare Ungeschlagen-Serie auf, die im weiteren Verlauf der 30-Jahre-Beinschuss-Serie noch genauer beleuchtet wird.
Im Rosenheimer Jugendfußball kicken 1996 einige Spieler, deren Namen heute in der Region, in Deutschland oder sogar auf der ganzen Welt sehr bekannt sind. Die von Wolfgang Schellenberg (heute Coach der 1860-Bayernliga-Herrenmannschaft) trainierte C-Jugend des TSV 1860 Rosenheim legt mit einem 7:4 gegen Starnberg einen tollen Start in die Bezirksliga-Saison hin. Unter den Torschützen: ein gewisser Bastian Schweinsteiger und Maxi Nicu (später Hertha BSC Berlin, Freiburg und 1860 München). Den B-Junioren macht der heutige Bayernliga-Coach beim TSV Wasserburg, Florian Heller, Beine. Beim 4:0 gegen Neuperlach trifft er zweimal, beim 6:1 gegen Fürstenfeldbruck dreimal. Ab und zu hilft der 15-jährige Heller sogar schon bei den A-Junioren aus und macht auch dort eine Bude nach der anderen.
Rosenheimer Jugend vor Bayern und 1860 München
Im August fährt Oberbayern-Auswahltrainer Richard Neumeier († 2022), Vater von OVB-Sportchef Thomas Neumeier, mit mehreren Rosenheimer Talenten zum Bayern-Bezirksvergleich nach Oberhaching. Mit dabei sind die späteren Profis und Wasserburg-Trainer Florian Heller und Leo Haas sowie Thomas Hitzlsperger vom FC Bayern. Anfang November schlägt die 1860-C-Jugend Gartenstadt Trudering mit 2:0 – dank der Mittelfeld-Achse Schweinsteiger/Nicu, heißt es im Beinschuss. In der Tabelle grüßen die Sechziger vor dem FC Bayern, 1860 München, Ingolstadt und Unterhaching von der Spitze – das waren noch Zeiten!
Am Ende der Saison 96/97 wird Heller, später Profi bei Greuther Fürth, Erzgebirge Aue und Mainz 05, mit den Rosenheimer A-Junioren Meister und steigt in die Bayernliga auf. Schweinsteiger und Nicu werden mit den C-Junioren Vizemeister hinter 1860 München. Heller geht zum FC Bayern, Schweinsteiger spielt auch 97/98 noch für die Sechziger C-Jugend und wird unter Trainer Klaus Seidel oberbayerischer Hallenmeister. Heller und Haas werden im Frühjahr 1998 nach tollen Auftritten mit der BFV-Auswahl von U16-Nationaltrainer Erich Rutemöller zum DFB-Lehrgang eingeladen.
Wiesn ohne Prosecco-
Stadl oder Tatzlwurm
Und was passiert in der Stadt Rosenheim? Der alte Hofbräu-Komplex an der Kaiserstraße wird nach jahrelangem Verfall saniert und im November 1996 wird der neue Hofbräu feierlich eröffnet. Rund 30 Millionen D-Mark wurden investiert. Und das ist für einen Abend in Rosenheim besonders interessant, denn dort entsteht Wieningers Hofbräu und die Oscar’s Bar, die es noch heute gibt (Oscaers). Auf dem Herbstfest kostet die Mass weniger als fünf Euro, es gibt weder den Prosecco-Stadl, noch den Tatzlwurm. Am Salzstadel geht man statt in die Stadtbücherei ins Lokal „Copacabana“.
Die Starbulls spielen in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) – die höchste deutsche Spielklasse wurde zur Saison 94/95 gegründet. Amtierender Meister ist die Düsseldorfer EG. Die Rosenheimer Heimspiele finden im Marox-Stadion statt, 1996 folgt die Umbenennung zum Kathrein-Stadion.
„Ja, das war noch eine ganz andere Welt“, erinnert sich Beinschuss-Mitgründer Ludwig Simeth. Das stimmt: Man konnte noch nichts im Internet nachschauen oder Fotos mit dem Handy hochladen – die waren noch lange nicht digital. Stattdessen wurden die Filme vom Wochenende erst am Montag im Fotolabor entwickelt. Und genau zu dieser Zeit entstand in einem kleinen Kellerraum am Rosenheimer Stadtrand etwas, das für alle Fußball-Interessierten den Anfang einer neuen Ära markierte. Am 30. Juli 1996 erschien der erste Beinschuss – und der Rest ist Geschichte…