Nizza/Rosenheim – Antonia Niedermaier hat Geschichte geschrieben: Als erste deutsche Radsportlerin seit der Neuauflage der Tour de France Femmes sicherte sich die 23-jährige Rosenheimerin ein begehrtes Wertungstrikot. Auf der finalen Etappe verteidigte sie das Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin souverän.
Im Gesamtklassement rückte Niedermaier wegen des Sturzes von Marlen Reusser sogar noch auf den vierten Rang vor. Den Gesamtsieg sicherte sich zum zweiten Mal nach 2023 die Niederländerin Demi Vollering. „Es dauert noch ein bisschen, bis man das realisiert“, sagte die Bruckmühlerin in der ARD. „Es war eine supertolle Tour, ich freue mich, dass es so ein gutes Ergebnis geworden ist. Leider ist es für Kasia nicht Gelb geworden, aber wir sind stolz auf sie.“
Niedermaiers Rolle bei der Tour war von Beginn an klar definiert. Teamkollegin Kasia Niewiadoma – Tour-Siegerin 2024 – war als Kapitänin gesetzt. Die Oberbayerin stellte sich in den Dienst der Mannschaft. „Ich habe die Helferrolle für Kasia Niewiadoma – und das ist auch völlig okay. Es ist meine erste Tour de France und ich freue mich total. Wir schauen einfach mal, was das wird und wie ich da fahren kann“, sagte sie vor der Rundfahrt im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen. Diese Bescheidenheit täuschte über ihre Stärke hinweg. Auf der fünften Etappe mit 2.880 Höhenmetern schlüpfte die ausgewiesene Kletterin direkt ins Weiße Trikot. Auf der sechsten Etappe übernahm sie als Gesamtvierte die Führungsarbeit in einer Verfolgungsgruppe. Damit verhinderte sie einen Angriff von Elisa Longo Borghini auf Niewiadoma. Auf der finalen Etappe sorgte Niedermaier am letzten Anstieg erneut für das Tempo in der Favoritengruppe. Den Angriff ihrer Teamkollegin konnte nur Vollering folgen.
Mit ihrem vierten Gesamtrang und dem Gewinn des Weißen Trikots bei ihrem Tour-de-France-Femmes-Debüt setzte die 23-Jährige direkt ein Ausrufezeichen – und hofft nun auf Signalwirkung für den Nachwuchs. „Ich hoffe, dass es eine Inspiration für die jungen Mädchen ist, die Rad fahren“, sagte Niedermaier in der ARD. „Ich hoffe, dass ich sie begeistern und aufs Rad kriegen kann.“
In ihrem Team, dem deutschen Rennstall Canyon// SRAM, ist man überzeugt, dass ihr Auftritt erst der Anfang war. „Wir werden sie weiterentwickeln und hoffentlich zur nächsten Tour-Siegerin machen“, sagte Teamchef Ronny Lauke. Sportdirektor Rolf Aldag sieht die Zukunft seiner Fahrerin ebenfalls positiv: „Es war alles neu und groß für sie. Für sie ist das ganz toll. Irgendwann wird sie hoffentlich die Farbe von Weiß in Gelb tauschen.“
Niedermaier steht bei Canyon noch bis Ende 2028 unter Vertrag. „Was danach passiert, weiß ich nicht“, sagte Lauke. „Zumindest haben wir jetzt zwei Jahre, in denen wir mit ihr gut arbeiten können. Die Perspektive mit ihr könnte nicht besser sein. Sie hat das Potenzial, sie hat noch Reserven. Sie kann noch viel lernen, reifen. Da wollen wir sie begleiten und ihr helfen.“
Niedermaiers Weg an die Weltspitze ist ungewöhnlich. Die gebürtige Rosenheimerin war einst Profi-Skibergsteigerin. Ihre Kletterqualitäten brachte sie dabei nahtlos in den Radsport ein. Beim Giro d‘Italia 2026 hatte sie bereits aufhorchen lassen und belegte den zweiten Gesamtrang.
Nach den Strapazen der Tour will Niedermaier nun zunächst Abstand vom Rennzirkus gewinnen. „Ich freue mich am meisten darauf, daheim zu sein, am See zu liegen mit Frieda (ihr Hund, Anm. d. Red.) und Jakob (ihr Partner) und die Zeit zu genießen.“obe/re